Blitz'n'Ass und die Sache mit der Popmusik
Text: Olian Schulz aus De:Bug 116


Jahcoozi wollen Pop, aber verwechseln das nicht wie so viele mit Gestöhne vor Loopprogramm. Das ungleiche Trio hisst die Flagge des “Berlin Bass Movements”. Denn hier darf man noch, anders als in Florida, seine Baggy Pant auf halbacht tragen. Mit der Hose in der Kniekehle gretscht man direkt ins Radio.

Lasst die ganzen Easyjet-Raver ruhig auf dem 4/4-Viertel-Pilgerweg durch Berlin robben. Dann werden sie eben das Aufregendste verpassen. Neben Minimal haben sich in der Stadt längst Parallelszenen entwickelt, vom smoothen Deephouse mit Handbag-Anschluss eines Dixon über das elitär ignorante Stil-Kuddelmuddel im Club ”Picknick“ bis zum jahrmarktstauglichen Broken-Beats-Freestyle der Sick Girls, eines DJs wie Daniel Haaksmann oder eben Jahcoozis.

Das Trio Jahcoozi, das so international zusammengesetzt ist wie eine ausgedachte Fernseh-Soup-Band, hat mit seinem expressiven Para-R&B so viel London nach Berlin geholt, dass erst mal jeder wie vor den Kopf geschlagen war. Gute Musik plus gute Ego-Show plus Showing Off? Das hat gedauert, bis man es lernte. Underground-Über-Krawall plus Radio-Action funktioniert auf Jahcoozis zweitem Album aber besser denn je.

De:Bug: Wie habt ihr euch entwickelt seit dem letzten Album “Pure Breed Mongrel”, was ist neu, was ist anders?

Robot: Das erste Album war mehr ein Flickenteppich, die Arbeit von unseren Anfängen 2002 bis 2005. Da haben wir einfach Tracks gemacht. Das neue Album ist zusammenhängender, eher aus einem Stück. Es ist in einem kürzeren Zeitraum entstanden, in dem Bewusstsein, dass wir eine Band sind, die ein Album macht.

Oren: Auch in der Produktion haben wir uns weiterentwickelt. Besseres Material, besserer Sound … Nicht, dass wir mit dem ersten Album so viel verdient hätten – wir essen einfach nichts, sondern kaufen uns nur neues Equipment. (Allgemeines Gekicher)

Sasha: Ich schreibe jetzt viel mehr Texte. Früher war ich faul und gab mich mit einem Vierzeiler über das Platzen der Dot-Com-Blase zufrieden …

Robot: … und ich musste es dann Zerschnipseln und einen Song daraus basteln.

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De:Bug: Wie würdet ihr das Album einstufen: immer noch Underground oder schon radiotauglicher R&B?

Sasha: Für mein Spektrum ist es schon recht radiotauglich, aber hast du das Miss-Platnum-Album gehört? Dagegen klingt unseres wie direkt aus dem Club! Und überhaupt ist es doch eine echte Herausforderung, eine gute Popplatte zu machen. So viele Leute haben in ein Mikro gestöhnt und mit einem Loopprogramm was draus gemacht. Das kann doch jeder Zweijährige auf seiner Playstation!

Robot: Für uns ist Pop kein Schimpfwort. Wir wollten schon immer populäre Musik machen, die uns gefällt. Zurzeit unseres ersten Albums kam zum Beispiel Missy Elliot mit HipHop, der kreativer war als das meiste Underground-Zeug.

De:Bug: Jahcoozi, Modeselektor, Eva B., The Tape, Chris de Luca & Phono … gibt es einen Namen für diese neue elektronische, nicht technoide Richtung aus Berlin?

Robot: Immer wollen Journalisten ein Etikett aufkleben …

Sasha: Berlin-Bass-Movement, wenn’s unbedingt sein muss.

Robot: Ein Magazin hat es “New-Dub” oder so genannt, das ist auch dumm, denn das ist wirklich nicht der gemeinsame Nenner. Ein anderes nannte es “The sound with no name”, das ist auch nicht wirklich kreativ …

De:Bug: Blitz’n’Ass: Ist das nur ein Wortspiel oder Programm?

Sasha: Wohl beides. Blitz ist so die teutonische Art zu produzieren, es bezeichnet aber auch das Bombardement Londons durch die Deutschen. Unser Sound ist irgendwie britisch, aber wir kommen aus Berlin. Was den Text anbelangt, steht es für die Härte und die Intensität des Inhalts. Ass ist dagegen organischer und menschlicher, mehr Spaß und Humor, auch sexbezogener. Und zusammen ist Blitz’n’Ass ein Ausdruck, der im Cockney-Riming-Slang existiert und Tits’n’Ass heißt, das habe ich aber auch erst festgestellt, als ich es mal gegoogelt habe.

De:Bug: Dieser Berlin-London-Gegensatz, den du im Opener “BLN” aufbaust, gibt das mehr her als nur eine griffige Phrase?

Sasha: Das Stück ist keine neue Hauptstadt-Hymne auf Berlin. In diesem Text geht es darum, dass London so viel Aufmerksamkeit bekommt für seine Musikindustrie. Immer warten alle darauf, was Neues aus London kommt. Die machen einen neuen Trend, es wird an alle Magazine geschickt und in einem Jahr ist es vorbei. Dann machen sie den nächsten. Alle hören zu, alle glauben dran, alle konsumieren es. Keiner macht das mit Berlin, die Stadt ist auf dieses Techno-Image festgelegt: Bunker, Tresor, Raves, Dekadenz, vielleicht noch die Goldenen 20er und das war’s dann. Aber es gibt doch so viele kreative Leute hier, die ganz verschiedene Arten von Musik machen. Es fehlt an Selbstvertrauen, Deutschland ist kein Musikexportland. Niemand bei Warner America wird deutsche Musik nach Übersee bringen, wohingegen Warner Germany jedes Jahr den ganzen Mist von drüben auf den deutschen Markt bringen muss. Hier sind die Kanäle nicht da, in England gibt es die schon seit den Beatles. “Cool Britannia”, davon leben sie, damit verdienen sie Geld. Von den deutschen Indies bekommt die englische und amerikanische Industrie kein Geld, warum sollten sie sie dann fördern? Das ist ganz einfach angelsächsischer Kulturimperialismus.
http://www.jahcoozi.com/

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Elektronische Lebensaspekte.