Was geht in Island nach dem Staatsbankrott? Unser Autor Tim Caspar Böhme hat Musiker getroffen, die entschlossen der Depression trotzen und sich auf Selbstgemachtes besinnen. Warum man sich vor der Stille nicht fürchten muss, erklären die Isländer Klive, Kira Kira und Gus Gus.
Text: Tim Casper Böhme aus De:Bug 137


Klive

Die Wände im Café Karamba sind vollgemalt mit seltsamen Figuren. Kindlich wirken sie, zugleich ein wenig unheimlich. Im hinteren Teil des Raums lauert ein riesenhaftes unförmiges rosa Monster ohne Augen und mit langen Armen, dicht daneben fliegen grimmig dreinblickende Hutzelgestalten umher. Nimmt jemand auf dem Sessel darunter Platz, sieht es aus, als würden sie um den Kopf des Gasts kreisen.

Es ist Sonntagnachmittag in Reykjavik, auf dem Sessel sitzt Kira Kira und spricht über ihre Musik. Dass sie seit wer weiß wie vielen Jahren schon Alpträume hat und ihre Stücke als Therapie versteht, für sich wie für die Hörer. Brachiale Methoden wie Schocktherapie lehnt sie jedoch ab, man könnte ihren musikalischen Ansatz eher eine Alptraumgesprächstherapie nennen.

“Von seinen Alpträumen zu erzählen ist an sich schon sehr heilsam. Wenn man das tut macht man den Schrecken öffentlich und nicht selten wird er dadurch leicht komisch.” Gruselig klingt die Musik ihres neuen Albums mit dem passenden Titel “Our Map to the Monster Olympics” kaum. Dafür surreal verträumt, mal ein wenig psychedelisch, mal mehr nach schrägem Kinderfolk. Wohl nicht von ungefähr ähneln die Traumwesen, die das Cover bevölkern, den bunten Ungetümen im Karamba.

Inneres Licht und Schuldenlast
Träume sind nicht nur Thema von Kira Kiras Musik, sie sind zudem mitverantwortlich für die stilistische Richtung, die Kristin Björk Kristjánsdóttir insgesamt eingeschlagen hat. Ihrer Mutter war einst im Traum die verstorbene Schwester erschienen und hatte sie geheißen, der Tochter eine Gitarre zu kaufen. “Meine Mutter erzählte mir nichts davon, sie wachte auf und ging ins Musikgeschäft. Tatsächlich hatte ich schon für mich beschlossen, dass ich Gitarre spielen will. Dabei dachte ich eigentlich an eine elektrische Heavy-Metal-Gitarre, doch sie kaufte eine akustische für mich.”


Kira Kira

Hört man Kira Kira zu, wie sie mit strahlenden Augen von Dingen wie dem “inneren Licht” spricht, das sie beim Musikmachen inspiriere, scheint die spekulationsbedingte Schuldenlast in der das Land seit einem guten Jahr zu ertrinken droht – pro Kopf sollen es zwei Millionen Dollar sein –, weit entfernt. Diese Unbeschwertheit ist jedoch keinesfalls bloße Naivität. In der Musikszene Islands ist man sich der ökonomischen Großwetterlage völlig bewusst, ohne dass sich Panik breit machen würde: “Die Szene wird dadurch nur stärker. Die allgemeine Einstellung ist: Wir können es nicht zulassen, dass uns diese Sache runterzieht.” Wer Musik macht sei gegenwärtig umso eher bereit ein neues Festival oder Konzert zu organisieren. Nicht zuletzt gilt die isländische Musikindustrie als einer der Exportschlager des Landes.

An diesem Nachmittag ist nicht viel los im Karamba. Vorn an der Bar stehen ein paar Gäste, später findet noch ein Kindergeburtstag statt, deshalb schließt man früher als sonst. In der Nacht zuvor hatte das kleine Eckcafé mit der leicht alternativen Atmosphäre noch einem Hexenkessel geglichen: zum Bersten vollgepackt mit jungen Leuten, die übereinandergestapelt und reichlich euphorisch zu einem skurrilen wie stimmigen Mix aus House, Elektro, Indie und sonstwas tanzten. Sofern man sich überhaupt bewegen konnte.

