Isoliert und doch an der Hauptschlagader des Clubgeschehens - "Well Spent Youth"
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 149

Isolée (Adrian Crispin)

Aus dem Special in De:Bug 149: Pampa Records

Rajko Müller aka Isolée macht von Beginn an Sounds durch die Brille des Beobachters, des Reflektierten. Mit jedem weiteren Album, die er bislang im Fünfjahresrhythmus veröffentlicht hat, wird sein Moniker mehr zum Synonym seiner Arbeitsweise: Isolieren, Einsiedler sein, dennoch mit den Fingerspitzen feinfühlig an der Hauptschlagader des Clubgeschehens. Mit seiner Albumpremiere auf Pampa Records „Well Spent Youth“ beweist Isolée mal wieder, dass der Weitblick die intensivsten Musikmomente erzeugen kann.

Debug: Wieder sind knapp fünf Jahre vergangen bis zu einem neuen Isolée-Album. Ist das der Produktionsrhythmus, auf den du dich eingestellt hast?

Isolée: Das Album hätte eigentlich vorher fertig sein sollen. Aber 2007 habe ich mir zwischenzeitig den Knöchel gebrochen und war ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt. Irgendwie habe ich mehrere Anläufe gebraucht bis das Album so wurde, wie ich es haben wollte. Vieles ist dabei auf der Strecke geblieben und dazu kam noch die Geschichte, dass ich nicht mehr mit Playhouse zusammenarbeite. Lange Zeit wusste ich nicht, wo und wie ich es rausbringen soll.

Debug: Wie kam es zu dem Bruch mit Playhouse?

Isolée: Letztendlich gab es einige Differenzen. Wir haben uns aber im Guten getrennt. Das zog sich zunächst ein bisschen hin, hat auch Nerven gekostet, aber ins Detail kann ich da nicht gehen. Aus meiner Sicht haben wir das jedoch gut gelöst.

Debug: Was sind die kreativen Hindernisse, die man sich während so einer Produktion selbst aufstellt?

Isolée: Im Grunde genommen war “Well Spent Youth“ leichter als “We Are Monster“. Damals wollte ich mich neu erfinden und musste auch lernen, mit einer Erwartungshaltung umzugehen. Das ging mir diesmal leichter von der Hand. Mir geht es trotzdem stets um die Vision und die Idee, dass ein Album nicht nur eine Sammlung von 15 Stücken ist. Es muss einen Zusammenhalt geben, es muss in sich Sinn machen. Nicht als Konzept, aber es soll eine Geschichte haben bzw. ein interessantes Hörerlebnis sein.

PAMPACD001 – Isolée – Well Spent Youth by Pampa Records

Debug: Auf Pampa ein Album zu releasen, dürfte für dich nicht die einzige Option gewesen sein.

Isolée: Erstmal bin ich mit Stefan ja sehr gut befreundet. Wir haben den engsten Austausch über Musik, wir reden uns regelmäßig die Köpfe heiß. Aber prinzipiell bin ich ein eher passiver Typ und warte auf so etwas wie Fügung, bis man das Gefühl hat, das passt jetzt und das will ich so. Es liegt mir nicht, mit Tracks hausieren zu gehen. Was ich zu Playhouse-Zeiten gut fand, war, dass es ein lokales Zugehörigkeitsgefühl gab. Diese Entität, dass man gemeinsam an einem Ort war, wo auch ein Frankfurter Sound gemacht wurde. Nun kamen viele gute und interessante Labels auf mich zu, die aber alle ihre eigene Geschichte haben und ich das Gefühl nicht los wurde, nicht wirklich Teil dieser ganzen Sache zu sein. Da bei Pampa aber alles noch recht offen ist, auch im Gestalterischen, lag mir das irgendwie näher.

Debug: Inwiefern blickst du auf ein Jahrzehnt Produzenten-Dasein zurück?

Isolée: Als “Rest“ herauskam, war elektronische Musik noch eine neue Sache, zumindest für mich. Bis zum jetzigen Album sind gute zwölf Jahre vergangen und irgendwann stellt man sich die Frage, was überhaupt noch Sinn macht. Was könnte frisch sein, ein bisschen die Sache erweitern, auch wenn ich nichts neu erfinden will? Im Vergleich zum Ende der 90er haben wir eine ganz andere Fülle von elektronischer Musik und mit der Mediensituation auch eine andere Wertigkeit von Musik. Bei der Quantität und der Art und Weise der digitalen Verbreitung, muss man sich schon fragen, was bringe ich eigentlich raus?

