Ach, wie einen Sigur Ròs wieder entführen in ihre Bombastkathedralen hinter Nebelschleiern. Die Isländer haben für ihr namenloses neues Album noch eine spektakuläre Tonne Unwirklichkeit dazugegeben. Ziemlich unwirklich gestaltete sich auch das Interview ...
Text: Sasha Horsley aus De:Bug 66

780 ist nicht etwa die Haarlänge in Millimetern von einem der Bandmitglieder. Es ist auch nicht der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von frischem Fisch eines Isländers. 780 zeigt das Zählwerk meines Aufnahmegeräts an, nachdem C. aus K. seine erste Frage gestellt hat.
Kurze Erklärung: Es wird ein harter Interviewtag für Sigur Ròs. Nach ihrem letzen Album “Agaeptis Byrjun” sind die Erwartungen groß. Viele wollen mit ihnen reden. Um allen eine Chance zu geben, hat man sich überlegt, immer zwei Redakteure zu einem Termin zu bestellen. Fragen kann man abwechselnd. Teil des Konzepts ist es, dass die Magazine so gar nix miteinander gemein haben. Die Redakteure übrigens auch nicht!
Der andere schaut mich also kampfbereit an und meint: “You don’t mind if I fire the first Question?”
C aus K.:
Wie ist es, Sigur Ròs im Jahr 2002 zu sein?
780, ihr erinnert euch? Das Zählwerk – es läuft weiter …
Stille.
781, 782, 783, Orri, der Schlagzeuger, schielt auf seine Füße. Er überzeugt sich davon, dass die Schnürsenkel seiner Camouflage-Chucks gebunden sind. 785, 786.
ORRI:
Haben wir schon 2002?
Nervöses Gelächter. Georg fummelt drei verschiedenfarbige Kapseln aus seiner Hosentasche und spült sie nacheinander runter.
C aus K. gibt einen Tip:
Gibt es einen Unterschied zu letzem Jahr oder dem davor?
Noch immer keine Entspannung in Sicht.
DEBUG:
Georg, nimmst du beispielsweise weniger Tabletten …?
Orri lacht und meint:
Neee, das werden immer mehr.
GEORG:
Die erste Frage ist ja noch nicht beantwortet, Orri kümmert sich darum!
ORRI schluckt:
Hm, also ich weiß nicht, das ist eine eigenartige Frage … Hm. Wir fühlen uns gut. Danke.
C aus K feuert die zweite Frage:
Heißt das, ihr findet dieses Album befriedigender als das letzte. Es hört sich offensichtlich anders an als der Vorgänger?
GEORG:
Also wir sind nicht direkt glücklicher mit dem jetzigen als mit dem davor, aber wir sind natürlich schon glücklich. Weil wir es überhaupt fertig gekriegt haben.
Gekicher.
Vielleicht gibt es einige, wenige, denen Sigur Ròs zu melodramatisch sind. Zu schwer, wenig hopsig, aber bitte meine Herren, Sigur Ròs ist schließlich nichts, was man beim Bügeln hört. Vielleicht denkt mancher an ein Rudel Wale, das beim Paddeln durch die Tiefsee leise vor sich hin summt, vielleicht an Eisblumen, die auf den Scheiben einer kuschligen Fischerhütte in Island entstehen. Egal ob man eher der romantische Schwafler oder eben der straighte Bügler ist, zum Hören von Sigur Ròs braucht man Zeit. Und wenig Gesellschaft. Wenig, das ablenkt. Sie nehmen dir die Fernsteuerung des Alltags.

Das neue Album ist ein wenig lauter als der berühmte große Bruder. Ein bisschen rockiger vielleicht. Noch immer nicht kategorisierbar. Gesang gibt es fast gar nicht mehr. Auch keine Titel für die einzelnen Stücke oder überhaupt für das Album. Die jungen Männer professionalisieren sich zunehmend. Sie müssen kein Studio mehr mieten, sie haben jetzt ihr eigenes. Sie machen keine Musik, um viele Platten zu verkaufen, um irgendwann Island verlassen zu können, sondern um der Musik willen. Alles was mit ihr zu tun hat, bleibt in ihren Händen oder in denen guter Freunde, wie zum Beispiel das Bühnenlicht auf ihren Konzerten. Da steht Georg, der seine Gitarre mit einem Geigenbogen berührt … und um einen rum fangen die Menschen an zu weinen.
DEBUG:
Was für ein Gefühl ist das, wenn man Menschen mit seiner Musik zum Weinen bringt?
ORRI:
Sie weinen ja gar nicht alle. Aber es stimmt schon, dass es sich gewaltig anfühlt. Für uns genauso wie für die Zuhörer. Wir freuen uns über jeden, den wir berühren, egal in welcher Form er es dann rauslässt.
GEORG:
Bei uns ist es nicht so, dass einer die Texte schreibt und sich dann dazu alle eine Melodie ausdenken und sie dem Text entsprechend zurecht münzen. Es gibt nicht diese eine bestimmte Philosophie, die mit Worten beschrieben werden muss. Wir setzen uns hin und spielen. Die Stücke beginnen zu leben, werden größer. Manchmal sing’ ich dann mit, das ist noch nicht mal immer isländisch.
Das etwas missglückte Interview sollte ein Konzert in der Hauptstadt entschädigen … sollte, hätte können. Der erste Tourbus gab an der polnischen Grenze auf, der nächste dann kurz vor Berlin.
Die Band und alle Besucher sind zutiefst betrübt. Damit nächstes Jahr alles besser wird, versuchen sie es nochmal. Voraussichtlich im Februar. Auf keinen Fall verpassen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.