Apples iTunes-Store hat die Konkurrenz das Fürchten gelehrt. Ob sich die Erfolgsgeschichte der mehr als 100 Millionen legalen Downloads aus den USA auch in Europa wiederholen wird, hängt von vielen Faktoren ab. Einer davon sind die Indies und ihr Content. Und da geht der Ärger los. Abhilfe kommt aus England.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 85

iTunes / Von wegen Weiß

Bei Apple kann man sich zurücklehnen. Allen Unkenrufen zum Trotz kommt faktisch kein Label am iTunes-Store vorbei, wenn es auf dem boomenden Markt der Musik-Downloads mitspielen will. Apple ist der gütige, innovative, poppige Player auf dem konservativem Computermarkt, der iPod ist der schickste MP3-Player und gegen über 100 Millionen Downloads im amerikanischen Store kommen auch die nicht an, die sich immer wieder darüber beschweren, die 99 US-Cents pro Track wären zu teuer – auch wenn man dafür lediglich eine 128 KBit-Datei bekommt. Egal ob die Stones oder Kid606, Kit Clayton oder Alicia Keys: Beim amerikanischen iTunes-Store bekommt man überraschend viel. Kein Wunder also, dass Georg Albrecht, Pressesprecher von Apple Deutschland, auch die frisch gestarteten Stores in Deutschland, England und Frankreich über den grünen Klee lobt. 1,5 Downloads in den ersten zwei Wochen lässt den fast komplett fehlenden Indie-Content der europäischen Stores vergessen, zumal daran gearbeitet wird. “In den USA haben wir neben den fünf Majors auch 500 Indies im Angebot, beim Start im April 2003 waren es nur die fünf Majors. In Europa sind es neben den fünf Majors circa 35 Indies, wir reden aber mit vielen weiteren Indies, da wir möglichst viel in den Store nehmen wollen”, so Albrecht.

Riot in England
Doch der europäische Start von iTunes war keine saubere Sache. In England schlugen die Indies Alarm, pünktlich zum groß inszenierten Launch in London. Apple hätte sich viel zu spät um Indie-Content für Europa gekümmert und sowieso nur ein paar wenige Firmen überhaupt angesprochen. Die Konditionen seien inakzeptabel und hätten den “kommerziellen Selbstmord” bedeutet, ließ die AIM, die britische Vereinigung für Independents, verlauten. Der Standard-Vertrag für Europa liegt Debug vor, unfaire Konditionen sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen. “Standardvertrag? Für Europa gibt es unseres Wissens nach keine Standardverträge”, sagt Stephan Benn, Justiziar des Verbands unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT). Offenbar hatten die ersten Verträge nichts mit dem amerikanischen Ur-Vertrag zu tun. Mittlerweile kursieren offenbar diverse Verträge, die europäischen Labeln vorliegen.
Als Apple Anfang Juni die ersten Verträge an europäische Label verschickte, Druck machte, damit zur Store-Eröffnung in England zumindest ein bisschen Indie-Content am Start ist, waren die Konditionen wohl lachhaft. Die AIM schickte daraufhin gemeinsam mit dem VUT und dem französischen Indie-Verband UPFI einen Brief direkt an Steve Jobs, in dem Bereitschaft signalisiert wurde, einen Europaweit-gültigen Rahmenvertrag für Indies auszuhandeln. Solche Rahmenverträge sind Standard in Europa und führten mit anderen Download-Anbietern bereits zu positiven Ergebnissen. Aber nichts passierte bei Apple. Auf erneutes Nachhaken soll sich Steve Jobs ziemlich im Ton vergriffen haben.
Stephan Benn erklärt den Konflikt so: “Apple lässt sich nicht in die Karten schauen, das ist amerikanisches Geschäftsgebahren, das in Europa so nicht funktionieren wird. Das Unternehmen setzt mit iTunes einen Verdrängungsprozess in Gang, bietet Discounter-Preise und refinanziert diese Preise durch Hardware. Das können andere Anbieter nicht leisten. Für Apple ist das Download-Geschäft ein Einkaufsmarkt, tatsächlich handelt es sich aber um einen Markt der Rechteinhaber, die Anspruch auf eine entsprechende Vergütung haben. Dass Apple diese Vergütung so drastisch unterschreitet, ist nicht einzusehen.”