Debug: Wie umgeht man diese Inflation?

Isolée: Eine klare Antwort gibt es nicht, aber wenn man als Musiker etabliert ist, dann hat man die Freiheit und vielleicht auch die Aufgabe, nicht jeden Track rauszubringen, nur weil man es könnte. Ich will keine Nummern veröffentlichen, die keinen langen Atem haben.

Debug: Der Ansatz entspricht nicht unbedingt dem Rahmen von Dancefloor und Funktion.

Isolée: Theoretisch gehe ich weiterhin gerne in Clubs, auch wenn ich nicht mehr so viel aus aktuellen Clubbesuchen ziehen kann. Man fühlt sich auf dem Heimweg nicht mehr gezwungenermaßen inspiriert. Gerade beim jetzigen Deephouse-Revival ist es ja so. Ich finde es schön, wie sich da gewissermaßen ein Kreis schließt: Es werden wieder alte Platten gespielt und viele stammen aus der Zeit, als ich anfing, mich mit House zu beschäftigen. Ich habe mich aber in den letzten 15 Jahre musikalisch weiterentwickelt. Da stellt sich dieses seltsame Gefühl ein: Ich kann dieselben Sachen heute nicht mehr so abfeiern. Musik macht man aber auch für die Hörer und wenn ich mich mit Hörgewohnheiten auseinandersetzte, dann ist klar, dass ich solche Sound-Entwicklungen mit berücksichtige. Damit muss man umgehen, spielen und diese für sich interessant umsetzen.

Debug: Es geht dann also doch wieder darum Referenzen herzustellen.

Isolée: Klar, wichtig ist dabei aber das Überraschungsmoment. Bei House ist es ja so, dass der Produzent auch mit der Produktionsweise zum Ausdruck bringt, auf welche Richtung von House Bezüge hergestellt werden. Momentan wird mir aber zu sehr auf der Klaviatur “Das klingt jetzt wie …“ gespielt. Auf Dauer kannst du dieses Spiel nicht bringen, denn es sagt im Grunde nicht viel aus. Neue Kontexte brauchen das frische Moment. Sachen wie die von Actress haben mich enorm beschäftigt. Beim Stück Hubble war ich selber von mir überrascht, wie ich ein so minimales Stück rauf und runter hören kann.

Debug: Christopher Rau meinte, dass ihr beide euch in Hamburg treffen und austauschen würdet. Er steht ja eher für eine andere Generation von House.

Isolée: Wenn ich im Club eine jüngere Crowd sehe, dann denke ich mir schon, dass ich da ein wenig rausgewachsen bin. So euphorisch und einfach kann man das alles nicht mehr genießen. Christopher und ich haben schon sehr unterschiedliche Bezugspunkte, dennoch ist die Schnittmenge und die Art und Weise, wie man über Musik spricht und sich begeistern kann, gar nicht so unterschiedlich. Er hat noch diese begeisterte, frische Haltung. Für ihn ist dieser Prozess, das Ausgraben von alten Platten etwas, das noch eine bestimmte Aura umgibt. Die Aura des Historischen sozusagen. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich ihm didaktisch Musik vorspielen würde. Die paar alten Klassiker, die ich habe, mit denen kann man niemanden ernsthaft beeindrucken. Vielleicht bin ich auch deshalb kein DJ geworden, weil ich nie das Bedürfnis hatte, jemandem Platten vorspielen zu müssen, die man für wichtig erachtet.

Isolee 2 (Adrian Crispin)

Debug: Leute wie Herbert waren vom Club genervt und haben sich andere Spielwiesen gesucht. Wie gehst du damit um?

Isolée: Mich interessiert ja jede Art von Musik und privat höre ich nur sehr wenig elektronische Musik. Vielmehr geht es doch darum, was man kann und welche Fähigkeiten man besitzt. Ich halte nicht so viel davon zu sagen: Ich habe jetzt genug House gemacht, ich muss jetzt Jazz oder Rock produzieren. Bei elektronischer Musik geht es noch immer darum, etwas Zwingendes zu schaffen, etwas, das für sich stehen kann. Hier weiß ich eben am ehesten über die Mittel Bescheid, wie man etwas macht. Man hat sich im Laufe der Zeit ja auch Tricks beigebracht.

