Text: vicky tiegelkamp aus De:Bug 09

ISO-8859-6 versus ASCII Der arabische Designer Rayan Abdullah im Interview Vicky Tiegelkamp vicky@berlin.snafu.de Dank ASCII-Standard kann jeder Computer 256 Zeichen darstellen. Lateinische Buchstaben, europäische Sonderzeichen und Zahlen. Eine Menge Sprachen jedoch kommen mit diesen wenigen Zeichen nicht aus: Chinesisch, Japanisch und Arabisch beispielsweise. Dafür wurden besondere Betriebssysteme und Software entwickelt. Aber das allein genügt nicht. Die globale Vernetzung spricht in erster Linie Englisch – erst in der letzten Zeit gibt es Diskussionen, wie man verschiedene Sprachen, auch nicht-europäische, auf einer HTML-Seite kombinieren kann. Auch DTP-Software ist für uns Europäer kein Problem. Meist sind sie von englischsprachigen Entwicklern programmiert und integrieren die europäischen Sonderzeichen. Schrift leitet uns durchs Leben. Informationsdesign wird immer wichtiger – unser Leben immer schneller. Menschenmassen wollen streßfrei durch Flughäfen und Bahnhöfe geschleust werden. Schneller Lesen gleich schneller das Ziel erreichen. In der arabischen Welt hat Schrift einen ganz anderen Stellenwert. Als Kunstform der Kalligraphie, hat sie eine lange Historie und ist eng mit dem Koran verbunden, der nur in arabisch verbreitet wird. Darstellungen von Menschen und Tieren sind gotteslästerlich – anstelle von Bildern werden ornamentale Illustrationen mit heiligen Sprüchen verwendet. So entstand in den islamischen Ländern eine Vielfalt traditioneller, kalligraphischer Kunst. Heute benutzt man hauptsächlich zwei Schrifttypen: Nashi für Fließtext und Kufi für Überschriften und Titel. Das arabische Alphabet hat 29 Buchstaben, wobei jedes Schriftzeichen vier verschiedene Formen hat, in Abhängigkeit der Stellung innerhalb eines Wortes und zwar am Anfang, in der Mitte, am Ende und alleinstehend. Die besonderen Merkmale der arabischen Schrift sind: Sie wird von rechts nach links geschrieben, es gibt keine Groß – und Kleinschreibung, es gibt keine Druckschrift und mit wenigen Ausnahmen sind alle Buchstaben miteinander verbunden. Die Schriften sind ornamental und genau das wirft in elektronischen Zeiten verschiedene Probleme auf. Wie könnte ein arabischer Font aussehen, der auf traditionellen Schriften aufbaut, aber schneller lesbar ist? Und eine gute Darstellung auf Computern bietet? Wie wird man in Zukunft mit arabischem Informationsdesign umgehen? Wie unterstützen Soft- und Hardware-Firmen den Bedarf an arabischer Software? Es gibt eine Menge technischer Schwierigkeiten, aber auch kulturelle. ANFANG ALEX FOLDER!!! Der Grafikdesigner und Typograph Rayan Abdullah wurde 1957 im Irak in Mosul geboren. Als 21-Jähriger verließ er seine Heimat, studierte erst in Rumänien, später in Deutschland. Heute arbeitet er als Senior Designer bei dem Corporate-Design-Unternehmen MetaDesign in Berlin und war dort u.a. an der Entwicklung des Corporate Designs der Berliner Verkehrsbetriebe beteiligt. Während seiner Studienzeit an der HdK in Berlin machte er sich Gedanken darüber “eine neue, moderne Schrift zu gestalten, die auf der Tradition der arabischen Schrift aufbaut, aber gleichzeitig unserem Zeitalter und der fortschreitenden technischen Entwicklung im Bereich der technischen Medien und Arbeitsmittel gerecht wird.” Seine Diplomarbeit 1989 behandelte das Thema: “Arabische Schrift”, und für seine Meisterschülerarbeit entwickelte er 1991 einen eignen arabischen Font: “Al -Rayan”. In Diavorträgen und auf Ausstellungen – zuletzt im Januar in Marokko – stellt er seine Schrift vor und erklärt die Historie der arabischen Schrift. Ihn interessiert, neben der kreativen Arbeit, der Austausch und die Vermittlung zwischen der westlichen und östlichen Kultur. De:Bug: Du hast als Junge schon, neben deinem Schulbesuch, Kalligraphieunterricht gehabt. Woher kam damals