Ein scheuer Blick ins Herz von Garage, Sub-Bass und Dubstep
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 147


Foto: Andreas Chudowski

Wie viel Innerlichkeit steckt in den Tiefen der Basswucht? In den großartigen Sub-Bass-Stücken James Blakes, die er mit verpitchten Samples seiner eigenen Gesangsstimme verschneidet, herrscht eine Leere und Stille, dass die Zeit stehen zu bleiben scheint. So viel Melancholie und Wehmut war seit Burial nicht mehr. Dubstep hat seinen ersten Sänger geboren, der nun auch Pianostücke macht.

Von allen britischen Jungspunden, die mit ihren zahlreichen Dubstep- und Garage-Variationen seit geraumer Zeit die Welt in Atem halten, nimmt James Blake eine Sonderstellung ein. Wie der Großteil dieser Produzenten-Generation ist auch er Anfang 20 (21, um genau zu sein). Aber wo andere Drum-and-Bass-Legenden einen coolen Onkel oder in Szene-Plattenläden arbeitende große Brüder haben und den Sound der Londoner-Piratenradios seit der Pubertät wie Muttermilch in sich aufgesogen haben, hat sich James Blake bis vor zwei Jahren absolut und rein gar nichts aus elektronischer Musik gemacht.

Die klassischen Initiations-Stationen eines britischen Jung-Produzenten, die lange Zeit wie stolze Streetcredibility-Schmisse Teil des Werdegangs waren, hat er nicht durchlaufen. Stattdessen saß er zu Hause am Klavier und sang Songs von Sam Cooke und Bon Iver oder lauschte Klaviervirtuosen wie Art Tatum und Eroll Garner. Dubstep, Garage, ja das viel zitierte Hardcore Continuum, das in der Folge der Acid-House-Explosion Ende der Achtziger Jahre auf der britischen Insel seinen mythischen Anfang nahm, waren für James Blake so ferne wie fremde Universen.

Basswucht
Das änderte sich erst, als er mit ein paar Freunden ungeplant auf einer der legendären FWD-Partys im Londoner Club Plastic People landete. “Meine Freunde waren schnell weg, weil ihnen die Musik nicht gefiel. Ich stand also alleine in diesem winzigen Raum mit dieser großartigen Anlage und bin vollkommen in die Musik abgetaucht. Das Gefühl, das ich damals hatte, war einfach unbeschreiblich. Es hatte etwas von Meditation oder einem durch Musik induziertem Out-Of-Body-Erlebnis”, erinnert sich James mit glänzenden Augen. “Vor Dubstep hatte ich noch nie Musik gehört, die tatsächlich physisch spürbar war. Vom Bass körperlich bewegt und durchdrungen zu werden, war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Wie frei im Raum schweben. Es gibt nur wenige Clubs, in denen du das fühlen kannst, wo Musik gespielt wird, in der Basslines wirklich im Raum stehen, einzelne Noten zehn Sekunden gehalten werden und dein Magen oder dein Brustkorb ins Schwingen gerät. Bis dieses Gefühl fast in Unwohlsein umschlägt. Die Kompromisslosigkeit hat mich beeindruckt. Nachdem ich dort und auf Malas DMZ-Partys meine Aha-Erlebnisse hatte, habe ich angefangen, mich mit Sub-Bass und dem für Dubstep typischen Tempo von 140 BPM auseinanderzusetzen.”


Foto: Andreas Chudowski

James Blake ist ein hoch gewachsener, sympathischer Schlacks, der im Laufe des Interviews immer mal wieder nervös an seinen Nägeln kaut. Man kann sich bei ihm nur allzu gut vorstellen, wie ihn so viel ungebremste Basswucht auf bis dahin unbekannte Weise mit seinem Körper in Kontakt gebracht hat. Eine Körpererfahrung jenseits aller verdruckster Schüchternheit. Eine Weile arbeitet er sich an den Sound-Fährten von Leuten wie Mala, J Dilla oder Mount Kimbie (bei deren Live-Shows er mittlerweile immer mal wieder als Sänger auftaucht) ab, aber schon früh kristallisiert sich eine eigene minimalistische, musikalische Handschrift heraus, die so seltsam versponnen wie intim klingt und in deren Mittelpunkt Blakes Vorlieben für nach allen Regeln der Kunst verpitchte und bearbeitete Gesangs-Fragmente und Synthie-Melodien stehen.

