Der Torontianer Jacob Fairley reflektiert mit dem Projekt Fairmount seine Überemfindlichkeiten. Zum Beispiel die gegenüber dem Begriff 'Minimal'. Er ist schnell im Selektieren, lässt sich auch live nicht entfremden und überspringt jeden Standard, nur analog muss es sein.
Text: sascha kösch, bleed@de-bug.de aus De:Bug 48

Jacob Fairley
Geschmackvoll, nicht minimal

Warum manchmal eines dieser Releases aus dem riesigen Bereich minimaler Technohousetracks, deren Dominanz stellenweise fast erdrückend ist, so herausragt, kann man immer schwer sagen. Es erwischt einen einfach. Meist hat das dann doch wieder viel mit Melodie zu tun, mit dem Idiosynkratischen in den Sounds, mit Feinheiten jenseits dessen, was man als Genre definieren könnte. Die vier 12″es von Jacob Fairley, zwei auf seinem Homelabel Dumb-Unit, eine auf Traum und eine auf Sender, die es bisher gibt, gehören aber genau zu dieser Art. Man hört das sofort. Fairley ist, woher sonst, aus Toronto, Kanada. Aus einer Posse von Producern für Dumb Unit, die mit Mark und Matt Thibideau, Adam Marshall und Jeremy Caulfield neben Revolver und Cynosure einige der besten Acts des Landes hat. “Kanada ist ein eigenwilliger Ort, um Musik zu machen. Die kanadische Kultur ist im allgemeinen sehr zynisch, also arbeiten die Leute an dem, was sie machen, sehr hart, um der harten Kritik von vornherein aus dem Weg zu gehen. Bei uns in Toronto haben Leute wie Jeff Milligan sehr hohe Standards gesetzt für das, was man von den Artists erwartet. Einige von uns kommen aus einem Rockband Umfeld. Das hat nebenher auch noch, was Liveacts oder Präsentation betrifft, ziemlich hohe Erwartungen an ‘Live’ Entertainment überlassen. Ich denke, die Szene hat sich vor allem aus einer Mischung aus unserer eigenen Schrägheit und dem völligen Desinteresse in der Stadt so gut, wenn auch klein, entwickelt.”
Er hat sich vor einiger Zeit aus dem Digitalen verabschiedet. “Ich hatte lange Zeit, wie alle, einen Computer und einen Sampler und machte nur schlechte Tracks. Das Equipment war einfach komplett falsch für mich. Als ich mir eine gute Drummachine gekauft habe, wurde plötzlich alles anders. Nur einen Monat, nachdem ich von digital auf analog geswitched habe, hatte ich die ersten guten Tracks. Viele Kanadier denken, Gear wäre unglaublich wichtig. Für mich ist es eher ein bestimmtes Studio, das einem passt.” Analog und Digital waren lange Zeit grundsätzliche Gegensätze, Glaubenskriegsschauplätze. Das ist längst vorbei, und es sind nur noch Interfaces, die man anpassen muss. Fairley produziert am liebsten schnell, weshalb er vielleicht auch Malerei und Filmregie vorerst aufgegeben hat, die neben dem Daytime Job, der Aufrechterhaltung eines sozialen Lebens und der Musik immer weniger Platz fanden. “Ich habe eine Idee, wenn ich ins Studio gehe. Baue die Sounds auf, bis alles für mich voll genug klingt, mache dann, was immer getan werden muss, damit es ‘richtig’ klingt, und wenn es sich gut anfühlt, dann kommt es auf DAT. Wenn ich länger als ein paar Stunden für einen Track brauche, dann werfe ich ihn lieber weg.”
Aber dennoch geht es Fairley nicht um Tools, um schnell Gemachtes zur Aufrechterhaltung der DJ-, Vinyl-, Dancefloor-Ökonomie, auch weil Schnelligkeit längst nicht mehr nur Zirkulationsbeschleunigung ist.
“Ich hoffe, wenn sonst schon nichts passiert, dass die Leute bei meiner Musik etwas fühlen. Die Stücke sollen sich wie Stücke, nicht wie DJ Tools anhören. Ich möchte, dass man sich meine Stücke zuhause anhört, aber mehr noch, dass sie vielleicht, obwohl sie sich Standards und Konventionen der Gegenwart anpassen, auch in ein paar Jahren noch funktionieren. Bei dem Fairmont Sound kommt das am klarsten durch.” Eine CD, ein Album als Fairmont auf Traum ist in Planung. “Ich denke mir meine Musik nicht als minimal, eher würde ich gerne ‘tasteful’ sagen. Melodische Musik kann man eigentlich nicht minimal nennen. Ich habe mich nie einem Track genähert und dabei gedacht, sowenig wie möglich passieren zu lassen. Die Extrasounds, die Leute in ‘nicht minimale’ Musik packen, kommen einem immer dazwischen. Ich höre viel ‘Rock’, und dort benutzt keiner das Wort ‘minimal’. Eine alte Pavement Platte z.B., die technisch schon minimal ist, würde niemand so nennen.” Aber aus Fairley wird wohl dennoch kein Popstar werden können, weil er es mag, wenn bei seinen Gigs Leute ankommen und fragen, ob er denn den ganzen Abend den gleichen Track spielen würde oder nicht mal was Drum and Bass machen kann, damit der Typ mit der ausgesprochen orginellen Frage MC dazu machen kann. “Ich liebe sowas. Egal ob ich manchmal nicht in der Stimmung dazu bin oder die Leute dann dezent unfreundlich anmotze, finde ich es immer noch cool, dass ein Liveset die Leute nach wie vor nicht so von einem entfremdet, wie es bei Bands der Fall ist.”

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Elektronische Lebensaspekte.