Karambolage im Puppenhaus
Das Karamba liegt in der Laugarvegur, Haupteinkaufsstraße, Feiermeile und Zentralachse für das Geschehen in der Stadt. Für eine Landeshauptstadt alles in allem eine beschauliche Angelegenheit. Hochhäusern begegnet man praktisch nirgendwo, meistens sind zwei bis drei Geschosse pro Gebäude an der Tagesordnung. Bei einer Stadt mit rund 200.000 Einwohnern, rund zwei Dritteln der Gesamtbevölkerung von Island, eigentlich wenig überraschend. Trotzdem wirkt alles mit seinen bunten Farben bemerkenswert puppenhausartig, übersichtlich und sauber.

Zumindest tagsüber. Nachts strömen hier am Wochenende Massen von jungen Menschen und Bier: zerborstene Flaschen liegen auf dem Pflaster, so mancher Mageninhalt ist zu begutachten und man hat den starken Eindruck Islands demographische Struktur beschränke sich auf ein Altersspektrum zwischen 20 und 25. Eine Bar reiht sich an die andere, draußen wie drinnen drängt sich der Nachwuchs des Inselstaats. Clubs im eigentlichen Sinne sieht man nicht, von Technoclubs ganz zu schweigen. Da die musikalische Szene in Island insgesamt sehr übersichtlich ist, gibt es auch keine große Technoszene. Ein Laden von der Größenordnung des Berghain wäre in Reykjavik undenkbar. Das Nachtleben funktioniert in wesentlich kleineren Einheiten.


GusGus

Techno in der Kneipe
“Man hat sehr häufig so etwas wie einen Bar-DJ,” erzählt Biggi “Veiran” Thórarinsson von GusGus in einer Bar wenige Schritte vom Karamba entfernt. “Da es keine großen Clubs gibt, ist Techno immer mit anderen Musikstilen verknüpft und wird nicht so streng angegangen. In Island findet Techno halt in der Bar statt, nicht exklusiv im Club.” Vielleicht auch ein Grund, weshalb sie den Stil ihres aktuellen Albums “24/7” als Techno Soul bezeichnen.

Die Überschaubarkeit des Landes verleitet Außenstehende allerdings manchmal zu Verallgemeinerungen, denen Isländer mitunter wenig abgewinnen können. Úlfur Hansson zum Beispiel, der als Klive mit field recordings experimentiert, wenn er nicht in seiner Hardcore- Noise-Band spielt, kann nicht recht nachvollziehen, warum isländische Bands oft in einen Topf geworfen werden, nur weil sie einen Hang zu eigenwilligen Klängen und Stimmungen haben: “Mir erscheint es merkwürdig, Sigur Rós, Múm und Björk zu vergleichen. Meiner Meinung nach leben die in völlig verschiedenen Welten. Ich finde es interessant, dass manche Leute glauben es gebe da irgendeine Verbindung.” Die kollektive Schrulligkeit des “isländischen Sounds” – ein kontinentaleuropäischer Exotismus?

Draußen am Meer
Tatsächlich klingt Klive wie kaum eine andere isländische Band, auch nicht wie Kira Kira, mit der er in diesem Herbst gemeinsam auf Tour geht. Wie viele andere junge isländische Bands spielen beide dieses Jahr im Rahmen des Nordrid-Festivals sowohl in Reykjavik als auch in Deutschland, gewissermaßen als Repräsentanten der exzentrischeren Seiten isländischer Klangerzeugnisse. Bei seinem Konzert im Club Sódóma steht Klive mit Bass an seinem Laptop, zu ihm gesellen sich neben einem Gitarristen noch zwei Trompeterinnen und eine Hornistin, alle Anfang zwanzig. Seine Musik wirkt beinahe wie streng strukturierte moderne Kammermusik mit hohem Sampleanteil und sehr rudimentären Beats. Dabei entstehen die meisten Stücke beim Improvisieren über Samples.

Seine Klänge sammelt Klive oft unterwegs auf Reisen, ein Aufnahmegerät hat er stets dabei. Die schönsten Klänge hat er jedoch nicht in der Fremde oder der Einsamkeit der isländischen Weiten gefunden, sondern in Reykjavik. “Es gibt so eine sonderbare romantische Vorstellung, dass alle in Island ihre Musik draußen am Meer schreiben.” Sein beeindruckendes Debütalbum “Sweaty Psalms” hat er hingegen im Keller der Eltern aufgenommen.

