In unserer beliebten Serie über Exil-Kanadier in Berlin begrüßen wir im Oktober Jake Fairley, der nach dem Schulterschluss mit Landsmann Jeremy Caulfield ein Album vorlegt, dass eine kanadische Kindheit inmitten von Rockmusik mit dem Synthesizer nachspielt. Harte Zeiten für Puristen: Das Songwriting ist zurück.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 86

Bassdrum in Berlin, Gitarre in Toronto

Stell dir vor, du entscheidest dich für eine Karriere als elektronischer Musikproduzent und deine Freunde sind alte Rocker … Geht nicht? Geht doch, würde Jake Fairley sagen, und der muss es schließlich wissen. Denn als der junge Kanadier, der in der Nachbarschaft von Parkdale in Toronto aufwuchs, 1995 begann, mit elektronischen Sounds herumzuspielen, waren seine Kumpels alles waschechte Rockfreunde. Eine Geschichte besagt, dass Jeremy P. Caulfield eines Tages im Jahre 2000 in einer kleinen abgefuckten Bar ein paar Bierchen zwitscherte und zufälligerweise eine Perfomance von Jake Fairley miterlebte, der vor zehn Leuten spielte, von denen fünf bereits komatös alkoholisiert auf den Tischen lagen. Aus dem Besäufnis wurde Freundschaft und aus der Freundschaft das Label Dumb-Unit mit Caulfield als Labelboss und Fairley als einem der ersten Produzenten.

Zurück in die Gegenwart. Hier nämlich spielt das neue Fairley-Album “Touch Not The Cat”, an dem sich nach der Veröffentlichung mit Sicherheit einige Geister scheiden werden. Oder wie es die Pressemitteilung des Labels so treffend umschreibt: “‘Touch Not The Cat’ ist ein kompliziertes und präzises und dennoch ein irgendwie direkteres und kompromissloseres Album; ein Album, das ohne Zweifel so manchen Minimal-Warmduscher weinend zurück zu Mami schickt.”

Tja, da ist fertig mit lustig. Schon der Album-Opener “Nightstick” präsentiert mit brachialer und ohrenbetäubender Gewalt die Vermählung von Techno und Rock. Die Synthesizer brummen noch bedrohlicher als bei Monstertruckdriver Haas, der schnurgerade Beat will einfach nur immer weiter nach vorne, um uns dort alle Köpfe im Endlostakt durchzuschütteln, und die Stimme Fairleys rotzt auf eine so schnoddrig-nonchalante Art und Weise, wie es eben nur diese Rock-Fuzzies aus Amerika hinbekommen: “Das neue Album klingt ja schon ein wenig anders als die Releases zuvor. Ich habe versucht, einen Sound zu finden, der meine verschiedenen Arbeiten aus den vergangenen Jahren zusammenführt und auf den Punkt bringt.”

Auch Rock, klar!
Die vergangenen Jahre waren auch die Zeiten von “The Uncut”, einem Tech-Rock-Projekt, das Fairley zusammen mit seinem ehemaligen Mitbewohner Ian Worang betrieb, und das er selbst als “größten Teil meines Lebens” bezeichnet: “Ian hat einfach mal angefangen mit seinem Bass zu meinem Live-Act zu spielen und daraus entstand dann unser Duo. Wir hatten alle zwei Wochen irgendwelche Gigs und spielten in unzähligen Rock- und Techno-Clubs, ganz einfach, weil wir beides waren.” Deswegen, so erzählt Fairley weiter, konnte er mit seinen Solo-Projekten auch in andere Richtungen steuern – einfach weil er diese für ihn nötige Portion Rock zusammen mit Ian zelebrierte. Nach der räumlichen Trennung durch seinen Umzug nach Deutschland vor einem Jahr und der damit verbundenen kreativen Sendepause zwischen den beiden Freunden machte sich das Fehlen der täglichen Portion Rock bemerkbar und so begann Fairley, sich die notwendige Dosis durch sein Soloprojekt anzueignen. Das Resultat liegt nun im neuen Album vor, das in drei verschiedenen Städten entstanden ist: “Lustigerweise hat jede Stadt dabei so ein bestimmtes Soundbild geprägt: In Köln waren es die Rockstücke, in Toronto die Techno-Banger und in Berlin die relaxteren und atmosphärischeren Stücke.”

Auch Mikrofon, sowieso klar!
So paaren sich auf der neuen Platte dann auch diese unmissverständlichen und schmutzigen Hammerbeats mit schlurfendem, abgerocktem und so hemmungslos nach Gitarre klingendem Soundgekreische. “Alles nur Synthesizer!”, wie der Kanadier versichert, die Gitarre werde erst in Toronto wieder ausgepackt, wo Fairley seine Tournee startet, die ihn auch in die USA und zurück in seine Wahlheimat Deutschland führen wird. Dafür wird das Mikrofon nun wieder vermehrt zum Einsatz kommen.

