Post-Dubstep, die Digital Natives und eine neue Empfindsamkeit
Text: Ji-Hun Kim


Foto: Andreas Chudowski

James Blake bringt die Traurigkeit und Einsamkeit in den Club und macht die Ästhetik des Dubstep salonfähig. Sein Debütalbum aus elektronischer, loopbasierter Musikproduktion, opulenten R‘n‘B-Vocalarrangements und Popsong ist der erste große Soundtrack der Generation Digital Natives. Ji-Hun Kim klärt warum es den vielzitierten Nerv der Zeit so scharf trifft.

Blubstep. Simon Reynolds‘ Definition läuft runter wie Öl, wenn es um jene Post-Dubstep-Spielarten geht, die ihr prägnantestes Gesicht nun in James Blake gefunden haben. To blub – zu deutsch heulen, flennen – das wiedergewonnene Moment der Emotion, des inneren Ausdrucks. Die Sehnsucht, Romantik, die Liebe und vor allem ihre Abstinenz, die die Kunst, Literatur und Musik seit jeher als großen Antrieb verstanden.

Weinen im Club
Reynolds zitiert in seinem Blissblog die Produzentin Ikonika, die gesagt haben soll, dass eine ihrer Hauptmotivationen sei, die Leute auf dem Dancefloor zum Weinen zu bringen. Auch James Blake, der 22-jährige, knabenhafte, von allen Seiten als geniehaftes Wunderkind gefeierte Überkonsens des noch jungen Jahrzehnts, soll davon gesprochen haben, dass das größte Kompliment für ihn gewesen sei, als ein Mädchen ihn am Bühnenrand aufsuchte, um ihm mitzuteilen, dass sein Untold-Remix sie und ihren Freund auf der Tanzfläche zu Tränen gerührt hätte.

Eine schizophrene Angelegenheit. Weinen im Club. Ein Versuch, eine mittlerweile etablierte Kulturform (die Clubkultur) in ihren Grundmanifesten zu erschüttern? Oder eine zirkulär wiederkehrende und zugleich konterrevolutionäre Ambition einer jungen Musikergeneration, die sich nun an jenen Orten abspielt, wo es einem auf den ersten Blick paradox vorkommen möchte?

Kurzer Rewind
Schaut man auf die 90er Jahre zurück, das Initiierungsjahrzehnt der Clubkultur: Techno, Jungle, Drum and Bass, UK Hardcore und der Summer of Love 1989, der alles einleitete. Dabei ging es auch immer um eine ästhetische Opposition. Dem großen Etwas, das auf der anderen Seite war, etwas Eigenes, Anderes entgegenzusetzen. Bei Dance handelte es sich nicht nur um den reinen euphorisierenden Effekt. Man entkernte die bis dahin existierende Formatierung der Popmusik.

Den Song, seine Form, den Text, die Stimme, die Bedeutung, den politischen Diskurs. Die meisten Genres der Zeit jenseits des Clubs basierten noch auf der Vermittlung von Emotionen, sprachlichem Ausdruck, sei es die Teenage Angst im Grunge, das Finden einer eigenen afroamerikanischen, kritischen Stimme im HipHop, Hass im Hardcore/Metal, der satte Liebesschmalz in Rockballaden oder der bürgerliche Erbauungsweltschmerz bei Portishead oder Radiohead. Emocore ging die Sache gar programmatisch an. Clubmusik bediente sich zwar ebenfalls Vocals, verstand es aber über damals neue technologische Möglichkeiten wie die des Samplings, jegliche Sinnhaftigkeit der Sprache zu eliminieren.


Foto: Andreas Chudowski

Je indifferenter, desto besser
Der Loop und die dadurch entstehende Redundanz sind kein Freund der Semantik. Vocals wurden in der Bedeutung neben die HiHat oder andere Klänge gestellt, der Groove war das Bestimmende. Dance ließ den Sinn eben nur durch Kopplung mit dem Körper, durch die Physis des Sounds entstehen und nicht im Kopf oder Geist. Der Produzent selber versteckte sich in der Regel hinter Pseudonymen, ohne Gesicht, je indifferenter desto besser.

