iso68 erfinden auf ihrem neuen Album ihre ganz persönlichen Filmmusiken, die, gleichberechtigt mit Sampler und akustischen Instrumenten eingespielt, einem das Regenwetter schmackhaft machen. Eine sanfte, vorsichtige Reise in eine Welt, über die man viel zu selten nachdenkt.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 69

Wo bleibt der Regen?
Iso68

Der eigentliche Plan geht schief. In der Regel sehne ich kein Regenwetter herbei, aber für die Anreise zum iso68 Interview hatte ich fest mit grauem Himmel gerechnet. Irgendwie passt das besser zu ihrem neuen, gigantischen Album “Here / There”, das zu einem Meilenstein der Schnittstelle zwischen allen Welten werden dürfte. Thomas LeBoeg (auch Kante) und Florian Zimmer (auch Lali Puna und ehemals auch Fred Is Dead) arbeiten derart behutsam und speziell an dem Zusammenspiel von Elektronik und akustischen Instrumenten, dass man einfach konstatieren muss: So was hat es noch nie gegeben. Punkt. Kein Widerspruch erlaubt.
Lange war der Notizblock nicht mehr so leer. “Here / There” hinterlässt einen sprachlos. Voller Freude und Zuversicht und doch stumm. Man will einfach nicht die üblichen Fragen stellen, wie das denn funktioniert hat mit Akustik und Elektronik, worum es überhaupt geht und warum die Platte so klingt, wie sie klingt. Viel lieber die CD vielleicht nochmal einlegen und sie gemeinsam mit den beiden hören, Gedanken austauschen, sich vielleicht kleine Details erklären lassen, mehr erfahren über Motivation und Resultat und ob in den Köpfen von Thomas und Florian auch ständig Fahrräder von links nach rechts fahren. Aber im Café, wo man sich zum Frühstück trifft, läuft schon Musik und die Kinder plärren in ihren Apfelsaft und so rückt man näher zusammen und hangelt sich doch konventionell durchs Interview.

Hier und da

iso68 ist eine Band, die gelernt hat, mit der Entfernung zu leben. In Würzburg 1996 von Thomas und Jochen Kleinhenz gegründet, stieß Florian, aus München pendelnd, dazu, weil ihn interessierte “wie man in dieser improvisierten Elektronik als Schlagzeuger wohl seinen Platz finden könnte.” Geprägt durch den gesamten SST-Backkatalog fühlte es sich komisch an, bei den Proben sehr leise spielen zu müssen (Proberaum in Thomas’ Wohnung) und auch das mit der Elektronik war zunächst nichts für den Schlagzeuger. Als Thomas dann nach Hamburg zog, war die zukünftige Arbeitsweise klar. Midispuren und Sounds reisten fortan mit der Post. Nachdem die erste LP fast ausschließlich auf Samples basierte, die stark verfremdet aus ihrem eigentlichen Kontext herausgelöst wurden, hat sich “Here / There” völlig aus eigenen Klängen entwickelt, die zunächst elektronisch von Nord nach Süd und zurück pendeln und dann im Studio beim gemeinsamen Feinschliff gegen akustische Instrumente ausgetauscht werden. Und damit, endlich, sind wir mitten drin in der iso68 Welt. Die unwahrscheinlich fluffige Vermischung von Elektronik und Akustik, die sonst einfach niemandem so gelingt. Da kann es passieren, dass Tracks wie “Moontrain” extrem verrauscht elektronisch beginnen, man nur noch auf die Glitch-Invasion wartet, doch alles was kommt, ist ein rumpeliges Piano, das den Track komplett umdreht. Ein unhörbarer Bruch, denn ist man einmal in das Stück eingetaucht, hat es sich in der rauschigen Fizzelei bequem gemacht, ist eben dieses Piano das einzige, worauf man gewartet hat. “Ich spiele einfach sehr viel”, sagt Thomas. “Dadurch wirkt vieles vielleicht organischer. Ich quantisiere auch wenig. Klavier, Bass, das wird alles einfach gespielt. Man kann viele Sachen in den Songs elektronisch machen, aber eben auch akustisch. Wir lassen uns viele Möglichkeiten offen. Beide Seiten sind wichtig. Es gibt nicht erst ein elektronisches Gerüst, auf das dann verkrampft versucht wird, Akustik aufzusetzen. Es kommt ja auch drauf an, wie man elektronische Musik definiert. In der Regel passiert das ja vor allem über das Schlagzeug. Auf der neuen Platte ist es schon so, dass ein Großteil der Drums akustisch sind und dann aber elektronisch verfremdet wurden, aber diesen natürlichen Flow behalten. Man kann dann einfach nicht mehr unterscheiden. Natürlich klingt die Platte sehr melancholisch. Das kommt dann halt so, die Stücke sind aber gar nicht wirklich so gemeint. Das macht aber nichts.”

Vorsicht, bitte

Die Entfernung zwischen München und Hamburg, dieses spezielle, zum Großteil isolierte Arbeiten beider Musiker führte zu einer fast schon generellen Unsicherheit gegenüber dem, was man da gerade tat. Auch wenn es keinen Masterplan für die Platte gab, die Verbindung zwischen Elektronik und Akustik, auch die Arbeit mit englischen, deutschen und französischen Texten machte die Entstehung der Platte schwierig. Eine Sorge, die mittlerweile zum Glück auf allen Seiten ausgeräumt ist. “Wir haben uns immer wieder gefragt, ob man das so machen kann”, erinnert sich Florian. “Wo ist oben, wo unten? Passen die Texte überhaupt? Läuft die eine Spur jetzt schon zu lange? Geclickt hat es letztendlich erst, als alles aufgenommen war, die ganzen akustischen Instrumente da waren und alles kurz vor dem Mischen war. Da wurde der Bassist in acht Stunden durch alle Stücke gehetzt und alles hat plötzlich gepasst. Die Texte passten perfekt auf die Musik, auch der teilweise sehr fragmentarische Umgang mit ihnen hat weder das eine noch das andere zerstört. Da störten auch die kleinen Fehler nicht mehr, Versprecher in den Texten. Es war einfach perfekt.” Und wie. “Here / There” legt sich wie ein Wattebausch auf den Wust der Platten um uns herum und zieht die gesamte Aufmerksamkeit mit einer Leichtigkeit auf sich, dass man sich wundert, warum überhaupt noch andere Platten irgendwo dudeln. Wie in dem Café zum Beispiel. Ein Unding.

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Elektronische Lebensaspekte.