Eine Tatsache, die vielen Techno- und Minimal-Puristen ein Dorn im Auge sein wird, führt Fairley mit dem Einsatz seiner Stimme doch in ein Fahrwasser, das eher in Richtung Songwriting steuert als in den Hafen des simplen Effekts. “Ich gehe ja anders an den Gesang heran als die meisten Leute, die Techno mit Vocals produzieren und die den Gesang als ein Element des Sounds begreifen wie eine Bassline oder eine Hihat und die dieses Element dann bearbeiten, zerstückeln und arrangieren.” So möchte Fairley in Zukunft nicht nur mit präzisen und gut strukturierten Beats auf sich aufmerksam machen, sondern auch mit seiner Stimme: “Ich hoffe, dass die wirklich guten Songwriter, die meine Platte anhören, nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: Oh je, was für ‘ne Gurke!”

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Elektronische Lebensaspekte.

"Crisis" ist das Statement des Kanadiers Jake Fairley zu der heimatlichen Technoszene kurz vor dem Zerfall, zum Überdruss an Techno generell, zur Qual mit 90er Grungerock und zur Aufforderung zum Shopliften. Scheiß Arbeit, geile Musik, hoch lebe der 1. Mai.
Text: anett frank aus De:Bug 60

Der mittlerweile 25-jährige Kanadier Jacob Fairley hat sein langersehntes erstes Album “Crisis” produziert. Jedoch ist dies nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, zu horrendem Preis als Übersee-Import erhältlich, sondern auf Sender, dem Berliner Label für Nachrichtentechnik mit trockenem Rundumfunk.
An der Strippe hatte ich mein Gegenüber aus Toronto Ende April, um mich in frühlingshafter Aufgeregtheit über den lokalen Aufschwung und Niedergang oder besser: Anpassungsfaktor von Techno als lügendetektorische Ausbeute zu informieren.
Debug: In welcher musikalisch geprägten Gegend bist du groß geworden, bevor die “Crisis” dich erwischte?
Jake: Warp hat mich gekickt, als ich als DJ anfing. Experimentellere Geschichten sind nicht unbedingt der beste Start, den man hinlegen kann, wenn man lernt, sich mit dem Rhythmus anzufreunden. Andererseits bin ich immer noch von Dub beeinflusst, zwar mittlerweile begrenzt, aber doch spürbar. Ich mag Musik ganz gerne, die es einem leicht macht, sich reinzuhören, mehr als zu abgefahrenes Zeug.

Vandalismus am Hotel mit Ausblick

Debug: Was suchen denn die zwei Ambient-Tracks auf der Sender-CD?
Jake: Benno fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, den ganzen Ablauf etwas aufzulockern und ein paar Sounds dazwischen zu packen. Ich hab dann Stücke von mir ein bisschen vergewaltigt, indem ich die Geschwindigkeit um das vierfache verlangsamt habe und den Beat rausnahm. Das ist alles. Hat es dir gefallen?
Debug: Ich finde die ruhigeren Sachen auf Traum ansprechender und bin persönlich ja ungeheuer froh und von dem Sound beeindruckt, den du als Fairmont auf dem Kölner Label rausbringst.
Jake: Als Kind hatte ich ein Auto, das hieß Ford Fairmont. Es ist auch eine Hotelkette. Wenn ich bspw. Interviews gebe oder wir uns treffen, um über Platten zu sprechen, dann sehen wir uns dort, im Fairmont-Hotel in Toronto oder sonstwo – sie sind überall. (schmunzelt)
Debug: Du streust deine Releases als Fairmont mit ambientöser Tiefe auf Traum und minimal-ästhetischem Großherzogtum als Jake Fairley (call me Jake) auf Sender. Die Platten auf dem eigenem Label unter Jard Fireburg sind ähnlich wie der “cn tower”-Track, vielleicht ein wenig mehr blitzblank minimal und weniger aggressiv. Welche zwei Herzen schlagen da in deiner Brust?
Jake: Jake Fairley ist meine jüngere, rebellischere Seite. Es ist Musik zum Läden ausräumen oder als Hintergrundbeschallung für Vandalen. So, als wenn Luke Perry jemals Minimal-Techno gemacht hätte. Ich hörte, dass Robert Downey Jr. sich meine Live-Sets aus dem Netz gezogen hat, als er im Gefängnis saß. Andererseits ist Fairmont ungeheuer entspannend. Wenn ich mich sentimental oder sorglos fühle, schreib ich meist Fairmont-Songs. Auf der “Crisis” hab ich einen fetteren Sound ausgetestet als je zuvor. Es ist sozusagen Fairley, der es noch weiter treibt und damit noch größer wird. Ich habe versucht, die richtige Zeitform für Gefühle zu finden und habe mir dafür allerhand derb dröhnenden und verzerrten 90er Jahre Rock reingezogen. Dieser anstrengende Kram hat mich wirklich inspiriert. Ich dachte, vielleicht isolierst du die Stimmung und deplazierst die Gitarrensounds mit Strings und wachsenden Synthesizern. Im Endeffekt hören sich die Tracks neu und doch familiär im Sinne von Dumb-Unit an. Deswegen mag ich es wahrscheinlich so, mich an Produzenten zu orientieren, die nicht das geringste mit dem Genre zu tun haben, das mich greift.