Es war 2005 als James Blake mit 17 Jahren das erste Mal einen Club betrat. Die Welt bestand heiß diskutiert aus Knotenpunkten im Netz, das Individuum war im Mediendiskurs ein Molekül, sowohl im P2P-Netzwerk als auch auf der Tanzfläche. Man sprach von Web2.0, Wikis, Crowdsourcing, Partizipation und dem Prosumenten, dem demokratisierten Kreativkonsumenten ohne Künstler-Gestus, dem Zuarbeiter von einem großen Ganzen. Laptops und DJs auf der Bühne waren Alltag geworden und hatten ihren zuvor vermeintlich subversiven Charakter abgelegt.

Die Generation eines James Blake, er selber ist 1988 geboren, nennt man heute gemeinhin Digital Natives. Die, die sich keine Gedanken darüber machen, ob es etwas Abgrenzendes hat, mit Internet, Programmen und Social Networks zu hantieren oder gar etwas Kreatives daraus zu schaffen. Es ist die Normalität und die Realität, allerdings eine, die vielschichtiger geworden ist. Das Individuum ist eins, das sich über zahllose Useraccounts definiert, über Pseudonyme, digitale Repräsentation und Passwörter: Twitter, YouTube, Flickr, MySpace, Discogs, Facebook. Es wird wieder das totgeglaubte Subjekt in den Diskurstopf geworfen. Das Ich wird derweil durchdrungen von medialer Schizophrenie und fast notwendig gewordenem Facebook-Narzissmus.

Ich und meine Tracks
Wieso ist es gerade James Blakes Album, das den vielzitierten Nerv der Zeit so scharf trifft, wie seinerzeit die Clubkultur die 90/00er Jahre? Ein auf den ersten Blick skizzenhafter, mäandernder Sound-Entwurf, so minimal wie eindringlich. So intim wie zugleich befremdlich. Das Artwork ziert nur sein Name, wohingegen langzeitbelichtete Portraits ihn janusköpfig, vielleicht sogar medusenhaft erscheinen lassen. Dann seine Stimme, voller Koloraturen, aufgeladenen Intonationen und einem Maximum an Emotionalität, geprägt durch die Spiritualität des Gospel und Intimität des Crooning.


Foto: Andreas Chudowski

Selten lässt er seine Stimme unbearbeitet. Er pitcht sie, manipuliert, samplet, variiert sie, packt sie in infinite Echoschleifen. Er bedient Vocoder- und Autotune-Effekte wie Multiplikatoren seiner selbst. “Die unterschiedlichen Tonhöhen sind unterschiedliche Versionen von mir“, erklärte er uns noch im vergangenen Jahr, als De:Bug ihn das erste Mal traf, “Meine Stimme zu bearbeiten hat etwas sehr Kathartisches für mich. Es fühlt sich an, als gäbe es eine unsichtbare Nabelschnur zwischen mir und diesen verfremdeten Nachkommen von mir.“

Polyphonie des Ichs
Es ist eine von Ambivalenzen durchdrungene Musik. Zum einen geprägt durch den allgegenwärtigen sozialen Repräsentationszwang durch die digitalisierte Medienwelt, aber zugleich die Isoliertheit des Typus Produzent. Die gleichsam entstehende Einsamkeit, die jeder kennt, der seine alltägliche Arbeit am Computer verrichtet, ob Blogger, Designer, Programmierer, Autor oder eben Musiker, der Stunden und Nächte alleine vor dem schimmernden Bildschirm verbringt. Blakes Songs zeichnen eine zur Normalität gewordene Polyphonie des Ichs auf.

Wer bin ich, wenn ja wie viele, wenn man medienpräsenzgeile Talkshow-Philosophen wie Richard David Precht zitieren möchte; oder wie Roland Barthes schon in “Die Körnung der Stimme/Le grain de la voix“ erklärte: “Welcher Körper singt also das Lied? Was singt mir in meinem, des Zuhörenden Körper das Lied? Alles, was in mir widerhallt, mich ängstigt oder mein Begehren weckt. Gleichgültig, woher diese Verletzung oder diese Freude kommt: Für den Liebenden wie für das Kind singt der romantische Gesang immer die Stimmung des verlorenen, verlassenen Subjekts.“

James Blake – Limit To Your Love from HLAMOROUS on Vimeo.

Herr über Klang und Ton
Blake bedient sich keiner typischen Popsongstrukturen und auch wenn der Gesang des Sohns eines Musikers und einer Grafikdesignerin aus Enfield das tragende Element seiner Songs ist – alle Soundspuren werden feinsäuberlich um die multiplizierten Stimmen drapiert – Umgang und Einsatz sind anders, vielleicht ist das tatsächlich völlig neuartig in dieser Form. Hier erfolgt ein implosionsartiger Zusammenschluss von elektronischer, loopbasierter Musikproduktion, opulenten R‘n‘B-Vocalarrangements und Popsong.