Wie weiter?
In England ist man mittlerweile weiter. Drei große Indies (Beggars, Sanctuary und XL) unterschrieben Ende Juli einen Vertrag mit Apple für Europa, einen Vertrag, den sie, das war Bedingung, auch anderen Indies zur Verfügung stellen wollen. Gesehen hat ihn noch niemand. Dennoch hofft Stephan Benn auf eine baldige Einigung mit allen Indies. “Ob man bei Apple unterschreibt, muss jedes Label selbst entscheiden. Die Bedingungen der angebotenen Verträge in Europa müssen aus meiner Sicht unbedingt nachgebessert werden. Allein die Laufzeit von drei Jahren ist indiskutabel. Wenn Apple die Preise erhöht, bedeutet das noch lange nicht, dass sich dadurch auch der Label-Share erhöhen würde. Und Apple wird die Preise erhöhen, ganz sicher.” Das sieht man bei Apple Deutschland anders. Georg Albrecht wiegelt ab: ” Der Preis bleibt bei 99 Cent pro Song bzw. 9,99 EURO pro Album. Wir wollen ja mit dem Store iPods und iPodminis verkaufen.”
Vermutlich wird ein Großteil der Labels bei Apple unterschreiben, egal zu welchen Konditionen. Man will dabei sein, koste es was es wolle. Schlimm ist das nicht, eher verständlich. Gegen das positive Image von Apple werden andere Anbieter nicht ankommen. Und wenn ein Download für 99 Cents unwirtschaftlich ist und die Preise sowieso erhöht werden, die CD als Medium langsam aber sicher obsolet wird, die Konsumenten am Ende aber für den Download eines Albums das selbe Geld bezahlen, hat man zwar Rohstoffe gespart, gewonnen wurde aber nichts.
Apple interessiert dieser Konflikt herzlich wenig. In Cupertino weiß man, dass der Content der europäischen Stores wachsen wird. Ganz andere Projekte stehen dort im Mittelpunkt. Der Deal mit Motorola und dem mobilen iTunes-Player für Handys gibt die Richtung vor.

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Debug ist der unautorisierte Medienpartner von Apple. Ihr habt's schon immer gewusst. Jetzt kommt der Beweis: Wir bejubeln die nächste Filesharing-Revolution - und sie entspringt nicht den Geek-Zirkeln, sondern dem Minimajor Apple: Auftritt itunes.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 72

itunes

Die können Einpacken
Apple mischt auf

Manchmal kommt wirklich einfach alles in einer neuen Versionsnummer eines Programms zusammen. Man macht aus einer 3 eine 4 wie bei iTunes, dem (lapidar gesagt) MP3 CD Player von Apple, kündigt alles Monate vorher schon groß an als “Music for your ears”-Veranstaltung, koppelt das mit ein paar abgehalfterten Ideen für digitale Distribution von Musik im Netz, erfindet ein leicht zu knackendes, neues Protokoll dafür und lässt die Insiderseiten mit gut getimeten Übernahmegerüchten (oh, Apple kauft Universal, sie werden jetzt doch noch eine richtige Popfirma) heiß laufen. Schon ist ein neues Programm ein weltweites kulturelles Event, dass nicht nur die Börsen glücklich macht (warum haben wir vor einem Monat keine Apple Aktien gekauft?), sondern auch freie Programmierer und Tüftler ebenso in Bann ziehen kann wie Major Musikexecs, Indielabel, Filesharer und Gläubige der digitalen Revolution.

Wenige Stunden nach dem Release deutete sich schon an, dass Apple ein paar Grenzen eingerissen hatte, die dem, was Musik im Netz bedeutet, eine unerwartete Wendung geben konnten. Damit sind zunächst mal alle glücklich und feiern eine Woche lang neue Entdeckungen. Musik lässt sich im Netz verkaufen! DRM funktioniert! Ich bin ein Radio! Man kann damit auch Raubkopieren! Alles für sich allein genommen banale Tatsachen, die einem aus den Ohren raushängen. Zusammen verpackt aber einfach ein Geschenk des Himmels.

