Was machte die Musikindustrie 2002.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 67

Promohörnchen in Halbtrauer
Die Musikindustrie ist erschüttert

Schwarze Zahlen schreiben in dunklen Zeiten, ein Geheimnis, das nur die Musikindustrie kennt? Wie geht das? Ganz einfach: Promohörnchen auf die Straße setzen, wird schon ein Laster kommen, der sie mitnimmt. Das ganze Jahr über hörte man dunkle Prognosen. Hände wurden mit beschwörerischer Geste quer über einen imaginierten Hals gezogen. Täglich rieselten Mails – so als wäre eigentlich immer schon Winter – mit Inhalten wie: verlasse meinen Promojob, wollte eh was Besseres tun, schickt mir doch bitte alles demnächst nach Lüneburg an meine neue Mailadresse. Auf Kongressen und Messen ging, nachdem letztes Jahr die Zahl 20% herumgeisterte, nun eine 50 durch den Raum. Cut in half. Nicht die Verluste, sondern der Profit. Schmerzhaft. Der Umzug von Universal nach Berlin erwies sich als Glücksfall. Denn es wollten nicht alle hierher. Von den Pollunderjobscouts, die sich hier eine Weile lang in den Anzeigen um neue Mitarbeiter bemühten (nennen wir sie mal Bob und Kate), hörte man nichts mehr. Die Aussicht auf einen Job bei Universal schwand schnell. (Es hat aber welche gegeben). Den Großen geht’s schlecht. Das nicht erst seit gestern. Die Vertriebe jammern auch fast alle, die Lagerhallen lehren sich und anstatt im Winter zusammenzurücken, wird die Eisdecke der Belegschaften immer etwas dünner. Im Musikfernsehen werden konsequenterweise alle Spartenprogramme gestrichen, so als gäbe es nur noch ein ganz oben. Während alle anderen die Bundesregierung dafür an die Wand stellen, ist die Begründung hier aber immer noch das Internet. So als wäre es im letzten Jahr enorm explodiert, als wäre Filesharing z.B. nicht immer komplizierter geworden.

Mitten im Sommer erschien dann auch der untote Geist der Deutschlandquote in Gestalt des mit der alten Regierung glücklicherweise verschwundenen Kulturministers Nida-Rümelin. Von den Franzosen lernen, heißt siegen lernen. Und wenn sie doch nur mit ihm verschwunden wäre. Wir glauben nicht dran. Als wenn Radio in Deutschland nicht eh schon schlimm genug wäre. Doch in all dem Gejammer hielten sich ein paar mittelkleine Label erstaunlich gut, klagten nicht rum, sondern freuten sich über die Trennung von Spreu und Weizen. Darwinismus in Zeiten der Rezession ist immer im Aufschwung. Die Kleinstlabel hingegen schnitten ihre eigenen Fingernägel ins morgendliche Müsli. Ey, lass uns die neue doch lieber nach Weihnachten pressen. Jeden Monat eine Platte machen, ist doch echt etwas anstrengend, oder? Switch to the Darkside ist ja auch nicht mehr wirklich eine Option. Auch wenns viele mit Electroclash und halben Bootlegs versucht haben.

Aber, gute Nachricht, endlich tut sich auch was Online. Nachdem jahrelang gar nichts mehr außer den Piraten das Netz zu bevölkern schien, meldete sich dieses Jahr hierzulande Popfile.de (Universal) mit erschwinglichen Downloads (und nur für PC natürlich Windows Media, brennsicher und mit verkapseltem MP3, dass man aber, wenn man weiß wie, in ein normales umwandeln kann). Universal überhaupt startete eine Großoffensive mit 50.000 Tracks. Und auch alle anderen sind langsam nicht nur in Worten mit ihren 99 Cent pro Downloads da. Etwas spät, würden wir sagen. Auch die ersten Klagen gegen Filesharer und die ersten rechtlich wackeligen Rechnungen unter Androhung eines Gerichtsverfahrens bei Nichtbezahlung machten schon die Runde (in Dänemark, gerüchteweise herrscht in Deutschland eine andere Politik), so als ließe sich dadurch der Verlust wieder einfahren, ja selbst in den hintersten Nischen der Gesellschaft werden deshalb jetzt die Daumenschrauben der Aufführungsrechte angezogen. Aber ich will im Taxi gar kein Phil Collins hören! Niemals nie. Ach, und die vielbeschworene Vielfalt der Musik, die neuen Ideen, die alle absterben sollten, wenn es mal krieselt? Sie sind munterer denn je, denn es war ein verdammt gutes Jahr, was Musik betrifft. Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch. (Nicht Rümelin, sondern Hölderlin).

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Elektronische Lebensaspekte.