Der Dancehall-Vormarsch auf die Tanzflächen der Clubs und in die Charts hat sich dieses Jahr nochmal beschleunigt - nicht nur durch Acts wie Sean Paul. Gleichzeitig wird im Abseits der allgemeinen Aufmerksamkeit ohne Patois-Diplom weiter experimentiert, um Dancehall in noch ganz andere Dimensionen zu befördern.
Text: Uh-Young Kim aus De:Bug 78

Dancehall 2003
Von oben bis unten

Auf dem Cover der Dezember-Ausgabe von Vibe posiert Sean Paul vor einem Ghettoblaster. Die Botschaft vom glänzendsten Black-Music-Magazin an die Shopping Malls der U.S.A. ist klar: Dancehall ist der neue HipHop, und Sean Paul sein 50 Cent. In dem ehemaligen Hotelfachmann aus Uptown Kingston hat der Mainstream den Phänotyp des cleanen Rudeboys gefunden. Einer, der in gebügelter Sportswear mit hellem Teint, monotonem Tenor und Girl-Tunes den Reggaevibe für die Massen aufbereitet.

Zwischen Chrom und Lianen soll er den kreativ stagnierenden Bustas und Beyonces der Welt wieder ein Stück der verpufften Authentizität verleihen. Und tatsächlich verdankt das Popjahr seinem Einschlag mit den frischesten Wind. Was mit dem Supercat-Klon nämlich Einzug in die Charts gehalten hat, ist das Riddim-Prinzip aus der Reggaekultur. Bei diesem entstehen Versionen von Songs, indem verschiedene Deejays (was im HipHop der MC ist, ist auf Jamaika der Deejay) über die B-Seiten-Instrumentals der populären Singles singen. Nicht wie Shaggy, der den Crossover nur durch einen assimilierten Pophybrid schaffte, sondern mit den originalen Riddims aus dem Yard hat Sean Paul Hustlers und Selectors daheim mit Schulkindern, BMW-Fahrern und Beamten weltweit vereint.

Besonders an den Variationen des Diwali-Riddims lässt sich ablesen, wie die jamaikanische Remix-Praxis die kommerzielle Popmusik durchdrungen hat. Zuerst tauchten die zum stompenden Vierer wirbelnden Handclaps auf Sean Pauls “Get Busy” auf; Lumidee avancierte auf einem für die Bronx skelettierten Diwali zum Mädchen-Star mit “Never Leave You”; der Reggaecrooner Wayne Wonder hatte einen parasitären Strandhit mit “No Letting Go”; und zuletzt haben sich Timbaland und Missy Elliott an dem Diwali vergriffen. Ihr um ein paar bpm beschleunigtes und mit heftiger Nummernkarambolage ausklirrendes “Pass That Dutch” ist der Cyborg unter den Derivaten des gefragtesten Riddims 2003.

Das wichtigste Kriterium eines Riddims ist die Verwertbarkeit auf dem Dancefloor. Dort ist auch eine Tanzkultur wieder aufgetaucht, bei der simple Schrittfolgen im Kollektiv nachgetanzt werden. Demgegenüber hört man immer weniger Hardcore-Tunes, obwohl gerade dort die Welt alle sieben Inches lang neu erfunden wird – wie z. B. bei Ward 21 und ihrer Mischung aus weirden Timbaland-Cutups, knalligem Neptunes-Bounce und der Kantigkeit eines Dizzee Rascal.

Während im Zentrum der Aufmerksamkeit Beat und Tanzstil mit Originalitätsversprechen standardisiert werden, kommt an den Rändern die vielseitige Aneignung von Dancehall ohne Exotismus und Patois-Diplom aus. Als The Bug revitalisierte sich der als Techno-Animal-Producer bekannte Kevin Martin. Der Reggaeliebhaber bannte schmutzigen Mutanten-Dancehall für das 21. Jahrhundert auf das Album “Pressure”. Gepanzert als bionisches Ungeziefer zog er dabei markerschütternde Verbindungslinien von King Tubby und Jah Shaka über die Ragga Twins und Shy FX bis zu Aphex Twin und Rhythm & Sound. Seine Schocktaktiken verzerrten den für Dancehall typischen Balzkitsch in eine montröse Fratze aus Krach, Power und maximalem Bass. Minimal dagegen ist die Dancehall-Elektronika des Al-Haca Soundsystems aus Greifswald, deren Drumbanks glatt von Kompakt stammen könnten.

Zwischen den Extremen hat sich Dego “Ranks” McFarlane als Cousin Cockroach zurück gemeldet. Auf “This Ain´t Tom´n´Jerry” amalgamiert der Soundboykiller der Zukunft den zwingenden Offbeat mit quer breakendem West-London-Uptempo im Laserfunkhagel. Und MJ Cole lotet auf “Madman” an der Seite des allgegenwärtigen Elephant Man die Kompatibilität von Dancehall und Garage aus.

Wie wenig dabei der kulturelle Apparat interessiert und mit welcher Unbekümmertheit die Chemie der Dancehallstruktur zerlegt wird, um auf dem eigenen Vibe zu reiten, führte die Überraschung des Jahres vor: Für die mittlerweile aus Barcelona nach Hamburg zurückgekehrten Meteorites ist Dancehall keine Mission, sondern das nach allen Seiten hin offene und dehnbare Trampolin, auf dem es sich auch noch ziemlich hoch und ganz woanders hinspringen lässt, wenn der erste Sean-Paul-Klon bei den “Popstars” auftaucht.