Wenige seiner Texte überschreiten die Länge eines Tweets oder einer Facebook-Statusmeldung, auch das Feist-Stück “Limit To Your Love“ wird radikal auf zwei Absätze gekürzt, nur ein Bruchteil des Originaltexts bleibt erhalten. Minimalismus und Reduktion auf der einen Seite und auf der anderen eine Produktionsweise, die ihre Herkunft nicht in der Popgeschichte sucht, sondern vielmehr in der klassischen Musik, jener historischen Ära, wo das Künstler-Komponistensubjekt besonders groß geschrieben wurde. Wo ein Einzelner Herr über alle Klänge und Töne war.


Foto: Andreas Chudowski

Das Gesicht des elektronischen Produzenten
Das ist der Duktus, den Blakes Arbeit für viele so faszinierend macht. Er gibt dem elektronischen Produzenten das Gesicht und die Stimme zurück, weiß aber auch allzu prätentiöse Eindeutigkeiten mithilfe von Verzerrungen und multiplen Musikpersönlichkeiten zu vermeiden. Die nachhaltigsten Spuren, die er beim Hörer hinterlassen kann, sind die durch direkte Rede, die direkte Ansprache, kein Verstecken hinter technologischen Komplexen und seine eigene Person als Mittelpunkt verstehend: “Letztlich geht es darum, dass ich in der Musik involviert bin, dass ich das Zentrum meiner eigenen Tracks einnehmen kann. Ein Grund wieso ich auch Jazz nie mochte. Es passiert zuviel. Es sind zu viele Egos beteiligt.“

Blake arbeitet mit seiner Stimme motivisch, wie man es vielleicht auch von der Wiener Klassik kennt. Ein Hauptmotiv, das im Laufe des Stücks variiert wird, der harmonische Unterbau unterdessen sich gänzlich austauschen kann, die Songzeilen tonal und im Sound stetig weitergeschraubt, moduliert und abstrahiert werden. Am Anfang eine “unbearbeitete Rohfassung“, woraufhin erst der eigentliche Wirbel einsetzt, Spuren dazu kommen, Effektorgien stattfinden, wild geschnitten und neu gepastet wird. Gebetsmühlenartig werden augmentierte Loops geschaffen.

Zwischen Ketaminrausch und Spurkakophonie
Das eigene Echo und ein Dialog mit sich selbst. Blake instrumentalisiert im wörtlichen Sinn seine Stimme, um dann doch wieder brillant aufblitzende Text-Musikbezüge herzustellen. Bei “The Wilhelm Scream“ findet sich die dominierende Textzeile “All that I know is I‘m falling, falling, falling …“ Dann, kurz bevor der Track in ein Tiefseesonar-haftes, ohrenbetäubendes Hallgewitter umschlägt: “All that I know is I‘m turning, turning, turning …“ exakt einmal, bevor das angekündigte Fallen orgiastisch in Klang gegossen wird, zwischen Ketaminrausch und Spurkakophonie, Sounds, die letztendlich in einer Noisewolke zerfallen.

“Ich sehe meine Musik nicht in Fragmenten sondern in Sektionen. Für mich arbeiten die Fragmente zusammen, um ein Gewebe aus Sound zu produzieren. Der Prozess ist sehr fragil, aber meine Tracks sind immer durchdacht, niemals ist irgendwas im Jam entstanden“, sagt er über seine Klavierwerke-EP. Man fühlt sich kurz an die meisterhaften Kniffe eines Franz Schubert erinnert, der in seinen Kunstliedern mit Piano und Gesang auch mal das Wort “Elend“ langgezogen und als Höhepunkt auf das hohe E platzierte. Aber auch nur kurz.

James Blake – The Wilhelm Scream from Alexander Brown on Vimeo.

Pop-Projektionsflächen
James Blake war bereits vor seinem selbstbetitelten Album ein Phänomen. Ob er nun der erste Popstar aus der Dubstep-Dunstwolke ist, der neue D‘Angelo oder Prince der elektronischen Musik oder der Prototyp einer neuen Produzentengeneration, die das solipsistische Arbeitsprinzip einer zeitgenössischen Ökonomie durch die Rehabilitierung der Traurigkeit musikalisch emotionalisiert und wieder greifbar macht. Es geht letztendlich immer um Projektionsflächen. Die Kunst von Blake liegt aber auch an seiner dezenten, zurückgenommen Inszenierung.

