Eine Bassdrum aus Strom und ein bisschen Gezischel waren in ihrer Nacktheit mal das Versprechen eines Futurismus, der keine Vergangenheit mehr braucht. Heute sind sie nur noch ein Futurismus, der aus der Vergangenheit kommt. Tobias Rapp klärt das Verhältnis zwischen Futurismus und Retro, dem verfeindeten siamesischen Paar des Techno.
Text: Tobias Rapp aus De:Bug 100

Elektronische Musik hat immer eine innige Verbindung zur Zukunft unterhalten. Bis vor kurzem zumindest. In den Klängen von Maschinen schien eine anbrechende Zeit vorzuscheinen. Schon lange vor dem Bau der ersten Musikmaschinen waren die Futuristen von Auto- oder Fabrikgeräuschen fasziniert, die dem Zeitalter der Industrialisierung adäquater zu sein schienen als die althergebrachten Instrumente, in denen sich noch das Zeitalter des Handwerks und der Manufaktur ausdrückte. Die Faszination für synthetisch erzeugte Klänge war genauso gelagert: Sie schienen dem anbrechenden Computerzeitalter angemessener zu sein als die Elektrifizierung der herkömmlichen Instrumente. Zwei Dinge brachten diese Fantasien schließlich in wirksamste Form: Kraftwerks Idee der Mensch-Maschine und des musizierenden Roboters und die Maschinisierung des Rhythmus – kurz: Electro, jener merkwürdige Hybridsound aus Videospiel-Arkadengebimmel und Drum-Maschinen-Geboller.

Metalheadz

Das Mythengebräu, aus dem sich der elektronische Futurismus sein Süppchen zusammenkochte, war also schon in den frühen Achtzigern fertig. Doch ihren höchsten Ausdruck dürfte er im Drum and Bass der frühen Metalheadz-Ära gefunden haben: das Gefühl, an die Grenzen des technisch Machbaren zu gehen, dadurch schon heute den Sound von Übermorgen zu produzieren und alle anderen Musiken obsolet zu machen, der Genuss an der mit dieser Macht einhergehenden Entfremdung in Cyborg-Fantasien wie Goldies ”Terminator“ oder Grooveriders ”Prototype“.

Klon vs. Roboter

Doch dann war plötzlich Schluss. Vielleicht weil sich auch die Zukunft in den späten Neunzigern und frühen Nullerjahren veränderte und der metallische Roboter als Projektion zukünftiger Körperlichkeit durch den Klon abgelöst wurde, der sich ja nicht wesentlich unterscheidet vom normalen Menschen, sich also auch nicht anders anhören dürfte. Vielleicht aber auch schlicht, weil die Musikmaschinen sich veränderten – der höchste Grad der Künstlichkeit ist ja in dem Augenblick erreicht, in dem sich die Maschine anhört wie ein Instrument. Ganz abgesehen von dem Umstand, dass das Verkünden der demnächst anbrechenden Zukunft immer das Problem hat, dem Realitätsabgleich nur schwer standhalten zu können. Irgendwann ist das neue Millenium dann da. Und wenn es sich ganz ähnlich anfühlt wie das alte, können die alten Versprechen doch einiges an Überzeugungskraft verlieren.

Retro

Tatsächlich hat die elektronische Musik auch zur Vergangenheit ein inniges Verhältnis. Nicht ganz so deutlich wie zur Zukunft, aber die Erinnerung an die Musik, die lang verblichene Tanzflächen in Bewegung hielt, war immer auch Teil von dem, wie man sich künftige Tanzflächen vorstellt. Und je einfacher der Zugriff auf die immer größer werdenden Musikarchive wurde, desto mehr Vergangenheit findet sich auch in der Musik.

Diese Strategie der Anregungssuche dürfte auch so beliebt sein, weil sie Übersichtlichkeit verspricht. Was geschehen ist, ist geschehen, neue Platten kommen keine mehr dazu, ein abgeschlossener Werkkorpus kann besichtigt werden – der freilich immer noch groß genug ist, Nischen des Spezialwissens zu öffnen, die umso schöner leuchten, da diese Retroparadiese eine Tendenz haben, sich mit einer süßen Trauer über die Vergänglichkeit zu verbinden. Damals, als alles noch einfacher war, weniger kommerziell überformt, als bestimmte Experimente noch möglich waren, mit dessen Resultaten andere dann Vermögen machten. Gerne geht diese Verklärung der alten Zeit dann auch zusammen mit dem Bau großer Altare: für die legendären Typen, die an einem mittlerweile verblichenen Ort all diese unglaublichen Dinge taten, Grenzen überschritten, Wege bereiteten.

Paradise Garage

Die Paradise Garage war die späten Neunziger über einer dieser Sehnsuchtsorte. Ein zerstörter Tempel des Hedonismus mit einem DJ im Mittelpunkt, in dessen nachträglicher Darstellung sich all die Attribute spiegelten, die die katholische Kirche ihren Heiligen zukommen lässt. Ein Menschenfreund, der in unschuldiger Verwirrung seine Schäfchen um sich sammelt, sie von der Straße holt, um sie dem Glanz des Göttlichen zuzuführen. Der für all die Mühen aber keinerlei Lohn bekommt, arm und vergessen sterben muss, um von den nachgeborenen Kirchenvätern dann umso heftiger mit jener Anerkennung selig gesprochen zu werden, die ihn vielleicht hätte retten können (erzählt mal einem britischen Levan-Remixe-Sammler, dass die DJ-Booth auf deutsch ”Kanzel“ heißt, also ”pulpit“ auf Englisch, er wird sich kaum noch einkriegen vor Freude, wie wohl der Herr die Welt zumindest sprachlich geordnet hat). Mal schauen, was aus Cosmic Disco wird.

Nun hat diese Form der Retro-Verehrung ein Problem. Sie braucht den Bruch, den Einsturz, das Vergessen, das essenzielle Nicht-dabei-gewesen-sein-Können. Kurz: Es braucht das Gefühl, dass die besten Tage unwiederbringlich vorbei sind und die Gegenwart nur ein matter Abklatsch von dem, was einmal war. Und so ist es ja nicht. Die besten Tage sind immer die des kommenden Wochenendes.

Retrofuturismus

Und da gibt es Zukunft und Vergangenheit als Gegensatzpaar nicht mehr. Sie haben sich zu einem merkwürdigen neuen Begriff verbunden: Retrofuturismus. Leicht lässt er sich hinschreiben, wenn man sich seine Gedanken zu einer Platte wie Sleeparchives ”Research EP“ macht – stimmt ja schließlich bis ins Detail. Eine leicht anvocoderisierte Stimme, die sich im Jahre 2006 eben nicht mehr anhört, als käme sie aus der Zukunft, sondern wie eine fünfundzwanzig Jahre alte Vorstellung dessen, wie man sich damals die jetzige Gegenwart ausmalte: überall Labore, die von Wissenschaftlern bevölkert werden, die gleichberechtigt mit Robotern zusammenarbeiten, die eben etwas blechern klingen, wenn sie zum Weiterarbeiten auffordern. Und ein Soundgerüst, das den Einfluss früher Säkhö-Platten verrät. Auch eine Musik, die mal in die Zukunft wies, weil sie so radikal jegliche Bezüge wegstrich, die einfach kontextualisierbar waren. Bassdrums aus Strom und ein bisschen Gezischel, sonst nichts.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.