Rajko Müller hat seit dem ersten Album “Rest” viel erlebt. Studium abgebrochen, mit Andreas Dorau zusammengewohnt, inkognito auf Fans gestoßen. Trotzdem hat er Zeit für das lang erwartete zweite Album gefunden.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 92

Loslassen will gelernt sein
Isolée

Tout se complique. Rajko Müller war das Glück vergönnt, sich niemals bewusst für Musik entscheiden zu müssen. Die Dinge sind im Strudel des Erfolges passiert, und er ließ sich treiben. Nach dem ersten Album und “Beau Mot Plage“, diesem wunderbar entrückten Stück Melodie, ist Isolée heute ein stehender Begriff für einen Typus House-Musik, der Gegensätze anpackt und in Wohlklang auflöst. Den Club lehrte er die Softness und den Minimalismus die Abwechslung. Debug sprach mit ihm über das neue Album, ganz spezielle Glücksmomente, Schwierigkeiten und warum ein österreichischer Philosoph wahrscheinlich voll und ganz einverstanden mit Rajko wäre, wenn der nicht mehr als nötig über seine Musik reden möchte.

Seit deinem ersten Album “Rest” sind mittlerweile fünf Jahre vergangen, was hast du in der ganzen Zeit getrieben?
Ich bin danach erst mal innerhalb Frankfurts umgezogen und habe in einem letzten Aufbäumen noch mal versucht, mein Studium zu Ende zu bringen. Heraus kam letztlich eine Pause von einem Jahr, in der ich gar keine Musik machen konnte, weil mein Equipment auch zum großen Teil zusammengeliehen war. Ja, und irgendwann habe ich mir wieder Geräte gekauft und bin kurz darauf exmatrikuliert worden, weil ich mich nicht zurückgemeldet hatte. Die Musik nahm in dieser Zeit ein bisschen Überhand. Durch das Album gab es plötzlich Anfragen und z.B. die Gelegenheit nach Japan zu reisen und da auch noch Geld zu verdienen, während ich sonst eher so Studentenjobs gemacht hatte. Und dann habe ich beschlossen nach Hamburg zu ziehen, wo ich auch erstmal mit Andreas Dorau zusammengewohnt habe …

Und? Wie sieht das aus, wenn Isolée sich mit Dorau im Studio trifft?
Nee (lacht), wir sind da nie so auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Das war immer so ein respektvoll freundlicher Umgang. Naja, eigentlich haben wir es auch nie so richtig probiert.

War auf ”We are Monster“ Gesang keine Option für dich? Es sind ja öfters mal Stimmen zu hören, aber fast immer nur im Hintergrund …
Das sind alles meine Stimmen. Aber ich drücke mich nicht durch Texte aus. Mich interessiert die Musik, Texte sind immer sehr gefährlich, weil man schnell inhaltsschwanger wird. Ich merke dann auch immer sehr schnell, dass ich eigentlich nichts Konkretes zu sagen habe, und ich will auch nicht anfangen, Gefühle in Worte zu fassen. Ich mach das eher auf musikalischer Ebene. Das ist unkonkreter … und so komme ich dann zu Sprachfetzen.

Du redest an sich nicht so gerne über deine Musik und sagst, dass du keine Beschreibung oder Betriebsanleitung geben willst …
Ja, das ist so eine grundsätzliche Meinung von mir, die im Prinzip auf dasselbe hinausläuft wie mit den Vocals: Ich möchte niemandem sagen, was er dabei zu empfinden hat, wenn er meine Musik hört. Auch die Tracknamen sollen keine Interpretationshilfen sein. Das, was man macht, ist irgendwann ein eigenständiges Objekt, das autonom eine gewisse Wirkung auf andere Menschen hat, auf die ich gar nicht mehr einwirken kann. Es geht doch nicht um mich.

Klingt nach Karl Popper …
Das ist ein Philosoph, oder?

Ja, ein österreichischer, der in seiner Theorie die Welt in drei separate Welten unterteilt. Die der Gegenstände um uns herum, die des subjektiven Empfindens in uns drin und die der Produkte des menschlichen Geistes, das ist dann die Dritte Welt. Zu der gehören wissenschaftliche Theorien, aber auch Musik und Kunst, und die leben, laut ihm, eben unabhängig von uns und sind auch durch ihre Schöpfer nicht mehr zu kontrollieren, sobald sie einmal auf den Markt der Ideen geworfen werden …
Das trifft es ziemlich genau. Ich habe mich im Studium auch mal damit befasst, ob der Schaffende, gemünzt auf Kunst und Musik, die Wirkung überhaupt immer vorhersehen und verstehen kann. Aber ich glaube, dass man sich manchmal einfach schwer tut, seine Werke loszulassen, oder auch versucht ist, die Wirkung sozusagen ständig unter Kontrolle zu halten. Ich habe das Album jetzt aus der Hand gegeben, ja, und das empfinde ich dann letztendlich doch auch als Erleichterung. Ich bin gespannt auf das, was zurückkommt.