“Meine Tracks sind alles andere als puristisch. Am Anfang hat mich das gestört, bis ich begriffen habe, dass es etwas Positives ist. In letzter Zeit höre ich viel Satie, ein großer Einfluss für mich. Er spielt diese seltsamen Akkord-Folgen und Sequenzen in einer Weise, dass sie vollkommen normal klingen. Da will ich auch hin. Ich möchte minimalistische Musik machen und sie so präsentieren, dass nicht auffällt, wie strange sie eigentlich ist. Ich denke, dass solche Ideen länger Bestand haben. Ideen, die sich einem nicht sofort erschließen, nicht so direkt zugänglich sind. Wobei es mir schon auch sehr wichtig ist, dass sie genau das sind. Es gibt nichts Schlimmeres als unzugängliche Musik. Nur eben nicht beim ersten oberflächlichen Hinhören.”

Meine Stimme
Gerade einmal fünf Maxis auf Labeln wie Hemlock, Hessle Audio, Brainmath und R&S Records stehen in Blakes Diskographie. Der Hype, der sich spätestens nach seiner im Sommer auf dem belgischen Traditions-Label R&S Records erschienenen “CMYK”-Maxi um seine so verschrobenen wie verdreht-souligen Dubstep-Variationen vollständig entzündet hat, war so absehbar wie nachvollziehbar. Die Art, mit der der junge Londoner die von ihm verwendeten Sounds und Gesangs-Fetzen (meist seine eigenen) zu Leibe rückt und seine fragilen auf links gedrehten Dubstep-Tracks mit so viel eigenwillig-zerrissenem Sinn für Soul anreichert, gehört zu dem Besten, immer wieder Überraschendsten und Seltsamsten, was unter der weit geöffneten musikalischen Klammer Dubstep bisher erschienen ist.

“Wenn ich meine Stimme pitche, klinge ich wie ein kleiner verletzlicher Junge. Ein Gefühl, dass jeder Mann kennen dürfte. Wenn ich die Tonhöhe meiner Stimme also um drei oder vier Halbtöne nach oben verschiebe, klinge ich jünger. Wenn ich noch höher gehe, wird es jenseitig, aber es ist immer noch meine Stimme, ich kann mich da immer noch raushören. Die verschiedenen Tonhöhen sind unterschiedliche Versionen von mir. Meine Stimme zu bearbeiten ist eine sehr kathartische und emotionale Angelegenheit für mich. Außerdem macht es großen Spaß. Es fühlt sich an, als gäbe es eine unsichtbare Nabelschnur zwischen mir und diesen verfremdeten Nachkommen von mir. Praktisch ist es natürlich auch, weil ich die Samples nicht klären muss, aber letztlich geht es darum, dass ich in der Musik tatsächlich involviert bin. Statt Stücke um Vocal-Schnipsel von Aaliyah oder Kelis zu bauen, kann ich ohne egoistisch zu sein im Zentrum meiner Songs stehen.”

Kammermusik, ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit “Klavierwerke”, seiner aktuellen, auch auf R&S Records erschienenen Maxi, immer mal wieder fällt. Es sind auf jeden Fall die introvertiertesten Stücke, die Blake bis dato veröffentlicht hat. Kurze Meditationen voller gefilterter Drum-Sounds, von Rauschen gedämpfter Klavier-Figuren und seinem in alle Richtungen gedehnten und gestauchten Gesang. Viel abstrahierter hat man Dubstep bis jetzt nicht gehört. Und gleichzeitig strahlt dieses fein gewebte Netz aus Sounds eine Verletzlichkeit und Melancholie aus, die einem das Gefühl vermitteln, das Tagebuch eines Freundes zu lesen. “Die Stücke auf ‘Klavierwerke’ zu schreiben war eine ganz neue emotionale Erfahrung”, erzählt er. “Meine Stimmung war eine ganz andere. Sie war geprägt von Einsamkeit. Allein in meinem Zimmer im Haus, in dem ich groß geworden bin. Als ich die Klavier-Aufnahmen hörte, konnte ich mich wieder daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich sie gemacht habe. Bei aller Abstraktion zeigt mir das Feedback zu dieser Platte, dass die Leute, die die Songs hören, diese Emotionen verstehen und sie selber spüren können. Es kommt bei ihnen an. Das ist für mich eigentlich das Faszinierendste an der ganzen Sache. Das macht mich sehr glücklich.”

