Der Pariser Oizo-Kumpel ist mit seinem introvertierten Funk zum Kronprinzen der Elektronika aufgestiegen.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 96

Den Zweifel zelebrieren
Jackson

Jackson ist ein Glückskind. Könnte einem einfallen. Mit 17 und vor fast 10 Jahren zum ersten Mal released, dann nur noch sehr spärlich und konfus auf kleineren Labels veröffentlicht und jetzt das erste Album gleich bei Warp untergebracht. Man wird nicht so richtig schlau aus seiner Biographie. Schon nach dem furiosen Remix von M83s “Run into Flowers“ und “Utopia“ war er fast kein Geheimtipp mehr. Richie Hawtin, Luciano und 2 Many DJs säuselten verliebt, er war auf Compilations von Michael Mayer und Sven Väth, doch dann wurde es seltsam still um ihn. Aber was soll’s. Nun ist er in die Riege aufgenommen, bald aufgereiht zwischen den warpschen Wonderboys honigjunger Himmelsstürmer, deren Aufgabe es zu sein scheint, jedwede musikalischen und sonstigen Codes durcheinander zu bringen. Jimmy Edgar war der letzte. Chris Clarke gehört dazu, Team Shadetek und irgendwie auch Prefuse 73.

Jackson sitzt da. Groß, ganz dürr, lange Hippie-Frisur, Schnäuzer, enge Jeans und Chucks. Erweckt mehr den Eindruck, als hätte er gerade den Postrock gerettet, als der neue Kronprinz der Elektronika zu sein. Artig die Hand schütteln, seine erste Promotour, sein erstes Album. “Smash“ reißt einen weg. Was in Pitigrillis Roman Kokaina war, wird hier in Töne geknuselt. Melancholisch, destruktiv, voll Pathos und Flächen, und vor allem dichter und roher Elektro bestimmt Smash. Ein krasses Samplemonster, das martialischen Futurefunk mit Knartzdisko, Scifi-Sphären und R’n’B verbindet und romantischstes Pophybrid wird. Ein kleines Mädchen erzählt ein Märchen über komisch verfranste Breakbeats und 70er-Glamrock-Stimmensamples werden zu Struktur-gebenden Beats. Man weiß nicht, woran man ist, aber dass es gut ist an diesem Ort. Unentschlossen, aber gleichzeitig dramatisch und, nee, mit Electroclash hat das überhaupt nichts zu tun.
Er schaut gut aus. Selbstsicher, weiß, wo er steht, warum er hier ist, sehr höflich, zuvorkommend, ein bisschen schüchtern; aber man sieht sie ihm an, die Melancholia.

Pariser Soundflaneur

Natürlich muss jetzt nach hybridem Microsampling gefragt werden, also los, dann haben wir’s vom Tisch. Wo kommen die Sounds her, was um Himmels Willen ist das für Musik?
“Früher habe ich so harten, verrückten Hardcore-Gabba gemacht, dann so housige Sachen. Ich finde es spannend etwas zu nehmen und so zu bearbeiten, dass es eigentlich nichts mehr mit dem vorigen Ereignis zu tun hat, aus einem Klassiksample einen Funktrack zu machen. Ich nehme etwas und verändere seine Bedeutung.“
Wie der Pariser Flaneur, der auf seinen Straßenzügen der Realität nur noch Versatzstücke entnimmt, um sie im Akt poetischer Imagination zu einer neuen Welt zusammenzufügen. Smash macht diesen Blick hörbar. Der Flaneur wurde in Paris geboren, wie Jackson Fourgeaud auch. Aber der akademische Krimskrams, der an solche Musik anschließt, ist nicht Ausgangspunkt Jacksons Produktion.
“Ich bin nicht sehr sattelfest in diesen Kultursachen. Ich gehe völlig instinktiv an meine Tracks ran. Wenn es am Ende mit Dada oder Avantgarde zu tun hat, ist es schön, aber ich bin nicht so von einer akademischen Seite beeinflusst, ich kann nichts darüber sagen, aber wenn ich mir ein Dadabild anschaue, finde ich oft gleiche Mechanismen in meiner Arbeit.“

