Der Warschauer Soundarchitekt, 10 Jahre Recognition und sein neues Album
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 131


Die langjährige Warschau-Frankfurt-Liaison des polnischen DJs Jacek Sienkiewicz fruchtet erstmals in einer labelübergreifenden Compilation. Auf Sven Väths Cocoon-Label beweist er, dass im Osten nicht nur die Sonne aufgeht, sondern auch besser gefeiert wird.

Vor nunmehr zehn Jahren hat der in Warschau ansässige Jacek Sienkiewicz mit Recognition sein eigenes Label gegründet. Am Anfang noch Notbehelf, um der Beschränkung eines Standard-DJ-Sets auf dem für elektronische Musik dürftigen polnischen Markt zu entgehen, hat sich Sienkiewicz 2002 mit der Veröffentlichung seines Albums “Téchnè“, dem ersten Artist-Album auf Cocoon Recordings, über die Landesgrenzen hinweg etabliert.

“Seltsam genug, dass das Interesse an meiner Musik hier in Polen erst nach meinen ersten Releases im Ausland aufkam. In all den Jahren war ich wirklich hartnäckig, geradezu dickköpfig, um das Label am Laufen zu halten.“ Mit dem Stand der Dinge ist der schlaksige Mittdreißiger mittlerweile auch als Produzent – als solcher gilt er als ein Pionier der elektronischen Independent-Musikszene in Osteuropa – zufrieden, auch wenn er als DJ mehr Geld verdient. Den Spaßgehalt des Tourens solle man auch nicht unterschätzen.

Überhaupt kehrt Jacek bei überschwänglich-polyrhythmischem Spiel zu dumpfem Basswumms wiederholt den Partyfaktor hervor, das Sich-Verlieren in den “komplexen Subtilitäten und subtilen Komplexitäten“ wie er zu seiner 200-Künstler-getaggten Minimal-Playlist auf last.fm anmerkt. Minimal sei nicht einfach Kopfhörerbeschallung und schon gar nicht Hintergrundmusik zur prätentiösen Dinner-Party, sondern Musik, die man “um drei Uhr morgens in einem verdunkelten Club mit einem fuck-off Sound System oder in einem intimen Club morgens um acht zum Sonnenaufgang“ höre. “Turn it up!“

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Neben dieser emphatischen Deklaration für die vollständige Absorbierung von Minimal als Sprengkraft fängt Sienkiewicz dann doch zu zögern und zaudern an, wenn es auf die Genrefassung seines Sounds ankommt. “Das Wort ‘Minimal’ wird oftmals fälschlich gebraucht. Die Musik, die heutzutage den Minimal-Stempel aufgedrückt bekommt, hat nicht mehr viel mit dem originalen Minimal-Techno gemeinsam. Mir persönlich wäre es lieber, man würde meine Musik als ‘Maximal’ bezeichnen, da ich so viele Soundschichten und kleine Details anordne.”

So gesehen ist “Modern Dance Mix”, sein neues Album, eine effektvoll angereicherte Aneinanderkettung aus dem großen Fundus von Sienkiewicz-Tracks auf Recognition oder Cocoon. Neben dubbig-clubbigem Fundament fällt vor allem die sphärische Überlagerung durch Instrumentalparts verlorener Klavieranschläge, süßen Glockenspiels, melancholischer Saxophonmelodien und zarter Spieluhrklänge mit Field Recordings, gespentischem Frauengesang, Stimmengewirr oder verzerrten Ansprachen auf.

Zuerst sind da die klassisch tonangebenden 4/4-Beats, die nach und nach durch feine Rhythmik ergänzt werden, um schließlich fragmentiert und überschachtelt einen dreidimensionalen Film vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen. Das eindrucksstarke Spiel mit dem Raum verführt zur Visualisierung und zum Versuch, gewisser Andeutungen habhaft zu werden, bloß um schlussendlich in einer beinahe nebensächlich ablaufenden Dekonstruktion wieder von deepen Stakkato-Percussions oder neurotisch hochgepitchten Sirenen- und Knackelementen verschluckt zu werden.

“Ich versuche die Balance zwischen dem Abstrakten und dem Soliden zu finden, zwischen der Überlagerung von Sound und einem harten Beat-Rahmen. Bei Melodien beschränke ich mich auf Fragmente, überlasse vieles der Imagination des Hörers. Manchmal fühle ich mich wie ein Hippie aus dem 21. Jahrhundert, der durch eine wirklich psychedelische Soundlandschaft wandelt.

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Ich verwende jene Elemente oder Sounds, die jeden zu seiner einzigartigen, den Verstand verbiegenden Erfahrung verhelfen.“ Mit Modern Dance? “Modern Dance entstand als Auflehnung gegen die strengen Regeln des klassischen Balletts. Die Rebellion gegen einen eng gefassten Kanon, gegen einen sehr formgebundenen Techno-Stil. Ich will auch nicht als Techno-Purist wahrgenommen werden, sondern mehr als Soundarchitekt, der eher zufällig beim 4/4-Takt gelandet ist“.

Ebenso zufällig und beiläufig betrachtet er seine Arbeit von Polen aus. Auch wenn einige seiner Tracks bedeutungsschwangere Titel wie “East Side“, “Living in Oblivion“, “Warsaw For Beginners“ und vor allem das auf dem aktuellen Album gemixte “Eastern Promises“ tragen, misst er kulturellen Unterschieden in der elektronischen Musikszene nur einen oberflächlichen Stellenwert bei. Er würde die gleiche Musik überall machen und die Titel spiegeln einfach seinen Hang zur Romantik wider.

Konfrontiert mit Ricardo Villalobos’ anzweifelbarer, aber doch kantiger These, wonach Minimal Techno – eingebettet in ein postkommunistisches Setting – eine Sehnsucht nach Befreiung ausdrücke und Rumänien die nächste Generation an Techno-Vorreitern hervorbringen könnte, grübelt Jacek Sienkiewicz kurz: “Ich denke nicht, dass die postkommunistische Mentalität speziell elektronische Musik begünstigt. Es herrscht aber schon eine gewisse Spontaneität und der Wille, Neues zu entdecken. So gesehen dürften die Leute empfänglicher für beinahe alles sein.“ Genug der Analyse. Die Conclusio fällt weniger tiefschürfend aus: “Hier im Osten wissen die Leute einfach anständig Party zu machen!“

Jacek Sienkiewiczs Modern Dance Mix erschien im April auf Cocoon/Intergroove.
http://www.recognition.pl/

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Elektronische Lebensaspekte.