Die Empfangsstation

Debug: Nachdem du dich ja einige Zeit ausschließlich deinem eigenen Label Dumb-Unit verpflichtet fühltest, wie bist du eigentlich auf die Sender-Connection gestoßen?
Jake: Benno hörte von einigen Tracks, die ich auf meinem Label veröffentlichte. Danach musste er wahrscheinlich herausfinden, wer dieser Typ ist und wie man mit dem in Kontakt kommen kann. Das war so gegen Ende 2000. Ich dachte mir: Schick ihm doch einfach mal die “cn-tower”, mal sehen, was er sagt. Er fand es toll und wir uns persönlich auch. Weißt du, dafür, dass wir uns vorher nicht kannten und nur über die Musik zusammengefunden haben, verstehen wir uns im Endeffekt prächtig.
Debug: Mit welcher künstlerischen Perspektive hast du “Crisis” für Sender produziert?
Jake: Ich versuche Tracks zu machen, die Hypes überdauern und somit einen klassischen Aspekt beherbergen. Das ist für mich auf jeden Fall interessanter, als einen stylischen Track zu machen, der für kurze Zeit frisch ist. Und hoffentlich findet man seinen Zugang zu meiner Musik über die Melodie, auch wenn man sich nicht unbedingt für Techno begeistern kann.
Debug: Du meinst, du greifst gerne auf Stilelemente der frühen 90er im Techno zurück.
Jake: Ja, ich verarbeite auch eine Art eklektischen Einfluss von Produzenten, die vielleicht momentan nicht angesagt oder aktuell sind. Ich beziehe mich eben nicht darauf, was heute im Techno passiert, sondern auf eine andere Zeit. Ich möchte, dass man meine Tracks hört, auch wenn sie schon etwas länger veröffentlicht sind.

Heraus zum revolutionären ersten Album

Debug: Du produzierst ja “nicht nur” Tracks, sondern unterfütterst den Stoff auch teilweise mit eigens eingesprochenen Texten. Was brabbelst du eigentlich auf dem Work-Stück?
Jake: Es geht um die verhasste Arbeit, die man tun muss, um sich sein Leben zu finanzieren.

Und diese Prostitution hat Jake verdammt hörbar angeödet. Es klingt durch, dass er in Europa, speziell hier in Deutschland, anders als Akufen, der auch in den Staaten oder in Kanada richtig gut von Hörern betreut wird, den meisten Erfolg hat. Es gibt in Kanada, so Jake, wenig Interesse daran, was er musikalisch macht. Das äußert sich bspw. auch in solchen Sätzen wie: “Toronto ist cool, hier kann ich ein bis zwei mal pro Jahr spielen.”
Kanada scheint ein Pflaster zu sein, das in mannigfaltiger Hinsicht isoliert ist. Man wohnt zwar als einziger Nachbar gleich neben der amerikanischen Techno-Übermutter, ist aber auch mit allen Musik-rezeptorischen Sensoren ungeheuer auf Deutschland geeicht.

Jake: Die Techno-Szene hat sich sehr verändert. Ich habe mich immer sonstwo nach einer Richtung oder nach Unterstützung umgeschaut. Jetzt, da ein gewisser Kanada-Hype beherrschend ist, bekomm ich langsam mit, wie sehr wir uns zunehmend verlieren. Unsere Chance, so was wie die Marke Kanada-Techno zu erhalten, ist fehlgeschlagen. Es ist schon beschissen, wenn man weiß, man könnte alles, sprich Erfolg, Community und Strukturen, eben in Deutschland viel einfacher haben. Aber einige hier haben auch schon Pläne, wie man sich ein kanadisches Netzwerk rekreiert. Das gibt Mut.
Debug: Was macht Jacob Fairley, wenn er nicht gerade mit Sender auf Tour geht?
Jake: Im Moment versuche ich, Gitarre spielen zu lernen und probiere mich mit meinem Mitbewohner in einer Rock-Band aus, die sich “The Uncut” nennen. Für “Over the Edge” (das Stück auf der Exploder-EP) wird es eine Rock-Version geben und ich hoffe Benno wird es mögen. Mich zieht’s auch gerade ein bisschen mehr zu Punk-Rock hin als zu elektronischer Musik. Marko Haas hat mich persönlich in letzter Zeit sehr angesprochen. Er war auch schon zwei mal hier in Kanada und wir hatten gut Spaß. Sonst? Ich muss mal meinen Mitbewohner fragen… Ich glaube SCSI 9 als Anton Kubikov auf der Traum-Compilation.

Und auf Traum wird sich Jacob diesen Herbst auch noch blicken lassen. Bitte dann auch wieder in voller Länge.

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