Paris entwickelt sich scheinbar zu einem Motor für eine ganz bestimmte Art der elektronischen Tanzmusik von intuitiv verknarztem Funk, der staubig und verschlossen sein Ding macht, ohne sich um Mittanzende zu scheren. Oizo, Feadz, Ark, was ist los in dieser Stadt? “Oizo ist ein Freund, seit ich 16 bin, Trankilou hat mich musikalisch gezeichnet. Ich denke, wir waren alle zuerst von Funk beeindruckt, und dann ist da halt der Punkt, wo wir daran interessiert waren, ihn in Distortion zu brechen und wir uns gefragt haben, mit was für Sounds man Lautsprecher überzustrapazieren kann. Hit the Speaker. Ganz physische Ansprüche an Musik zu stellen, die wieder Parallelen zu den 60er Soul -und Funkzeiten aufweisen, wo der Sound auch sehr dreckig war, wenn man z.B. an die Snare Drums denkt. Der Klang war sehr roh, bevor er in den 80ern wieder viel heller wurde.“
Smash klingt zwar auch lustig verbratzt, aber so eine düstere Stimmung unterscheidet das Album von den anderen Parisern.
“Ich gehöre nicht zu einer Szene, weiß auch gar nicht, ob es so etwas in Paris gibt. Ich war immer ein Außenseiter und finde es auch wichtig, mit meiner Musik alleine zu sein. Gruppen verfolgen immer eine gewisse Richtung, einen gemeinsamen Gedanken; die einzige Richtung bei mir ist ein absurdes Nichtwissen, ich weiß nicht, wo es hingeht, wenn ich heute völlig an eine Idee glaube, werde ich sie morgen mit ziemlicher Sicherheit niederreißen.“

Wer sich manchmal als unentschiedener Tunichtgut empfindet oder auch verspultes Slackertum in sich fühlt; alle mal herkommen, hier gibt’s was Neues. Das hört sich dann an, als wäre Prefuse 73 eine zärtliche Luxusgöre, die durch eine kranke Gabbaparty hindurch alle weltenschwere Melancholie und Zerrissenheit in einen Blick bündelt. Übertrieben? Vielleicht, aber Jackson ist sympathisch: “Ich glaube, ich mag am liebsten so Musik, die in Cafes läuft, ich hasse diesen langweiligen Identitätsschwachsinn: Wenn ich dies jetzt höre, bin ich hip, wenn ich das jetzt in meine Tracks bringe, bin ich der Coolste. Ich möchte da ehrlich sein. Und trotzdem ist es aufregend mit Codes und Symbolen zu spielen, ich bin dann von mir aus auch der junge Kerl, der mit allem auf die Fresse fliegt, ich mache mir gerne einen Spaß aus mir und auch anderen Sachen, ich will mich nicht begrenzen lassen.“

Dandy mit Dosenbier

Bestimmt kann man das auch als unreflektiert-pubertäre Hans-Dampfigkeit bewerten und Aufschneidertum in die Samplewut lesen. Lost in Zitatwahn. Aber die haufenweise T-Rex-Samples und Bowie-Schnipsel werden nicht zu Siebzigerrock geprägter Männlichkeitspose oder kühler 80er-Attitüde, die große Geste wird so weit geheckselt, dass von ihr eigentlich fast nichts mehr zu erkennen ist. Stilistische Codes werden nicht posermäßig veräußert, um irgendwie geil dazustehen. Es wird mit Pathos herumgealbert. Jacksons musikalischer Gestus ist von einem nervösen Zweifel bestimmt, dass Unstimmigkeit aber so rockt, ist eben selten. “Ich möchte kein Album machen, dessen Funktion zu offensichtlich ist, es soll dich etwas fragen, an einen Ort bringen, der nicht vorher entschieden ist.“
Der Dandy im schwarzen Anzug, den er auf dem Albumcover gibt, hat sich fürs Interview in einen ennuibelasteten Indieträumer verwandelt und bei aller musikalischen Inkonsequenz die Ruhe weg.
“Ich möchte irgendwie innerlich sein, aber auf der anderen Seite auch rocken, gleichzeitig retro, futuristisch und billig klingen und ich möchte einen dramatischen, tragischen Vibe, weil er dich weit von dem trägt, wo man sich befindet. Der Computer ist an sich so langweilig, unlebendig, die Arbeit daran erst mal das Gegenteil von Glamour. Es ist seltsam, alleine in seinem Zimmer vor dieser Kiste zu sitzen und zu versuchen, solche Stimmungen zu erzeugen. Vielleicht bin ich ein, ja, ein Glam-Nerd.“
Und so klingt der futuristische Bastard des ewig ambivalenten King of Convenience eben auch wie ein absurder Cocktail aus teuerstem Champagner und ranzigem Dosenbier. Edel, herb und superverschlissen gleichzeitig. Man denkt noch kurz, uuh, ist das jetzt nicht ein bisschen viel auf einmal und alles durcheinander soll ja so gar nicht gut sein, dann ist es aber schon zu spät, weil der Rausch dich hat. Und wer will dann noch an den Kater von morgen denken?
“Ich glaube, es ist möglich, ein Album mit nur einem Sound oder Style zu machen, wie diese fantastischen spanischen Gitarrenspieler, es ist perfekt und sagt ganz viele, alle Dinge aus einem Ton heraus. Man braucht diesen Hybrid aus Styles nicht, aber ich fühle mich so weit weg von all dem. Ich will es probieren.“

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Elektronische Lebensaspekte.