Gitarre und Harddisk haben sich versöhnt. Es hat sich satt angedeutet. 2002 ist es wahr geworden: Lockerheit im Umgang miteinander.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 67

Lang, lang haben sich Rock und Rave nicht vertragen. Zurecht, zum Teil. Ging es doch um wertkonservative Mäkelei über die mutmaßliche Kälte des einen. Sowie Abgrenzung und Selbstfindung des anderen. Der Klampfer mochte den DJ nicht, weil der nur Platten abspielt. Und der DJ konnte mit dem Rocker nichts anfangen, weil der nur das Rampenlicht sucht. Inzwischen können auch Rocker halbwegs pitchen. Und DJs kennen sich im Lichtkegel aus.
2002 drückt sich die Gitarre im Club nach vorn. Die ersten Aufgalopps von Kid Loco oder Chemical Brothers und Kohorten waren noch zu zaghaft oder zu dick aufgetragen. 2002 stimmt die Dosierung: Die rechten Elemente gefischt, die wirklich interessanten Sounds gesampelt, nachgespielt oder gleich veröffentlicht.
Im UK-Breakbeat kauft die angezerrte Gitarre den Ravetröten alles an Schneid ab, was nur irgend geht. Edition Terranova vertonen als Copyright die oft im Berliner ”Pogo” (wat fürn Rockname …) gespielten Platten mit allerlei Effekten versehen neu. Jazzanova machen mit ”Another New Day“ auf ihrem Album Folk zukunftsfähig. Trevor Jackson scheut sich selbst vor Gitarrensoli nicht. Gold Chains macht die Leute glücklich, wenn er beim Gig zum Saiten-Soli ansetzt, selbst wenn das nur schief und schräg zu seinen Beats ist. Gommas Anti-NY-EP und der Teutonik-Disaster-Sampler können auf Electroc(l)ash aufbauen. Gerade Electroc(l)ash zeigt am deutlichsten, welch Schützenhilfe das 80er-Revival bei der Wiedergeburt der Gitarre gibt. Sicher. Die alten Wave-Sachen bestechen gerade durch die musikalische Rohheit, die sich besonders bei den Gitarrensounds aber auch bei den matschigen Drums artbildend abzieht. Wie Smith’n’Hack (obwohl garantiert nie und nimmer 100%tig Electroc(l)ash) mit To Our Disco Friends nietenarmbandbewährt beweisen. Das alles könnte der Beginn eines neuen Respekts zwischen Saitenspanner und Plattenträgern sein. Vielleicht sehen wir im nächsten Jahr im finnischen Oulu zur Luftgitarren-Weltmeisterschaft die ersten Kandidaten zu The Rapture, Gold Chains oder Rennie Pilgrim den imaginären Rockprügel auspacken.

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Elektronische Lebensaspekte.