Alternativen, wo man nur hinsieht. Noch immer wächst und gedeiht HipHop-Musik, vor allem weil einige Produzierende einen Dreck auf vermeintliche Regeln geben. Schließlich ist noch genug Platz für surreale Abstraktionen und konkrete Aussagen. Ob übergreifende Gedanken oder gereimte Einfachheiten, wir sind begeistert.
Text: Clara Völker aus De:Bug 67

Grenzenlos direkt

Auch 2002 war ein gutes Jahr. Ein bisschen anders als die davor, aber eigentlich ohne Überraschungen. Wie vermutet, kümmerte man sich im charttauglichen Rapsektor um krispe Beats und einprägsame Zeilen, das zwar nicht schlecht, besonders neuartig aber auch nicht. Anders jedoch im nicht so sehr formatkompatiblen HipHop. Hier tat sich mal wieder einiges. Vor allem, aber nicht nur, durch Label wie Def Jux, Counterflow, Lex, Beta Bodega, Anticon, Botanica Del Jibaro und Chocolate Industries. Neu waren die meisten dieser Label zwar nicht, dafür stand ihr Sound aus dem sowieso wie immer emsigen so genannten Underground heraus. Das lag vor allem daran, dass die hier Beteiligten statt bloß die Kunst der Wortakrobatik zu zelebrieren oder geschichtsbewusstes Sampling zu praktizieren, was auch in diesem Jahr wieder so einigen in brillanter Weise gelang, ein wenig über den naheliegenden Tellerrand hinausblickten und HipHop als Potential etwas weiter ausschöpften.

Von Def Jux, die schon im letzten Jahr mit Aesop Rocks- und Cannibal Ox-Platten die Nase vorn hatten, kam im Frühling ein zweiter Sampler und im Sommer El-Ps und Mr. Lifs Alben, die zwischen schroff rumpeligen Beats direkte individuelle und reflektierte Statements von sich gaben. RJD2 mied unbeschwert und stilvoll sämtliche vermeintlichen Maßgaben und verbreitete den Charme des Sperrigen in einer sehr optimistischen Version von flüssiger HipHop-LP. Boom Bips Album auf Lex Records, Warps neuem HipHop-Sublabel, war in der vergleichsweise offenen Herangehensweise, die Indie- und Elektronikaeinflüsse durchscheinen ließ, mindestens so abgrundtief spannend wie raplos. Anticon lobte sich Verwinklungen und brachte mit Themselves, Alias, Sage Francis und anderen bröseligen Rap mit Kunstgehalt aufs Parkett. Von Botanica Del Jibaro, die noch eine Menge planen, gab es mehrere Maxis, u.a. von Cyne, die sich nicht nur durch Gedankendichte auszeichneten. Bei Counterflow war man ebenfalls nicht nur um Style in Sachen Coverdesign bemüht, Chocolate Industries fasste HipHop und IndieElektronika direkt mal zusammen auf einen Sampler, Big Dada schielte auf Dub und Dancehall und feierte weiterhin ihren eigenständigen Sound. Dj Vadim und Dj Krush versuchten sich mit ihren Platten wie gewohnt im Formatstretchen, vom Anti Pop Consortium kam ein letztes gemeinsames Lebenszeichen, Blaktronics verschwanden vorerst in irgendeinem fernen Orbit und die Beatboxalben von u.a. Killa Kela waren mindestens so groß wie die obligatorischen Turntablism Platten versiert. Ansonsten zelebrierte nicht nur die Westküste weiterhin ehrlichen Rap, Slum Village, Jean Grae, Talib Kweli, Looptroop, Blackalicious, Blu Rum, Dose One, People Under The Stairs und viele mehr brachten trendlos gute Platten raus. Auch in der deutschsprachigen Heimat werkelte man an einer Menge cooler Musik und die Puppetmastaz brachten als eine Art Metarapgruppe einen erfrischenden optischen Unterhaltungsmehrwert ins Spiel.

Natürlich waren auch im Rest der Welt eine Menge Leute aktiv und feilten an ihrer Version von HipHop, was bekanntlich gut ist. Schließlich lebt HipHop davon, dass man eigentlich alles verwerten kann. Und wenn sich die Beteiligten weiterhin spaß- und gedankenvoll bemühen ihren Blickwinkel mitzuteilen, wird es von morschen Schachtelbeats zu prägnanten Loops, ideenreichen DJs und MCs, deren Lyrics nicht mit dem Hochnehmen der Nadel spurlos vergessen sind, immer spannend bleiben. Hauptsache, es bewegt, egal Kopf oder Körper, subtil oder explizit, Vielfalt rules auch in 2003.

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Elektronische Lebensaspekte.