dein Interesse? Rayan Abdullah: Das Interesse kam nicht von mir, sondern von meinen Eltern. Hier im Westen motivieren die Eltern ihre Kinder Klavier- oder Ballettunterricht zu nehmen. Bei uns hat die Schriftgestaltung einen hohen Stellenwert. Also hat mein Vater gesagt, ich soll zu einem Kalligraphen gehen. Am Anfang habe ich gar nicht gewußt, was mich dort erwartet. Aber nach der ersten Stunde stellte ich fest, daß es gar nicht schlimm ist und sogar Spaß machen könnte. Ich lernte, wie man sein Handwerkszeug selber herstellt: wie man die Feder schneidet, das Papier und die Tinte bereitet. Als Junge habe ich drei Jahre Unterricht gehabt und später alleine weitergemacht. Heute habe ich einen anderen Lehrer. De:Bug: Du hast immer noch Unterricht? RA: Mein jetziger Lehrer wohnt in Mosul, Irak, und ist einer der renommiertesten Kalligraphen der islamischen Welt. Jedes Jahr, wenn ich in den Irak fahre, besuche ich ihn und zeige ihm meine Arbeiten. Er kritisiert und gibt mir Ratschläge. Ich habe dann wieder ein Jahr Zeit für die Umsetzung. De:Bug: Zeigst du ihm auch deine Grafik Design Arbeiten, die du in Berlin machst? RA: Oh ja! 1991 reiste ich nach längerer Zeit das erste Mal wieder in den Irak. Ich habe meine alten Kontakte wieder aufgenommen und in Mosul an der Hochschule der Künste einen Diavortrag über die Firma MetaDesign, Corporate Design und Typographie gehalten. Neben meinem Lehrer waren auch viele andere Kalligraphen und Künstler anwesend. Seitdem fragt er mich immer nach meiner Arbeit. Es interessiert ihn sehr und er versucht Vergleiche zu ziehen. De:Bug: Du hast in den 80er Jahren visuelle Kommunikation studiert. Dein Beruf beschäftigt sich mit Informationsdesign und Infoleitsystemen. Wie ist der Umgang mit solchen Themen in arabischen Ländern? RA: Das Wort Information hat einen anderen Wert in Arabien. Für mich ist es auch Kommunikation und da ist zuerst einmal die menschlich bedingte. Im Orient reden die Leute miteinander, d.h. wenn jemand eine Straße sucht, dann braucht er kein Schild, sondern fragt einfach jemanden. Und mit Sicherheit wird er einen Begleiter finden, der ihn zu dem gesuchten Ort hinführt. Doch der Bedarf ändert sich. Ist man z.B. mit einem Auto unterwegs, kann man nicht immer anhalten und fragen. Und als die Autobahnen gebaut wurden, stellte man fest, daß man Beschriftungen für Schilder braucht. Die arabischen Schriften, die es gibt, sind für so etwas nicht gedacht. Durch die Vokalisationszeichen, die Punktierungen ist zu ornamenthaft; man braucht Zeit, um diese Schrift zu lesen. De:Bug: Was ist das besondere an der Schrift Al-Rayan, die du entwickelt hast? RA: Die Schrift stammt von der arabischen Schrift Kufi ab. Ich habe mich bewußt dafür entschieden, eine vorhandene Schrift zu modifizieren. Ich wollte keine völlig neue Schrift gestalten, daß hätte sicherlich auch zu Problemen in Arabien geführt. Al-Rayan zeichnet sich durch ihre einfachen Buchstabenformen, die schnell erkennbar und leicht lesbar sind, aus. Sie könnte für ein neues Orientierungssystem im arabischen Kulturraum eingesetzt werden. Als ich die Schrift fertiggestellt hatte, machte ich eine Untersuchung zur Lesbarkeit mit dreißig Arabern. Ich stellte drei Schilder in fünfzig Meter Entfernung auf – zwei mit bekannten arabischen Schriften und eins mit meiner Schrift. Das Resultat war, daß über 90 % meine Schrift schneller und besser aus der Entfernung lesen konnten. Sie fanden sie allerdings nicht so schön, wie die geometrische Kufi oder die schmuckreichere Nashi. De:Bug: Wird die Schrift eingesetzt? RA: Die Schrift ist zwar fertig, aber die Handhabung am Computer ist nicht so ohne weiteres machbar. Und das bremst das Vorgehen. De:Bug: Woran liegt das? Wird der Umgang mit arabischen Schriften von den Hard- und Softwarefirmen im Westen nicht unterstützt? RA: Ich habe damals nicht