Text: Uh-Young Kim / u.kim@web.de

Auf dem Cover der Dezember-Ausgabe von Vibe posiert Sean Paul vor einem Ghettoblaster. Die Botschaft vom glänzendsten Black-Music-Magazin an die Shopping Malls der U.S.A. ist klar: Dancehall ist der neue HipHop, und Sean Paul sein 50 Cent. In dem ehemaligen Hotelfachmann aus Uptown Kingston hat der Mainstream den Phänotyp des cleanen Rudeboys gefunden. Einer, der in gebügelter Sportswear mit hellem Teint, montonem Tenor und Girl-Tunes den Reggaevibe für die Massen aufbereitet.

Zwischen Chrom und Lianen soll er den kreativ stagnierenden Bustas und Beyonces der Welt wieder ein Stück der verpufften Authentizität verleihen. Und tatsächlich verdankt das Popjahr seinem Einschlag mit den frischesten Wind. Was mit dem Supercat-Klon nämlich Einzug in die Charts gehalten hat, ist das Riddim-Prinzip aus der Reggaekultur. Bei diesem entstehen Versionen von Songs, indem verschiedene Deejays über die B-Seiten-Instrumentals der populären Singles singen. Nicht wie Shaggy, der den Crossover nur durch einen assimilierten Pophybrid schaffte, sondern mit den originalen Riddims aus dem Yard hat Sean Paul Hustlers und Selectors daheim mit Schulkindern, BMW-Fahrern und Beamten weltweit vereint.

Besonders an den Variationen des Diwali-Riddims lässt sich ablesen, wie die jamaikanische Remix-Praxis die kommerzielle Popmusik durchdrungen hat. Zuerst tauchten die zum stompenden Vierer wirbelnden Handclaps auf Sean Pauls “Get Busy“ auf; Lumidee avancierte auf einem für die Bronx skelettierten Diwali zum Mädchen-Star mit “Never Leave You”; der Reggaecrooner Wayne Wonder hatte einen parasitären Strandhit mit “No Letting Go”; und zuletzt haben sich Timbaland und Missy Elliott an dem Diwali vergriffen. Ihr um ein paar bpm beschleunigtes und mit heftiger Nummernkarambolage ausklirrendes “Pass That Dutch“ ist der Cyborg unter den Derivaten des gefragtesten Riddims 2003.

Das wichtigste Kriterium eines Riddims ist die Verwertbarkeit auf dem Dancefloor. Dort ist auch eine Tanzkultur wieder aufgetaucht, bei der simple Schrittfolgen im Kollektiv nachgetanzt werden. Demgegenüber hört man immer weniger Hardcore-Tunes, obwohl gerade dort die Welt alle sieben Inches lang neu erfunden wird – wie z. B. bei Ward 21 und ihrer Mischung aus weirden Timbaland-Cutups, knalligem Neptunes-Bounce und der Kantigkeit eines Dizzee Rascal.

Während im Zentrum der Aufmerksamkeit Beat und Tanzstil mit Originalitätsversprechen standardisiert werden, kommt an den Rändern die vielseitige Aneignung von Dancehall ohne Exotismus und Patois-Diplom aus. Als The Bug revitalisierte sich der als Techno-Animal-Producer bekannte Kevin Martin. Der Reggaeliebhaber bannte schmutzigen Mutanten-Dancehall für das 21. Jahrhundert auf das Album “Pressure”. Gepanzert als bionisches Ungeziefer zog er dabei markerschütternde Verbindungslinien von King Tubby und Jah Shaka über die Ragga Twins und Shy FX bis zu Aphex Twin und Rhythm & Sound. Seine Schocktaktiken verzerrten den für Dancehall typischen Balzkitsch in eine montröse Fratze aus Krach, Power und maximalem Bass. Minimal dagegen ist die Dancehall-Elektronika des Al-Haca Soundsystems aus Greifswald, deren Drumbanks glatt von Kompakt stammen könnten.

Zwischen den Extremen hat sich Dego “Ranks” McFarlane als Cousin Cockroach zurück gemeldet. Auf “This Ain´t Tom´n´Jerry” amalgamiert der Soundboykiller der Zukunft den zwingenden Offbeat mit quer breakendem West-London-Uptempo im Laserfunkhagel. Und MJ Cole lotet auf “Madman” an der Seite des allgegenwärtigen Elephant Man die Kompabilität von Dancehall und Garage aus.

Wie wenig dabei der kulturelle Apparat interessiert und mit welcher Unbekümmertheit die Chemie der Dancehallstruktur zerlegt wird, um auf dem eigenen Vibe zu reiten, führte die Überraschung des Jahres vor: Für die mittlerweile aus Barcelona nach Hamburg zurück gekehrten Meteorites ist Dancehall keine Mission, sondern das nach allen Seiten hin offene und dehnbare Trampolin, auf dem es sich auch noch ziemlich hoch und ganz woanders hin springen lässt, wenn der erste Sean-Paul-Klon bei den “Popstars“ auftaucht.

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Elektronische Lebensaspekte.