Per default hat mit iTunes 4 jeder erstmals einen Quicktime Streamingserver auf dem Rechner, ohne dass er es weiß. Schon mal gut, denn am anderen Ende der unsynchronen Leitungen der User ist es immer gut, ein wenig für Publishingqualitäten zu sorgen, ob man nun darf oder nicht. Eigentlich gedacht für ”Rendezvous”, das selbstpromotende LAN-“Ich erkenne alles”-Verbindungsgenie, versteckte sich allerdings in der Funktion von übers interne Netz gesharten Playlists, die von Rechner zu Rechner gestreamt, aber nicht kopiert werden sollten, so etwas wie ein Versprechen auf mehr.

Das neue Protokoll (“daap” heißt es) klang verdächtig nach “http” und wurde innerhalb kürzester Zeit ohne großen Hackaufwand entschlüsselt. Damit war nicht nur die Logik des Apple Music Stores freigelegt. Es war auch die Grundlage geschaffen, übers Netz generell jeden Track, den man in den ansonsten eher passiven MP3 Playern hat, anderen zur Verfügung zu stellen. Dass Streamen und Kopieren ein Unterschied sind, davon sind wohl nur Leute zu überzeugen, die sich mit Technologie kaum auskennen. Einen MP3 Player zu einer Mischung aus Warenkorb, Geektool, Radiostation und Tauschbörse zu machen, ist allerdings ein eher kultureller Aufwand.

Sharen in kleinen, eher exklusiven Zirkeln hatte Apple wohl – ähnlich wie Microsoft mit 3Degrees – mit ihrem Kinderprogramm im Blick. Freunde spielen sich Musik vor. Ob aus Naivität oder einfach, um die Copyrightwärter im Zaum zu halten, warfen sie mit dem Music Store und dem “MP4 Advance Audio Coding Digital Rights Managment Standard” gleich noch ein Argument mehr für Sicherheit in die Runde, als wollten die Apple Leute der Welt der Piraterieparanoiker wirklich nur Gutes, aber da Mac OS X ja irgendwie die Linux/Unix Community mit Open Source Liebäugeleien längst eingemeindet hat, ließ sich keiner lange täuschen.

Apple hatte mit einem Mal einen Kessel aufgemacht, der das Böse (DRM) und das Gute (Kopieren) – aus Sicht von IFPI, RIAA, manchem Musikanten und Rechtsanwälten sind die Definitionen von Gut und Böse natürlich genau andersrum – mit vereinten Kräften auf uns loslässt. Ein Programm, dass iTunes Server sammelt und allen anderen zur Verfügung stellt, war Tage nach iTunes 4 draußen, eine Searchengine im Netz kurz darauf (bei Spymac, mittlerweile abgeschaltet aus Pirateriegründen, auf anderen undergroundigeren Seiten lebt die Idee allerdings weiter), Programme, die erschütternd einfach klar machten, dass ein Stream sehr wohl ein Download sein kann, ließen nicht viel länger auf sich warten. iTunes war plötzlich eine Filesharing Suite von offiziellster Seite und mit dem Neid (nicht dem Hass) der Musikindustrie versehen, denn der Music Store macht mit 99Cent-Tracks so viel Geld, dass alle anderen Downloadplattformen dagegen ein Witz sind, und das mit der verschwindend geringen Zahl der Apple User allein. Was wird erst passieren, wenn es iTunes für Windows gibt – ein $-Regen-Versprechen, dass sich so eh nicht einlösen wird – rätselt man nun an Orten, an denen ansonsten lieber lautstark gegen das Netz der Piraten gemeckert wird.

Die Wendung von Webseiten-konzentrierten Webshops hin zu direkt in den Player integrierten OneClick-Kaufangeboten war nicht nur clever, sondern Teil einer längst überall grassierenden Wendung vom Browser weg hin zu Webservices, die viel kontrollierbarer wirken, weil sie ihren Sourcecode verstecken. Man will ja auch nicht sehen, wie ein Hühnchen großgezogen wird, dass man im Supermarkt kauft. Und es ist ein notwendiger Schritt einer Firma für Computerhardware und Software hin zu einem Medienmogul, zu einem Popevent, zu einem Wegbereiter der Renaissance der Startupzeiten. Mit iTunes 4 ist Apple nicht nur Provider von Gut und Böse in neuen überraschenden Mischungen, sondern redet uns auch noch ein, dass beides im Bundle nicht nur billiger ist, sondern vor allem aufregender.

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