nur mit verschiedenen Schriftfirmen, sondern auch mit Typographen, die sich mit Schriftprogrammierung auskennen, gesprochen. Die Schrift braucht eine entsprechende ID-Nummer für eine nicht-europäische Schrift. Gleichzeitig muß man die Programmierung noch bearbeiten, damit sie entsprechend reagiert. Der Computer muß verstehen, daß die Schrift von rechts nach links läuft, daß die Buchstabenkombinationen vielfältig sind. Ich weiß, daß man in den arabischen Ländern mit diesem Thema weiter ist. Ich konnte damals nicht mehr herausfinden – es gab ja beispielsweise noch keine Vernetzung. Ich versuche jetzt Kontakt aufzunehmen, damit man diese technischen Fragen lösen kann. De:Bug: Wie ist das Interesse an deiner Schrift? RA: Während meiner Diavorträge und Ausstellungen in den arabischen Ländern erläutere ich, daß so eine Schrift vorhanden ist. Und das Interesse ist dann sehr groß. Trotzdem gibt es noch zu wenig Menschen, die sie kennen. De:Bug: Hast du versucht, Kontakt zu Microsoft oder Apple aufzunehmen? Die Schrift eignet sich doch auch als Screenfont? RA: Richtig. Die Geometrie basiert auf dem Pixel und würde sich dafür sehr gut eignen. Leider hatte ich bisher keine Zeit, mich darum zu kümmern. De:Bug: Gibt es Systemschriften für den Mac, die man hier kaufen kann? RA: Es gibt vier Schriften. Man kann sie jedoch kaum benutzen. Sie sind zu einfach gebaut, haben keine Vokalisationszeichen und es fehlen Ligaturen. De:Bug: Im Netz habe ich arabische Sites gesehen, die Fonts verkaufen. RA: Das stimmt. Da gibt es eine Menge. Schaut man sie sich jedoch genau an, stellt man fest, daß sie sehr schlecht digitalisiert sind und keine Ligaturen und Sonderzeichen besitzen. Außerdem sind sie in ihrer Anmutung meistens weit von den traditionellen Schriften entfernt und langweilig. De:Bug: Wie sieht das mit Software aus? RA: Bei der Software ist das so: in der einen Version werden sie unterstützt, in der nächsten wieder vergessen. In Freehand funktionieren sie generell nicht. Erst seit letztem Jahr gibt es ein Version von Quark mit einer arabischen Extention. Die Handhabung ist sehr schlecht und der Umgang mit Korrekturen miserabel. Man kann, wenn man etwas geschrieben hat, nachher nichts ändern oder verbessern. De:Bug: Gibt es keine anderen arabischen Layout-Programme? Wie arbeiten arabische Zeitungen? RA: Es gibt einige Software-Firmen, die Software umwandeln. So wurde das Layout-Programm “Ready, Set, Go” schon vor ein paar Jahren ins Arabische übersetzt. Es ist allerdings total veraltet und hat nur sehr simple Funktionen. Die arabischen Zeitungen arbeiten meist noch immer damit und sind hilflos. Die Zeitungen sind häufig schlecht gesetzt und gestaltet. De:Bug: Du versuchst mit deinen Vorträgen zu vermitteln. Was treibt dich dazu? RA: Je intensiver man sich mit Menschen unterhält, desto mehr stellt man fest, daß es eine große Lücke zwischen Orient und Okzident gibt. Diese Lücken sind nicht einfach zu schließen. Ich finde es sehr bedauerlich, daß die Presse in Deutschland und Europa sehr negativ bzw. unwissend über viele Themen berichtet. Schaut man sich das letzte SPIEGEL-Special Heft über den Islam an, merkt man, daß es unwissende Journalisten sind, die sich mit den Themen auseinandergesetzt haben. Ich habe oft das Gefühl, daß sie in irgendwelchen Hochhäusern sitzen und versuchen, Strukturen von fremden Kulturen zu interpretieren. Das ärgert mich immer wieder. Und das veranlaßt mich dazu, zu vermitteln. Deswegen halte ich Vorträge. In Deutschland zum Beispiel über das Bildverbot im Islam, aber auch in arabischen Ländern über europäisches Design. Ich verstehe mich als Vertreter beider Gesellschaften. ”Arabische Schrift” von Rayan Abdullah (rabdul@metadesign.de) http://www.oevermann.de/forum96/d/default.htm

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Elektronische Lebensaspekte.