Alles wird zusammenbrechen
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 171

James Blake - CMS Source

Sein zweites Album ist fertig. Grund genug für ein ausgiebiges Gespräch, in dem kein Stein im Seeleninventar des James Blake ungewendet bleibt.

Interview: Timo Feldhaus

Was könnte man nicht alles erzählen. Allein schon über Xavier Naidoo. Es ist nun mal so, dass die unbearbeitete Soul-Stimme, die uns der junge Blake auf seinem neuen Album präsentiert, ein bisschen so seufzt, so klingt, so ewigtraurig daherweint, wie die des Xer. Doch handelt es sich wohl vor allem um einen Zufall, dass sich der deutsche Emo-Souler mit seinem herrlich schwachsinnigen Album “Mordsmusik” gerade jetzt der Referenz bedient, die Skrillex verraten und Blake in den Pop überführt haben soll: Dubstep. Jedes weitere Stochern in diesem Abgrund wäre schlicht Doofmann-Journalismus. James Blake verbindet nichts mit Skrillex, er hat wenig mit Naidoo gemeinsam, sein neues Album “Overgrown” wartet stattdessen mit zwei anderen Features auf: Brian Eno und RZA – und mehr muss man zu den ästhetischen Ambitionen des 24-jährigen Londoners im Grunde nicht sagen. Natürlich ist sein zweites Album noch weiter entfernt von den ersten fragilen Post-Step-Entwürfen auf R&S, natürlich ist es trotzdem noch superfragile Geistermusik. James Blake hat subsonische Bässe und stolpernde Rhythmen in zarte Gefühlskapseln verwandelt, dann hat er seine Stimme in Mantra-haft vorgetragenen Gesangsfragmenten zum Instrument, und dadurch Musik gemacht, die man noch nie zuvor gehört hatte – mit “Overgrown” setzt er das nun in einen schlüssigen adaptiven Rahmen. Und das heißt auch: weniger Dekonstruktion, mehr Melodie. Ob das dann doch einen Dreh zu kitschig ausgefallen ist, ob er nun endgültig mehr an den Hörgewohnheiten des DE:BUG-Lesers, als an denen des Top of the Poppers kratzt: logischerweise total egal. Wir haben uns zurückgelehnt und mit Blake, der in der Wirklichkeit verblüffend riesengroß ist, über die wichtigen Dinge geredet: seine Eltern, Facebook, die Liebe und Jimi Hendrix.

Hallo James, was treibst du so?

Den Großteil meiner Zeit verbringe ich gerade zu Hause in London. Ich treffe mich mit Freunden, spiele Computerspiele, Schach und lese sehr viel.

Was denn?

Zur Zeit lese ich The Picture of Dorian Gray. Find ich toll! Davor habe ich The Importance of Being Earnest gelesen, auch Oscar Wilde, und auch das ist fantastisch. Ansonsten recht viel von dem Journalisten und Autor Christopher Hitchens.

Ich denke mir den Dandy Oscar Wilde als gar nicht so ernsthaften Menschen, oder?

Ein mysteriöser Mensch. Und er hat die High Society verhöhnt. Ich glaube, mir gefällt dieser Aspekt am besten.

Was mich in Bezug auf dein neues Album besonders interessiert, ist der digitale Löwe. Das Lied mit diesem Namen ist gemeinsam mit Brian Eno entstanden. Mir gefällt das Bild so gut. Um was für einen Löwen handelt es sich?

Er ist verpixelt und abwesend.

Wild und gefährlich?

Nein, ganz zahm.

Von wem wurde er gezähmt? Und warum überhaupt?

Weiß ich auch nicht, ich kenne seinen Schöpfer nicht. Es ist ein synthetisches Bild und es ist nicht wirklich real, man kann es zum Beispiel nicht berühren. Das Bild ist virtuell, aber der Löwe existiert an einem anderen Ort, vielleicht ist es sogar eine Löwin.

Hast du sie jemals gesehen?

Ich sehe den Löwen regelmäßig.

Hast du manchmal Angst vor Technik?

Nein, niemals. Ich liebe Technik. Der ganze neue Kram beschäftigt mich täglich.

Wäre Oscar Wilde eigentlich auf Facebook?

Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht auf Twitter. Als das Internet durch Social Networking noch wichtiger wurde, hatte ich den Eindruck, das Leben könnte wirklich einfacher werden. Dann habe ich aber jedoch schnell für mich entschieden, dass ich viele Aspekte gar nicht besonders mag und ich es eigentlich bevorzugen würde, wenn es nicht so dominant wäre, hinsichtlich Vermarktung, hinsichtlich Freundschaften, hinsichtlich Kommunikation im Allgemeinen.

Was du da sagst, passt ganz gut zu deinem Pressetext. Darin geht es viel um Kommunikation und persönliche Beziehungen. Es wird zum Beispiel das Treffen mit deinem Vorbild Joni Mitchell geschildert, wie du mit Kanye West und Jay-Z rumhängst und dass du seit Kurzem verliebt bist.

Ja, sie ist großartig.

Ist sie auch Musikerin?

Ja, und sie hatte großen Einfluss auf “Overgrown”. Ich habe gelernt, zu kommunizieren, mich gegenüber jemand anderem auszudrücken. Das schafft das Gefühl von Distanz und Intimität, um das es mir auch auf der Platte geht.

Sie lebt, wenn ich es richtig verstanden habe, in LA. Da müsst ihr beide skypen, oder?

Ja, eine so weite Entfernung ist manchmal schwer zu überbrücken,
es ist tragisch und romantisch zugleich.

Ist der Digital Native eigentlich eine einsame Person?

Ich sehe schon eine große emotionale Isolation und die Unfähigkeit, mit Menschen in einer artikulierten und sinnvollen Art und Weise zu sprechen. Aber wen interessiert’s?

Wie, wen interessiert’s?

Irgendwann wird alles zusammenbrechen, diese Methode der Kommunikation wird zusammenbrechen und die Privatsphäre so eingedampft sein, dass Leute aufhören werden, zum Beispiel Facebook zu nutzen. Sie steigen ja schon jetzt zunehmend aus. Es wird mehr Dinge wie Reddit geben, alternative Kommunikationsformen, freie Foren, eine Art permanenten Fluss. Ich empfinde Reddit als viel angenehmeres Medium. Die Kommentare, die nicht sinnvoll für die Konversation sind, werden im Netzwerk abgestuft, es ist also selbstmoderierend. Dort geschehen unglaubliche Gespräche mit einer enormen Tiefe.

Was ich gar nicht verstehe, ist das an sich tolle Ergebnis deiner Zusammenarbeit mit RZA. Er rappt dort, sehr englisch, über Fish & Chips mit Essig. Und dann gibt es diesen engelhaften Kastraten, der bist ja wohl du, der um RZAs Rap herumsingt. Über eine Ehe, die nicht passieren darf oder soll. Ich verstehe es einfach nicht.

Es ist eigentlich ein Text, den ich für das erste Album geschrieben habe. An sich ist die Geschichte herzzerreißend, aber ich kann sie unmöglich erklären. Aber wenn du kastrierte Engel singen hörst, dann ist das doch gut.

Dein Gesang war in früheren Stücken stark verpitcht, dekonstruiert und zeigt sich nun viel klarer. In einem früheren Interview mit unserem Magazin sagtest du, dass du mit dem Manipulieren und Arbeiten an deiner Stimme verschiedene Versionen von dir zeigst, verschiedene Ichs. Nun lässt du deine Stimme fast durchweg unbearbeitet – hast du dich selbst gefunden?

Möglicherweise. Ich glaube allerdings, dass ich aufgehört habe, Effekte für meine Stimme zu benutzen, weil ich von dieser Form gelangweilt war. Es gibt einfach nicht so viele Effekte.

Aber von deiner reinen Stimme bist du nicht gelangweilt?

Nein, denn die kann ich auf ganz unterschiedliche Weise einsetzen. Es gibt Tausende von Songs, in denen mit Pitchshifting und Auto-Tune gearbeitet wird. Ich wollte eine Veränderung.

In einem Interview auf Pitchfork sagst du, es gehe dir stets um Weiterentwicklung. Ich frage mich: Was kommt als nächstes? Nach der Erfindung eines skizzenhaften, Song-orientierten Post-Steps machst du ja jetzt zum Teil fast klassischen Soul. