Es geht wieder um einen Gegenentwurf. Unter den neuen Bild- und Soundstandards von DVD und Dolby 5.1 haben Notebook-Hero Jake Mandell und Video-Artist Jeffers Egan einen ungreifbaren Film zwischen abstraktem Surrealismus und Goa-Rave-Visual generiert. Alexis Waltz entstaubt seine Techno-Kunstgeschichts-Credits, als Goodie gibt's eine arge Lacan-Interpretation.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 64

Ja, Visuals sind Dreck. Visuals sind Zusatz, Metapher, Erzählung in einem Raum, in dem Erzählung gerade abgeschaltet werden soll. Sie sind falsche Wiederholung dessen, was man eh schon direkt wahrnimmt, sie wollen vorgeben, was die TänzerInnen selbst erfinden müssen, so können sie fast nie einen zwingenden, irreversiblen Punkt erzeugen. Jake Mandells und Jeffers Egans DVD ”Slither” operiert im Feld von ”Visuals”, allein weil es um die Verbindung von elektronischer Musik und computeranimierten Bildern geht. Letztlich wollen die beiden das Werk aber keinem Clubbesucher zutrauen und sehen als idealen Aufführungsort eher ein Kino. “Slither” ist der avancierteste und brutalste Trip im Feld des Sehens, der gegenwärtig denkbar ist. Die Regressionen ins Imaginäre und weit dahinter zurück werden fast nie durch die dafür bekannten Zeichen umrissen, sondern so materiell real gemacht, wie es mit den Mitteln digitaler Bildgenerierung möglich ist. Egan und Mandell konstruieren eine Trip-mäßige Erfahrung, sind aber mit Anschlüssen an bekannte Drogen-, Musik-, Rausch- und Bild-Kulturen extrem vorsichtig. Es gelingt ihnen, die Krassheit in ganz andern Bildern und Sounds auszudrücken: in Farbflächen, die ungreifbare Räume erzeugen, in einem fließenden, extrem finsteren Sound, der keine Haltepunkte gibt. Egan geht von einem surrealistischen Programm aus, ohne dieses einer etwa Batailleschen Kritik zu unterziehen, die auf destruktive Bedrohungen hinweißt, die die surrealistische Entgrenzung immer darstellt. Gleichzeitig gelingt es ihm, auf einer Ebene der Tiefenstruktur zeitgenössischer Bildproduktion zu arbeiten, ohne sich in zeichenhaften Referenzen zu verlieren. Statt etwas abzubilden, geht es eher darum, wie im zeitgenössischen Bild-Dispositiv Abbildungen, Raum, Tiefe, Objekte produziert werden. Es geht aber auch nicht nur um eine künstlerische Analyse, sondern darum, aus dieser Analyse-Ebene etwas zu erfinden. Weil das DVD-Bild nicht markiert scheint wie das Video-Bild mit seinen Linien und dem Flimmern, wirkt es besonders real, der verwendete Dolby 5.1 Sound mit seinen fünf Kanälen produziert einen anderen Raum als Stereo. Und dieser Raum soll bevölkert werden.

DEBUG: Wie würdest du deine Arbeit, dein Projekt beschreiben?
EGAN: Meine Arbeit kreist um drei verschiedene, aber aufeinander bezogene Gebiete: abstrakte Bewegungs-Malerei, Echtzeit-Visualisierungen und die Schnittpunkte zwischen Kunst und elektronischer Musik. Ich versuche, die Grenzen dessen, was in der Computer-Kunst möglich ist, zu erweitern, während ich im historischen und kritischen Rahmen der Bildenden Kunst verankert bin.

DEBUG: Was hast du auf Slither versucht?
EGAN: Slither ist Kunst für das neue Jahrtausend. Es ist eine hyperreale Annäherung von Malerei, Skulptur, Film, Animation, Videokunst und elektronischer Musik.

DEBUG: Warum hast du alle Bilder selbst geriert?
EGAN: Künstler finden Techniken des Ausdrucks, die für die Gegenwart relevant sind. Meiner Meinung nach kann der hyperzeitgenössische Künstler das neue Jahrtausend – Nanotechnologie, das Klonen menschlicher Embryos, Transhumanität – nicht akkurat durch alte künstlerische Formen wie Photographie und Film ausdrücken. Wir brauchen neue Techniken, neue Methodologien – eine neue visuelle Sprache.

DEBUG: Der Raum, den die DVD-Bilder erzeugen, hat wenig mit dem des Fernseh-Bildes zu tun hat. Es erzeugt eine gewisse Opazität. Kannst du damit etwas anfangen?
EGAN: Ja, es ist interessant: Während ich mit den selben Mitteln arbeite, mit denen Animationen für das Fernsehen hergestellt werden, hat meine Arbeit doch nichts mit Fernsehen zu tun. Fernsehen ist ein theatralisches Medium, die Verbindung von Bild und Sprache ist wesentlich. Für jemanden wie Lacan aber sind sowohl Bild als auch Sprache komplett ungeeignete Mittel des Ausdrucks. Lacan beschreibt sie beide als kategorisch falsch. Vielmehr ist das Reale ein roher Zustand, eine Erfahrung, die so massiv ist, dass wir es nicht direkt wahrnehmen können, und dennoch ist es das, was wir letztendlich suchen. Slither arbeitet in diesem Feld des Realen. Es ist ein Blick in das, was man nicht wissen kann, in den unfassbaren Reichtum, von dem wir nur einen schwachen Sinn haben. Die Ironie dabei ist, dass bei Slither eine unbeschreibliche virtuelle Welt viel ”realer” wirkt als die Fernseherfahrung.

DEBUG: Wie hast du in den Bildern auf den neuen akustischen Raum von Dolby 5.1 reagiert?
EGAN: Dolby 5.1 ist ein umgreifendes Erlebnis, und das Gegenstück zum visuellen Element von Slither, das das Feld des Sehens genauso umschließt wie ein Gemälde von Pollock oder Rothko. Vor einem Bild der Falbfeldmalerei stehend ist der Betrachter aktiver Teilnehmer, er/sie erfährt sich im Kontext des Bildes. Genauso ist es möglich, im Rahmen von Slither zu entziffern, ”wer” du bist und ”wer” du wirst.

Wer man ist, wer man wird: Die meisten Clubvisuals setzen sich dazu bloß auf einer Style-Ebene in Beziehung. Sie sind metaphorische Ergänzung und kultureller Fußnotenapparat zum Clubgeschehen. Genauso wie 2Step, die DJ + VJ-Sendung auf Viva, schnell langweilig wird, weil Musik und Bild nicht sehr intensiv miteinander agieren. Egan und Mandell messen das Verhältnis von Bild und Musik genau aus, dabei setzt die Musik den Rahmen, durch den die Bilder noch direkter treffen können. Mandell: ”Jeffers schickte mir den ersten Track des Videos und ich war völlig von den Socken. Dafür kann ich nichts von dem nehmen, was ich bisher produziert habe, dachte ich. Ich wollte etwas Spezielles entwickeln. Das war nicht einfach, weil die Musik und Bilder synchron sein sollten. Es soll wirken, als erschaffe die Musik die Bilder oder umgekehrt. Beats waren keine Option, weil keine Beats in den Bildern vorkamen. Ich fand die Bilder sehr kinematographisch und so wollte ich atmosphärische, dunkle Musik machen, die eine massive Erfahrung ermöglicht. Die Musik ist nicht spielerisch wie die Bilder in gewissen Momenten, sondern böse, weil sie einen auf die Herausforderung der Bilder einstellen soll.”

Die interessanteren Videokünstler, etwa Steve McQueen, Isaac Julian oder Stan Douglas arbeiten meistens mit der Performanz des Films und des Fernsehens und verschenken damit einiges der subjektivitätszerfetzenden Qualitäten, die das Medium haben könnte. Gerade durch die DVD mit ihrer eigenen Taktilität gibt es da einen massiven neuen Spielraum. Klar kann man sagen, Subjektivitätszerfetzen, nicht meine Baustelle. Andererseits ist die endlose Dekonstruktion des Fernseh- und Filmbildes auch nicht gerade das Affizierendste. Es ist Zeit, sich von den historischen Orten Kino, TV, Club zu lösen, die ja in den Black Boxes auf Kunstausstellungen meistens rekonstruiert werden, und neue Medien oder neue Konstellationen von Medien zu erfinden, die einen krasseren Zugriff auf Subjekte möglich machen.
Bei einem Jumpin-Jack-Frost-Gig lief einmal über Stunden ein sekundenlanger Loop einer Tom-und-Jerry-Szene: Jerry schlug mit einem Hammer Tom den Kopf ein, Tom rächte sich, dann wiederholte Jerry seine Bewegung, und so weiter. Für seine Arbeit für die Documenta 11 richtete James Coleman einen komplett weißen, rechteckigen, langgestreckten, kapellenartigen Raum ein. Auf der kleinen, dem Eingang gegenüberliegenden, beinahe quadratischen Wand wurde ein Plasma-Monitor eingelassen, auf dem ein sich minimal veränderndes Bild sichtbar ist, das eine Mikroskop-Aufnahme oder ein Höhen-Relief zeigen könnte. Es umreißt einen naturwissenschaftlichen Bildtypus, ist zugleich nichts und extrem real. Zwischen der Raver-Psychose in Form des Tom-und-Jerry-Loops und dieser unfassbaren Analyse zeitgenössischer Visualität arbeitet Slither.

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Elektronische Lebensaspekte.

Der Amerikaner Jake Mandell macht Powerbook-Techno in Deutschland und mag seinen Computer und nur wenige Programme. Deswegen nennt er seine neue LP auch Love Songs for Machines, und die liebäugelt mit Pop und nicht mit Intelligence Dance Music.
Text: Joachim Landesvatter aus De:Bug 46

Life is rhythm
Jake Mandell
“Hast du ein Interview gemacht?” fragt die Bedienung in einem italienischen Restaurant in dem ich mit Jake Mandell sitze. “Ja” entgegne ich. “Mit wem? “Jake Mandell, einem Musiker.” Sie bittet Jake um eine CD, schließlich sei das doch seine Visitenkarte. Er hat keine dabei. Ich schlage vor, dass er doch einfach etwas singen soll. Sie ganz begeistert: “I´m a singer, too.” Wir etwas desinteressiert: “Really?”. “Yes”, meint sie, denn “Life is rhythm.” Jake scheint ganz begeistert von diesem Motto und sie kann sich nicht entscheiden, ob er das ernst meint oder nicht. Plötzlich kurz angebunden, verabschiedet sie sich von uns. Abends entdecke ich sie dann beim Rumzappen auf RTL im TV-Psychothriller “Das Mädcheninternat – Deine Schreie wird niemand hören”.
Umziehen
Ganz sicher bin ich mir auch nicht, wie sie auf Jakes Musik reagiert hätte, die gerne in die Powerbook-Nerd-Ecke gestellt wird. Etwas fassungslos wahrscheinlich. Ähnlich ergeht es Jake, wenn er in Amerika erzählt, dass er mit seinem Computer Musik macht und sich die meisten Leute darunter gar nichts vorstellen können und Star- Wars-Soundeffekte erwarten. War das ein Argument für ihn, aus Minneapolis nach Berlin zu ziehen? “Es gibt keinen wirklichen Grund, warum ich nach Berlin gezogen bin. Letztes Jahr bin ich in Deutschland getourt und da habe gedacht: Warum nicht Berlin? Ich habe damals in acht Städten gespielt und in Berlin hat es mir am besten gefallen. In den USA gibt es viele Leute, die elektronische Musik produzieren, aber alle sind erst seit kurzem dabei. In Leipzig habe ich einige Leute getroffen, die sich zusammen für 2000 Mark ein winziges Studio eingerichtet haben, das sie sich jetzt mit einem Stundenplan teilen. In den USA arbeitet jeder für sich, hier ist alles eher Community-orientiert.”
Musik & Technik
Seine neue LP heißt “Love Songs for Machines” und ist auf dem New Yorker Label “Carpark” erschienen. Der Titel suggeriert, dass Jake eine innige Beziehung zu seinen Produktions-Tools pflegt. “Das beste am Programmieren ist, wenn man etwas erzeugt, was Gefühl vermittelt. Wenn man nur mathematisch denkt, dann scheint man anti-intuitiv zu glauben, etwas mit einer gefühlsmäßigen Bedeutung kommt dabei heraus. Wirklich befriedigend ist nicht, irgendwas stundenlang hin und her zu schieben, sondern etwas zu erhalten, was cool klingt. Je länger man so arbeitet, um so größer wird das Sound-Repertoire. Du kannst schneller Sounds machen, musst aber darauf achten, auch neue Herangehensweisen auszuprobieren. Computermusik vereint Musik und Technik, es geht darum, ein Virtuose an deinem Instrument zu sein. Es gibt aber wenige Menschen, die mit dem Computer meisterhaft umgehen können. Viele kaufen einen Computer und machen Musik, die man – das mag klischeehaft klingen – schon tausend mal gehört hat. Das nennen sie dann ihre eigene Musik, selbst wenn sie im Prinzip nur Techniken benutzen, die von anderen erfunden wurden. Ich benutze nur wenige Programme und fühle mich so, als wäre ich gerade erst dabei, sie zu erlernen. Dubby Techno wie er vor Jahren hier in Berlin produziert wurde, ist jetzt wieder angesagt. Leute, die jetzt diesen Stil produzieren, tun so, als ob sie nur ganz leicht von den ursprünglichen Tracks beeinflusst wären, selbst wenn es sich genauso anhört. Das ist traurig. Dieser Sound ist einfach herzustellen und beinhaltet nicht viel Neues. Viele meiner Tracks habe ich mit dem Hintergedanken produziert: ‘Let´s see how crazy we can make it.’ Ich weiß, dass ich sehr komplizierte Tracks machen kann, aber auch einfache. Ich habe eine CD produziert, die nur aus einem Sound bestand, einem Track, der 47 Minuten lang war und sich über diesen Zeitraum hin nur ganz leicht verändert hat. Ich hatte auch Ambient-Projekte.”
Mandell goes Pop
Das neue Album klingt poppig und erinnert stellenweise sogar an jedermans Lieblinge Mouse On Mars oder Console. Bei der ersten LP “Parallel Process” auf Worm Interface stand noch stärker die Warp-Breaks-Schule im Vordergrund, bei “Quondam Current” auf Force Inc. minimaler Techno. “Für ‘Love Songs for Machines’ wollte ich Popsongs schreiben, die auch fortschrittliche Techniken benutzen, aber sie dabei aber nicht in den Vordergrund stellen. Wenn jemand das Album hört, denkt er vielleicht, das wäre einfache Musik, aber je öfter man es hört, um so mehrdimensionaler wird es. Jeder Track steht für sich, mit Songstrukturen, mit unterschiedlichen Teilen, die wiederholt werden und dabei miteinander interagieren. Das Sequencing und der Flow sind sehr wichtig. Die Gedanken dazu habe ich mir aber eigentlich erst gemacht, als die Tracks bereits fertig waren.” Mit der Einordnung seiner Musik unter “Intelligent Dance Music” hat Jake so seine Probleme. Oft reicht es für diese Etikettierung ja schon aus, Tracks ohne 4/4-Bassdrum zu produzieren.
Vielfalten
“Ich glaube, es ist schwieriger, einen guten Housetrack zu schreiben als irgendeinen Noise-Müll. Wenn Du einen Autechre-artigen Beat nimmst und eine Glockenmelodie drüberlegst, dann ist das unintelligenter als ein schöner Housetrack. Interessant wäre es, wenn alle kreativer wären und versuchten, in neuen Songstrukturen, Tempo-Beziehungen und Time Signatures zu denken. Die Elemente traditioneller Songstruktur könnten beibehalten, aber in einer Art und Weise angewendet werden, die nur ein Computer beherrscht. Dancemusic wird in einem bestimmten Tempo produziert, das vielleicht in einem Bereich von 30 bpm variiert. Diese Parameter könnten erweitert werden und es könnte sich immer noch wie ein Song anhören.”
In Berlin ist Jake Mandell bei der Audiosoftware-Schmiede Native Instruments als “Product Manager” angestellt. Es begeistert ihn, an der Entwicklung neuer NI-Produkte beteiligt zu sein, die seiner Meinung nach sehr nützlich für Musiker sein werden. “Was wäre, wenn wir Programme releasen würden, die es den Usern ermöglichten, in neuen Sequence-Metaphern und nicht nur in Bars und Beats zu denken? Jetzt hat man die Audiodaten, die Automations-Infos und die MIDI-Daten. Für diese drei grundverschiedenen Dinge gibt es dann auch drei separate Editoren. Vielleicht könnte man ja alle drei in ein Programm einbinden und die Controller mit der Maus bearbeiten, ohne darüber nachzudenken, welche Controller mit welchen Parametern verbunden sind. Etwas, was auf den ersten Blick zu verstehen und reizvoll ist, was aber auch für die echten Tweaker packend genug ist, um damit in die Tiefe zu gehen, wäre eine Herausforderung.”
Wir werden das hoffentlich noch erleben.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: Sascha Kösch aus De:Bug 22

Das Leben nahe am Einkaufszentrum Jake Mandell kämpft gegen die Kulturlosigkeit des mittleren Westens der USA Thaddeus Herrmann thaddi@de-bug.de Es gibt Menschen, die haben es nicht leicht. Glaubt man zum Beispiel Jake Mandell die Geschichten über seine Heimat Minneapolis, wird diese beherrscht von Einkaufszentren – er selbst lebt zehn Minuten entfernt von der größten Mall der USA -, schmierigen Gebrauchtwagendealereien, langweiligem Top 40 Radio und Fernsehsendern, auf denen einem den ganzen Tag über versucht wird, große Pickup-Trucks, mit denen in Minneapolis alle durch die Gegend fahren, als sportliche Straßenflitzer anzudrehen. Die Menschen wissen nicht, wohin mit dem ganzen Platz, und deshalb ist das mit den Supermärkten und Chainstores alles ein bißchen aus der kontrollierten Proportion geraten. “Ich glaube, daß ich mich musikalisch zumindest im Unterbewußtsein gegen diese Gleichförmigkeit und Langeweile stelle. Ich mache Anti-Midwest-Musik. In meinen Tracks gibt es viele kleine Details. Ich versuche einfach, die Sache interessant zu machen.” Das glückt ihm auf seinem ersten Album ‘Parallel ProcessesÔ ganz und gar großartig. Nicht nur, daß er es versteht, ungefähr ein paar hundert Ideen in einen Track zu quetschen und damit jeden einzelnen von ihnen zu einer einzigartigen Berg- und Talfahrt durch Gebirge krank gecutteter Breaks, einer Fisher-Price Kinderkeyboardästhetik und einer Kiste voller wollige Handschuhe tragender Melodiekobolde macht. Würde Jake Mandell sein Laptop unter den Arm klemmen und in besagter Mall bei ihm um die Ecke ein bißchen jammen und seine Mütze neben den Verstärker stellen, es würde keine zwei Minuten dauern, bis er von grimmig schauenden Besitzern diverser Levis- und Gap-Megastores als geschäftsschädigend in seine blassen Einzelteile zerlegt werden würde. “Ich hing schon in der fünften Klasse in den Pausen immer im Computerraum. Irgendwie logisch, daß ich nie ein bißchen Farbe ins Gesicht bekommen habe. Inzwischen bin ich aber an Computer dadurch so gewöhnt, daß es zwischen ihnen und der Musik für mich absolut keinen Unterschied mehr gibt. Wenn ich an einem Track arbeite, programmiere ich. Und umgekehrt, wenn ich am Rechner arbeite, mache ich garantiert etwas, das mit Musik zu tun hat, von Emails mal abgesehen. Das geht jetzt seit dreizehn Jahren so. Daß ich immer reichlich Elemente in einem Track habe, hängt glaube ich auch damit zusammen, daß ich mich immer nur sehr kurze Zeit auf eine Sache konzentrieren kann, dann fange ich an, mich zu langweilen. Wenn ich frühstücke und die Zeitung lese, schweife ich sehr schnell ab, fange einen anderen Artikel an zu lesen, lese dann die Überschrift plötzlich rückwärts, mit der Musik ist es genauso.” Ein Abhängiger. Ganz klar. Und das im mittleren Westen. Breaks, polyrhythmische Strukturen, Melodien… ÔAutechre, ick hörÔ dir trapsenÔ werden da einige grübeln. Ja und nein. Denn Autechre ist für diese neue Generation zwar ein wichtiger Einfluß; gearbeitet wird aber inzwischen in völlig neue Richtungen. Gebt dieser Riege von Newcomern noch eine Platte Bedenkzeit, und sie werden alle mit neuartigen Unikaten in der Knusper- und Frickelszene den Wischmob mal ordentlich tanzen lassen, auch und gerade in den besonders verstaubten Ecken. Auch Jake Mandell mag Autechre sehr, mehr braucht man dazu gar nicht zu wissen. Wichtiger sind andere Dinge: “Obwohl mir Melodien extrem wichtig sind, weil die ja schließlich eine Art “Zusammenfassung” der Tracks bilden und die Erkennungsmerkmale sind, sind letztendlich alle Elemente gleichberechtigt. Der Flow interessiert mich, die Übergänge von Element zu Element, die Dinge müssen bei mir in Bewegung bleiben.” In digitaler Bewegung. Bei Jake tanzen keine analogen Sinuskurven durchs Studio, nur Nullen und Einsen. Die wohnen in zwei Computern und sind so unauffälliger, was in Minneapolis vielleicht gut ist. Verbündete hat er kaum. “Es gibt schon ein paar gute Musiker hier, die sicherlich auch früher oder später mit guten Tracks auf der Bildfläche erscheinen werden. Die leben aber nur zufällig hier, nicht um gemeinsam mit mir konspirativ unter der musikalischen Decke zu stecken, oder weil in Minneapolis das Trinkwasser so gut ist. Ich arbeite grundsätzlich allein.” Jake Mandell, Parallel Processes, ist bei Worm Interface / EFA erschienen. Zitat: Anti-Midwest-Musik: Bei Jake tanzen keine analogen Sinuskurven durchs Studio, nur Nullen und Einsen. FALLS LÄNGERES GEHT. Würde Jake Mandell sein Laptop unter den Arm klemmen und in der Mall bei ihm um die Ecke seine Mütze neben den Verstärker stellen, es würde keine zwei Minuten dauern, bis er von grimmig schauenden Besitzern diverser Levis- und Gap-Megastores als geschäftsschädigend in seine blassen Einzelteile zerlegt werden würde.

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