Zwischen Stargate und SUNN 0)))
Text: Jan Wehn aus De:Bug 163

Der 25-jährige Kanadier täuschte erst geschickt über Night Slugs an, marschierte dann mit zwei grandiosen EPs (“The Look” und “Another Girl”) an allen vorbei und hat dieses Frühjahr mit der “Concealer”-EP inklusive Features von Ango und Koreless auf seinem eigenen Label, Vase Records, nachgelegt. Wie man im kalten, bilingualen Kanada Aaliyah und Aphex Twin gleichermaßen lieben lernt und im gleichen Atemzug ganz logisch weiterzuverarbeiten weiß, hat Jacques Greene unserem Autoren Jan Wehn erzählt.

Tatsächlich war es einer der Lehrer von Mr. Greene, der seinem Bildungsauftrag ganz besonders gründlich nachkam. Ihm gefiel der abseitige Musikgeschmack des Jungen, weshalb er ihn mit CDs von Aphex Twin, Autechre oder Boards of Canada versorgte. Klar, dass Hausaufgaben und die Anschaffung neuer Schulbücher für den 13-Jährigen von da an unwichtiger waren, als der Finanzierungsplan für die erste eigene MPC.
Der Sohn eines Amerikaners und einer Französisch-Kanadierin bedient gleichzeitig die Grundprinzipien der Bass-Musik und den Sampling-Habitus des French House, der seinen elektronischen Grundton stets durch soulige Vocals aufzuhübschen weiß. Tatsächlich will man Greene ob der Stolpertakte und seiner burialesquen Art die Snare zu setzen in Richtung 2- und Dubstep verorten. Dann hört man hier ein bisschen Filter-infizierten French House der Herren Braxe und Falke und dort ambitionierten Gender-Discorave à la Hercules & Love Affair heraus. Und hin und wieder lassen einen die verzerrten, repetitiven, durch verrätselnde Höhen und Tiefen wandernden und wabernden Gesangsfetzen doch wieder an den Post-Dubstep aus dem Jahr 2010 denken.

Seine neuste EP, die hier und da sogar IDM- und Clicks&Cuts-Tendenzen aufweist, erscheint auf dem eigens gegründeten Imprint Vase. “Eine Vase ist ein Behältnis, das etwas frisch hält – außerdem wird es auf Englisch und Französisch gleich ausgesprochen, was auch den bilingualen Twist reinbringt”, erklärt Greene den Namen des Labels, auf dem neben ihm selbst bis dahin nur die Avant-Popper von Arclight releasen. Außerdem geplant: Klamotten mit den beiden Designern Melissa Matos und Andrew L aus Montreal. “Vase soll sich auch über die Platten hinaus als kreative Instanz mit unterschiedlichen Kanälen, aber ein und derselben Ästhetik einen Namen machen.”

Eine Ästhetik, die Greenes Tracks eint, ist das eingangs schon erwähnte Faible für dahergehauchte R’n’B-Vocals der Neunziger. Es sind weder Edits im Stil eines Mark E, noch Neuinterpretationen à la Frank Ocean oder The Weeknd, sondern viel mehr geschickt gewählt Zitate, die auf warmen und weichen Sounds zwischen 1992 und 2012 gebetet werden. “Tolle Stimmen und fantastisches Songwriting”, begründet Greene seine Vorliebe für Ciara, Ashanti oder The-Dream. Und Popmusik im Allgemeinen. “Als Timbaland gerade seine großen Erfolge feierte, begann ich mich mehr und mehr für gute Popmusik zu interessieren.”
Denn wenn Greene nicht gerade davon träumt, den Moog bei den Doom-Dudes von Sunn O))) zu spielen, hegt er große Gefühle für High-Class-Produktionen vom versöhnlichen Indierock von Bands wie Phoenix bis hin zu den auf Hochglanz polierten Produktionen von Chart-Institutionen wie Stargate, die die Ohrwürmer für S Club 7, Rihanna oder Katy Perry gleichermaßen heranzüchten. Obgleich Greenes Musik viel zu edgy klingt, als dass man ihr solche Popaffinität anhören würde, kokettiert er nicht ganz unbewusst mit musikalischen Tausendsassas wie Ryan Leslie oder Danja Handz. “Das Ziel ist es, mit meinen Platten den Balanceakt zwischen dem Club und solch anspruchsvoller und perfekter Produktionsästhetik zu meistern.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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