Zeit steht still
Der Kontrast zwischen markerschütternden Basswellen und minimalistischer Instrumentierung, der James Blakes Musik unter anderem auszeichnet, dieser Kontrast zwischen Zerbrechlichkeit und physischer Intensität, er hat ihn bis jetzt wohl nirgends besser auf den Punkt gebracht, als in seiner Cover-Version von Feists “Limit To Your Love”, die Anfang November auf Atlas als Teaser auf sein für Ende Januar terminiertes Debüt-Album erschien. Zwischen seinem (zum ersten Mal weitgehend unbearbeitetem) Gesang, den Piano-Akkorden und dem stehenden Sub-Bass herrscht so viel Leere und Stille, dass die Zeit stehen zu bleiben scheint. Mit tanzbarer Club-Musik hat das nur noch im weitesten Sinn etwas zu tun. Der Dancefloor als schweißnasser Ort der kollektiven Verschmelzung stand für ihn als Produzenten aber sowieso nie im Zentrum seines musikalischen Schaffens. Dafür war der Fokus seiner Tracks schon immer viel zu sehr nach innen gerichtet.

Und so wundert es nicht, dass sich seine idealen Dancefloor-Erlebnisse immer dann eingestellt haben, wenn er Platz hatte und sich, ohne Gefahr zu laufen, mit anderen tanzenden Körpern zu kollidieren, ungestört in die Musik vertiefen konnte. Wie heißt der Leitspruch der DMZ-Partys so schön: “Meditate on bassweight.” James Blake geht mit Sound-Universum generell pragmatisch um: “Wenn man wie ich vier Jahre nachdem Leute wie Mala, Loefah, Coki, Benga und Skream den Dubstep-Sound entwickelt haben, in die Szene kommt und dann genau das selbe wie sie macht, was hat man dann geleistet? Nichts! Du musst deine eigenen musikalischen Ideen einbringen, damit das Ganze Bestand hat. Ich will mein ganzes Leben lang Musik machen und nicht nur ein paar Jahre. Zur Zeit mache ich elektronische Musik, aber das wird wahrscheinlich nicht immer so bleiben. Musik hat für mich auch nicht mit Dubstep angefangen – sondern damit, am Klavier zu sitzen und ’On A Dock Of A Bay’ zu singen. Musik wird für mich auch nicht mit Dubstep aufhören.” Daran, dass er unabhängig von der weiteren Entwicklung von Dubstep und Garage und dem eventuellen Backlash nach dem Hype seinen Weg als Produzent gehen wird, gibt es auf jeden Fall absolut keinen Zweifel.

James Blake, s/t, erscheint am 14. Februar auf Atlas/Universal.

7 Responses

  1. Terry Bell

    wäre ich auch so ein saftarsch aus der mittelschicht, der sich die augen ausreibt, könnte mich das vielleicht emotionalisieren; aber ich spüre… nichts.

  2. frnzwltr

    yeah – i like James Blake. Absolut mega, der Typ. Wahrlich ein richtiger Poet der Pop-Musik – und eigentlich genau genommen mehr als Pop, denn besonders poppig sind seine Songs nicht.

  3. James Blake : pasQualle

    […] über James Blake verloren habe. Viele Worte will ich auch nicht über ihn verlieren, das können andere besser. Für mich reicht ein Wort um die Musik von James Blake zu beschreiben: sensationell. […]

  4. De:Bug Magazin » James Blake: Tränen lügen nicht

    […] Tonhöhen sind unterschiedliche Versionen von mir“, erklärte er uns noch im vergangenen Jahr, als De:Bug ihn das erste Mal traf, “Meine Stimme zu bearbeiten hat etwas sehr Kathartisches für mich. Es fühlt sich an, als gäbe […]