Wie sieht das denn aus, wenn dich, den Schaffenden, eine positive Rückkopplung erreicht? Gibt es da spezielle Glücksmomente?
Mhm, da gab’s mal so eine Situation, ich war im Plattenladen und habe im Playhouse-Fach gestöbert, als jemand zu mir kam und anfing, von einer meiner Platten, die grad nicht da war, zu schwärmen – dass sie voll die Gänsehaut-Platte wäre. Der wusste aber gar nicht, dass ich das bin, sondern hat das zu mir gesagt, weil ich mich offensichtlich auch für Playhouse interessierte! Das war so mit das Beste, muss ich sagen.

Und, hast du dich zu erkennen gegeben?
Nee, hab ich nicht (lacht). Hab dann so jaja gesagt, die kenn ich, die Platte.

Hat sich das Produzieren für dich verändert, seit ”Beau Mot Plage“ dich zum Gesprächsthema gemacht hat?
Also persönlich scheint es mir so, als hätte sich alles geändert (lacht). Was ich vielleicht ein bisschen vermisse, ist diese Ahnungslosigkeit mit der ich das damals gemacht habe. Als Newcomer war man da halt noch nicht unter Beobachtung. Diese ganze Unschuld ist total weg. Ich hab das auch als schwierig empfunden, eine neue Umgangsform mit sich selbst zu finden und möglichst frei und zeitgemäß Musik zu machen.

Welche Rolle spielt dabei dein Label, Playhouse?
Für mich ist das eigentlich etwas relativ Simples, ich konnte dort ziemlich problemlos meine erste Platte veröffentlichen und es funktioniert auch weiterhin gut. Ich glaube, dass man bei einem Major so nicht arbeiten könnte und dass dann im Endeffekt auch ein anderes Produkt rauskommen würde. Es hat auch schon mal vorher einen Albumentwurf von mir gegeben, der eigentlich ganz gut verrissen wurde.

Ist davon am Ende noch was übriggeblieben?
Davon? Ja, eigentlich ist von dem alten Entwurf schon was übriggeblieben. In überarbeiteter Form natürlich, aber da sind Ideen aus der Zeit eingeflossen. Ich finde aber gut, dass sich bei Playhouse vier Leute [Anm.: Heiko, Roman, Jörn, Ata] die Tracks anhören, sich zusammensetzen und Zeit nehmen und dann jeder dazu seinen Senf abgibt. Es ist ja auch gar nicht so, dass die immer alles super finden, was ich mache, und ich umgekehrt natürlich auch nicht. Aber wir werden uns in der Regel immer einig.

Gab es Druck?
Naja, Druck habe ich mir selber gemacht. Ich habe jetzt keine finanziellen Engpässe gehabt, aber das war so eine Aufgabe, das wurde plötzlich zu meinem Beruf, obwohl ich ja gar nichts in diesem Zusammenhang gelernt habe. Ich habe ja weder eine Tontechniker-Ausbildung noch habe ich irgendeine musikalische Ausbildung. Das braucht man ja auch nicht zwangsläufig.

Welche Rolle spielt denn für dich Technologie? Schafft sie nicht auf der einen Seite neue Möglichkeiten und auf der anderen immer auch Grenzen? Patterns erlauben es z.B., ganze Ladungen von Sounds auf einmal abzufeuern, beschränken dafür aber auf den Loop …
Ich bin da musikalisch eher gehandicapt. Ich habe nicht die Möglichkeit, bestimmte Dinge auf der Gitarre einzuspielen. Insofern kann ich komplexere oder freiere Sachen am Computer machen. Wäre ich ein guter Gitarrenspieler, würde viel wieder auf der Strecke bleiben, wenn ich es am Computer machen würde. Für manche ist es eine Befreiung, obwohl es zur selben Zeit auch ein Hindernis sein kann. Ich habe schon Spaß daran, die Dinge am Rechner zu Ende zu tüfteln, obwohl es auch manchmal schwer ist, den Fluss zu bewahren.

An welche Hörsituationen denkst du bei deiner Musik?
Viele Hörsituationen kenne ich ja gar nicht, ich hab z.B. keinen iPod oder Walkman, da kann ich mich eigentlich auch nicht so reindenken. Mich interessiert der stinknormale Musikkonsument mehr als die Kritiker und DJs. Ich mag Leute, die sich einfach hinsetzen, um bewusst Musik zu hören. Ich glaube, ”We are Monster“ eignet sich auch nicht so gut zum Nichthinhören, weil es zuviel Aufmerksamkeit fordert und sonst anstrengend werden kann. Musik kann auch schnell etwas Bedrängendes haben. Ich bin so jemand, der immer hinhört, sobald Musik läuft, auch wenn ich das nicht so möchte …

Die Berufskrankheit …
… und das macht es oft sehr anstrengend, da wird Musik auch schnell zur Belästigung. Ich hab manchmal so Phasen, wo ich mich einfach nicht auf Musik einlassen kann. Musik ist ja nicht dafür gedacht, dass man sie sich ständig systematisch und aus beruflichen Gründen anhört. Das ist ja eigentlich eine ziemlich filigrane, gefühlsmäßige Angelegenheit.

Erschwert die Liebe zur Musik dann im Endeffekt die Beziehung zu ihr?
Ja ja, das kann’s schwieriger machen. Diese Liebe muss man letztlich auch immer wieder neu finden und entdecken.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.