Auch Kira Kira holt sich ihre Inspiration nicht beim Wandern über bemooste Lavafelder, selbst wenn man ihr so etwas mühelos abnehmen würde. Für sie ist es viel wichtiger der Enge der Insel immer wieder zu entfliehen, nach Japan und anderswo. Der Einfluss des Landes sei sowieso vorhanden: “Ich muss nicht hier sein, damit es mich in meiner Arbeit beeinflusst, es steckt dauerhaft in meinem System. Wenn ich fortgehe wird die Gegenwart meiner Heimat nur verstärkt.” Seit einigen Monaten wohnt sie in Hannover, im Herbst zieht sie nach Berlin. Ihr Kollege Helgi Hrafn Jonsson, der englischsprachigen Folk macht und im November durch Deutschland tourt, hat seinerseits einige Zeit in Österreich gelebt – was man seinem Deutsch deutlich anhört.

Dass das Land irgendeinen Einfluss auf seine Einwohner haben muss, mag man sich als Ausländer kaum anders vorstellen. Fährt man ein wenig durch die kargen Mondlandschaften außerhalb Reykjaviks, in denen Bäume fast so selten sind wie Menschen, ist man versucht abenteuerliche Bezüge zu den Besonderheiten der isländischen Musik herzustellen. Die wellenförmig diffusen Gesteinsformationen aus Lava mit ihrem spärlichen Bewuchs erscheinen auf den ersten Blick monoton, um nach und nach eine Vielzahl von Nuancen erkennen zu lassen. Die zahllosen Grau-, Grün-, Gelb- und Brauntöne, auf die man dort stößt, sorgen mitsamt den Vulkanen am Horizont für einen vollends außerirdischen Eindruck des Panoramas. Keine Frage, die Musik in diesem Land muss einfach anders klingen. Der in der Bevölkerung verbreitete Glaube an Elfen und Trolle erscheint in freier Wildbahn natürlich auch gleich viel nachvollziehbarer.


Helgi Hrafn

Keine Anst vor der Stille
“Das Elfenthema kommt immer bei den deutschen Journalisten auf”, amüsiert sich Anna Hildur vom isländischen Musikexportbüro. Zwar will sie nicht recht an Elfen glauben, doch kann sie genügend Geschichten erzählen, die so haarsträubend wie alltäglich sind. Zum Beispiel die von dem Haus, das in einer Straße neben einem von Elfen bewohnten Stein gebaut wurde, was dazu führte, dass nicht nur das Haus, sondern auch der Stein eine eigene Hausnummer bekam.

Kira Kira, deren Musik mühelos Elfenaffinität erkennen ließe, stimmt ohne weiteres zu, dass dieser Glaube sehr verbreitet ist. Sie selbst kann mit alldem wenig anfangen: “Die klassische Haltung gegenüber Elfen lautet in Island: ’Ich bin noch nie einer Elfe begegnet und glaube auch nicht an sie – aber du solltest niemals über den Hügel dort gehen!’ Irgendwie ist das niedlich.”

Auch wenn keiner der isländischen Musiker sich zu Elfen bekennen will, glauben sie andererseits alle, dass die gegenwärtige Krise des Landes letztlich etwas Gutes bewirkt hat. “Durch die Finanzkrise hat man den Blick wieder etwas nach innen gerichtet”, so Biggi Thórarinsson. “Ich denke wir sollten die Zeit dazu nutzen, die Dinge neu zu bewerten und zu überlegen, was an unserer Denkweise nicht stimmte. Denn diese Geldbesessenheit zerstört den Geist der Menschen.”

Klive stimmt ihm zu: “Meine Generation verwirklicht zum ersten Mal Werte, die meiner Meinung nach viel gesünder sind als der Materialismus.” Musik kann man schließlich auch ohne viel Geld machen und sie wird dadurch kein bisschen weniger gebraucht. Kira Kira ist überzeugt: “Gute Musik wird immer ihren Weg finden. Vor der Stille müssen wir uns nicht fürchten.”

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Elektronische Lebensaspekte.