Nichts wurde 2002 so herzhaft zusammengezwungen wie alter Klassiker plus aktueller Hit. Eine ganze Produzentengeneration wird zu Frankenstein und schafft Bastardmonster, die erst jede Party, dann die Charts und schließlich den Mustopf rocken. Aber weiter geht es mit den Bootlegs immer und ganz woanders.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 67

2002 war das Jahr der Bootlegs, wir hätten es fast schon wieder vergessen, so out ist Bastard Pop. Und wer ist schuld? Das Netz. Nachdem eine Weile lang die Welt der Bootlegs vor allem in unserem geliebten Underground und auf 7″s der coolste Scheiß war, Richard X, Evolution Control Comittee, diverse Kid606-Dekonstruktionen unter der Hand für ein breites Grinsen sorgten, kam mit Boomselection eine Webseite daher, die Bootleggen zum Volkssport erklärte und jeden Tag für neue, noch einfachere, gruseligere und absurdere Versionen von Hit auf Hit sorgte. Schneller war ein Genre nie, Musikmachen auch nicht.

Flupps waren die sonst die Diskussion bestimmenden Feindseligkeiten zwischen Copyrightverletzung und Majorindustrie wie in einem Traum von Schäfchen vergessen, denn mit Hits lässt sich immer Geld machen, mit zwei in einem schienen sich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen zu lassen. Und verklagen kann man die Bastarde später ja trotzdem noch. Kylie verliebte sich in ihr eigenes New Order-Bootleg auf den Brit Awards und Richard X Sugarbabes meets Gary Newman “Freaks like us” machte sich offiziell auf den Weg in die Charts und die Kings Of The Boots, 2 Many DJs, reisten im ersten Fieber schnell durch die Lande, die iPods im Rucksack und frisch aus dem Netz gebrannte CDs, der Welt die Bootlicks als Partyfieber nahezubringen. Für noch mehr Retro waren wir ja eh alle schon mehr als bereit.

Wer mit wem, mit welcher Software, wurde zum beliebten Alles-geht-Sommerfreizeitvergnügen weltweit. Und von den Tagesthemen bis hin zur New York Times waren alle dabei. Ist sie nicht hip, die Jugend im Netz? Und wer was gegen MP3 sagte, der bekam wie Eminem gleich standing Ovations in Form von Bootlegwettbewerben um die Ohren. Und Platten gab es auch dazu, ganze Label begannen sich auf den Spaß auch in klassischeren Clubformen zu konzentrieren. Von TokTok über Steve Bug bis hin zu Köhnke und Kompakt waren alle dabei. Und schon wurde Fab zu Fad, Osymyso machte dem Megamix eine späte Ehrung in einer Art Konzeptalbum als MP3 (später auch als 12″) und Boomselection erklärte, nachdem sie ihre erste 400-Track-CD rausgebracht hatten, stellvertretend für alle: Wir wollen ein neues Bootlegverständnis. Und das ist eh längst da, von Hypos extravaganten Bearbeitungen, denen man kaum noch die Originale anhört, über die Klassiker der DSP Hechselmaschinen Donna Summers und Kid606, Wobblys HipHop CutUp Opern, Cassetteboy Gesellschafts Cutup und was nicht noch alles. Die Welt ist eben doch ein Sample, kein Toast. Der Rest darf abwandern zu HipHop, Electroclash, NDW und was sonst noch.

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Elektronische Lebensaspekte.