Debug: Deine Art und Weise der Produktion wird sich dennoch verändert haben, oder?

Isolée: Das hat zunächst mit Rechnerleistungen zu tun. Bei der erste Platte habe ich den Computer noch hauptsächlich als MIDI-Sequenzer benutzt. Ich brauchte MIDI-Geräte, um überhaupt Sounds machen zu können. Da gab es einen anderen Zwang, man musste Sachen abschließen, weil der Rahmen limitiert war. Während man heute ständig speichern und weiter aufnehmen kann, was dazu führt, dass man in meinem Falle nicht mehr ständig das MIDI-Setup synchronisiert, sondern eher mit Klängen arbeitet. Dadurch hat sich die Art und Weise, wie man Hardware einsetzt, verändert. Die Gefahr ist, dass man ständig denkt, ich brauche jetzt dies und jenes neue Zeug, um überhaupt Musik machen zu können. Dabei kann man viele seiner Geräte neu kennen lernen und in die Tiefe einsteigen. Ich benutze nach wie vor nicht viele PlugIns, ich steh auch nicht auf diese eierlegenden Wollmilchsäue, diese Geräte, die immer alles können. Es ist für mich reizvoller mit beschränkten, aber charaktervollen Instrumenten zu arbeiten. Sehr häufig sind alte vordigitale Federhallsounds vorgekommen. Dann gibt es Synthies wie den Roland JX 3P, der liegt mir sehr am Herzen, nicht nur, weil er schöne Sounds macht, sondern weil er auch mit wenigen Handgriffen zu Ergebnissen kommt.

Debug: Wie begeisterst du dich noch fürs Live-Spielen, wenn der Club für dich gar nicht mehr so inspirierend ist?

Isolée: Das war schon immer eine spezielle Angelegenheit. Es ist ja die permanente Auseinandersetzung mit der eigenen Musik, die man schon abgearbeitet und sehr oft gehört hat. Da muss man einen Spagat schaffen. Wie setze ich das live, auch für mich, interessant um und wie kann man die Tracks spielen, ohne dass sie ihre Clubfunktion verfehlen.

Debug: Hört sich wie ein Kompromiss an.

Isolée: Kompromiss hört sich nun so an, als müsste man irgendwo Abstriche machen. Ich habe ein begrenztes Repertoire an Musik und noch weniger hundertprozentige Clubtracks. Deshalb muss ich schauen, wie ich aus dem Material eine Clubsituation herstellen kann. Bisweilen bin ich noch immer überrascht, wie gut das klappen kann. Worauf ich aber hinaus will, ist, dass die persönliche Einstellung zur Musik ein wichtiger Punkt ist. Wenn du eine Platte vor zwei Tagen gekauft hast, gar nicht alle Details kennst und als DJ im Club spielst, dann kannst du am Pult die Musik selber noch mal neu entdecken. Das funktioniert beim Liveset so nicht. Da ist es viel eher ein Kraftakt, dabei frisch zu bleiben. Deshalb geht das auch nur eine Zeit lang, ewig kann man kein Liveset spielen. Oder man lernt Routinen oder das Abschalten währenddessen, aber das macht ja auch keinen Spaß.

Debug: Fehlfarben konnten ihren Hit “Ein Jahr (Es geht voran)“ auch erst wieder spielen, nachdem sie ihn als Coverversion aufgefasst haben.

Isolée: Das ist nachvollziehbar. Eine Weile wollte ich Beau Mot Plage auch nicht spielen, auch wenn das immer eingefordert wurde und ich merkte, dass die Leute enttäuscht waren, wenn es nicht kam. Irgendwann habe ich versucht, wieder Freude daran zu bekommen. Ab einer gewissen Phase ging es dann wieder, vielleicht, weil der Track ein paar Jahre nicht mehr in den Clubs lief und so ein bisschen überraschen konnte. Außerdem ist es doch toll, solch einen Track im Repertoire zu haben. Diesen Glücksgriff gelandet zu haben, der noch immer so dankbar aufgenommen und zelebriert wird.

Isolée, Well Spent Youth, ist auf Pampa/Rough Trade erschienen.
http://www.pamparecords.com

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