Die Zwiegespräche mit einem selbst, die er in seine Songs einbettet. Eine Ambiguität, die nicht in permanent rotierenden Fashion-Inszenierungen der klassischen Popstars (Lady Gaga etc.) ausartet, sondern vermeintlich ganz allein der Musik innewohnt, die natürlich alles andere als ernsthaft revolutionär ist, sondern eher eine klug gemachte Pop-Interpretation darstellt, jedoch präzise getimt. Zum perfekten Zeitpunkt.

Neue Empfindsamkeit
Dieses Album könnte der erste Soundtrack einer neuen digitalen Generation in dem noch jungen Jahrzehnt werden, die von der ersten New-Economy-Blase nur im Schulunterricht gehört haben, wenn überhaupt. Eine, in der zahlreiche einsame Stunden in sozialen Netzwerken unvermeidlich sind, wo stets gleichgekleidete, schmalschultrige Nerds in Turnschuhen und Rollkragenpullovern die mächtigsten Männer der Welt geworden sind. Wo kein großes Feuerwerk nötig ist, wenn ein Produkt allein, ohne Blendwerk Emotionen und Wahnsinn erzeugen kann.

Eine neue Empfindsamkeit, der Mut zur Lücke im Informationsoverload, auch mal Luft holen können, das macht die sonore Angelegenheit wiederum generationsübergreifend relevant. Laut eigener Aussage sei der Franzose Erik Satie (1866-1925) ein großer Einfluss für ihn gewesen. Saties minimale, impressionistische Klavierstücke Six Gnossiennes und Trois Gymnopédies meint man durchaus zwischen den Linien herauszuhören. Blake sieht in Satie aber, wie viele andere auch, nur den schöngeistigen Piano-Ästheten. Ein Missverständnis, war doch Satie vor allem auch ein bitterer und zugleich witziger Zyniker und Ironiker, zeichnete Karikaturen mit Noten und war zudem stets dem Kabarett verbunden. Diese Komponenten sucht man beim Briten vergeblich. Vielleicht ist er gerade dafür tatsächlich noch zu jung.


Foto: Andreas Chudowski

Mainstreamburnout oder Indie-Legendenstatus?
Roland Barthes sagte: “Avantgarde ist immer dann anzutreffen, wenn es der Körper ist, der schreibt, und nicht die Ideologie.“ Simon Reynolds hingegen: “It’s not like the dancefloor end of things is devoid of human feeling either. Blake looks down on mere ‘euphoria’, but last time I checked, euphoria was actually an emotion, and nothing to be sniffed at.“ In der griechischen Mythologie gibt es die Geschichte von Narziss und Echo. Der schöne Narziss, der sich in sich selbst verliebte und dadurch die Liebe von Echo, die von Hera ihrer Sprache beraubt wurde und nur die letzten an sie gerichteten Worte wiederholen, nicht erwidern konnte.

Narziss erstach sich aufgrund der Unerfüllbarkeit seiner Selbstliebe verzweifelt mit einem Dolch. Echo, die ihn wegen der fehlenden Sprache nicht retten konnte, versteckte sich daraufhin trauernd in einer Höhle bis sie verhungerte und nur noch ihre Stimme übrig blieb. Ihre Gebeine und Stimme wurden zu Felsen, die seitdem der nach ihr benannte Widerhall in den Gebirgen sind. Die Zukunft von James Blake sollte hoffentlich ein versöhnlicheres Ende mit sich bringen. Er steht gerade jetzt auf dem berüchtigten Scheideweg zwischen Mainstreamburnout und Indie-Legendenstatus. Eigentlich interessant, dass man sich 2011 genau darüber wieder Gedanken machen muss.

James Blake, s/t, ist auf Atlas/Universal erschienen.

http://www.jamesblakemusic.com

Bildbearbeitung: Katja Novitskova
Originalbilder: Andreas Chudowski

5 Responses

  1. James Blake : pasQualle

    […] James Blake verloren habe. Viele Worte will ich auch nicht über ihn verlieren, das können andere besser. Für mich reicht ein Wort um die Musik von James Blake zu beschreiben: […]

  2. tranzmitta

    vielleicht hat diese bewegung aber auch ganz einfach damit zu tun, dass 2010 so viele leute sich getrennt haben bzw von ihren freundinnen verlassen wurden?

  3. Kinder...

    Beschäftigt euch doch endlich mal mit Tua!