Wenn jemand dreidimensionales Ballern mit Format, Haifischzähnen und Basswumme drauf hat, dann ist es Polens Technoproduzent Jacek Sienkiewicz. Nicht nur Sven Väths frisch geschärftes Ohr hat er damit erweicht, auch alle Tanzböden, die eher an der Zuspitzung der Tradition als an der Aufweichung von 4/4 interessiert sind.
Text: Anett Frank aus De:Bug 69

Gefühlsfaktor geradeaus
Jacek Sienkiewicz

Polen is the place to be für Jacek Sienkiewicz und Warschau die Homebase von “Recognition” – seinem Label. Den Wiedererkennungswert von Sienkiewicz’ Platten macht die an Minimal-Technoklassikern orientierte und mit dubbigen Versatzstücken ausstaffierte Funkyness aus. It’s plastic, baby! Und wenn da jemand vom evolutionären Moment in Techno ohne zwanghaften Konventionsbruch spricht, dann ist Jacek der Mann der Repräsentation. Nichts ist langweiliger, als sich als Purist aufzuspielen. Gefrickelt wird zwar auch ausgiebig an modernen Soundskulpturen; die werden aber immer von einem Extra, einem klassischen Sample oder Synthetics per Hitchhike geliftet.
Apropos was Neues: Irgendwas muss sich ja Sven Väth dabei gedacht haben, als er vor etwa einem Jahr diesen Jungspunt aus Polen das erste Artist-Album auf Cocoon hat machen lassen. Gutes Händchen gehabt, würde ich mal sagen! So viel hat Jacek ja noch nicht von sich gezeigt. Den polnischen Markt für elektronische Musik kann man damals wie heute nicht anders als eher mickerig beschreiben. Was also tun? Eigene Musik veröffentlichen, klaro, und die Strukturen dafür verbessern oder auch selbst schaffen. Die Idee für das eigene Label ergibt sich fast zwingend, wohl wissend, dass vollkommen künstlerische Freiheit nur durch eigene Kreationen erreicht werden kann. Als dann nach ’99 diese Phase mit den selbst gebrannten Homemade-CDs vorbei ist, blitzen neben den ersten Recognition-EPs auch eine Trapez und Debug Hartware in den Minimaltechnoschubladen westlich der Neiße auf. Von der ersten 303 bis zur heutigen digitalen Auflösung seiner Tracks macht Jacek seine Erfahrungen mit Underground Electronic Beats, ohne sich dabei zu sehr in die Rave Community hineinzumanövrieren. Die Tracks greifen in der deutsche Szene. Jacek sieht sich selbst nicht als geschubladeter Techno-Produzent, wohl eher als Künstler zwischen den Polen knackige Soundlandschaft und Tanzboden-Techno. Und dabei macht es genau so viel Spaß, mit Sven Väth auf Cocoon-Parties zu spielen, wie ein kleines Publikum in experimentellen Soundscapes zu verführen, wie vor kurzem in Linz oder auf der Transmediale.
Ich habe ihn gefragt, was es ihm bedeutet, Techno zu produzieren, ob er sich dafür entschieden hat, damit aufgewachsen ist oder ob er in einer gewissen Tradition steht. “Für mich ist es der perfekte Weg, Ausdruck meiner Persönlichkeit. Ich behandle Musik und Sound als einen Faktor, um meine Gefühle zu transferieren, wie ein Künstler, der sich über seine Bilder oder Tags ausdrückt.”

Politik des subjektiven Souls

Es ist immer noch umständlich, von Warschau aus das Label auf dem europäischen Markt zu kommunizieren. “Bis vor kurzem war es für mich sehr schwer, dieses Label zu betreiben. Die Verkäufe deckten gerade so die Produktionskosten. Aber mit dem Wechsel meines Vertriebes scheinen diese Anfangsschwierigkeiten jetzt langsam vorbei zu sein.” Sicherlich, einfacher ist es alle Mal von Berlin aus, wo er monatlich zu treffen ist. Ragt dann einer unübersehbar aus der musikinfiltrierten Masse des WMF-Publikums heraus, dann ist das Jacek. Aber der Grund, das Label trotzdem von Warschau aus weiter zu organisieren, ist denkbar einfach: “Ich muss auch und vor allem in meinem eigenen Land das Label voranbringen, was beispielsweise in Deutschland oder in Westeuropa schon gute Strukturen ausweist. Ansonsten ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass sich hier in Polen jemals was ändert. Es fehlt einfach an guten Musikmagazinen, Vertriebsstrukturen und Promotern. Aber irgendjemand muss es ja schließlich tun.”
DeBug:
Fühlst du dich damit einem politischem Hintergrund verhaftet?
Jacek:
Ich bemühe mich, mich von politischen Statements fernzuhalten – momentan gibt es einfach so viel davon um uns herum. Meine Musik reflektiert meine Gefühle und meinen Soul – und das ist mit Sicherheit weit entfernt von politischen Intentionen.

DeBug:
2003 ist das Jahr der Veränderungen. Was passiert in deinem Leben?
Jacek:
Bis zum Sommer werde ich eine weitere eigene Platte auf meinem Label herausbringen sowie eine Scheibe und ein CD-Album eines guten Freundes von mir, Giro Arana, ein exzellenter Produzent, den ich sehr schätze. Das bewegt sich dann planmäßig nach einer etwas tanzbareren Platte mehr auf der Zuhörerschiene. Was auch noch kommen wird, ist eine Mix-CD von all meinen Tracks, die ich auf Recognition herausgebracht habe. Es tummeln sich auch gerade eine Menge junge Produzenten in der polnischen Szene, die es verdienen, mit einer Compilation-EP unterstützt zu werden.

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Elektronische Lebensaspekte.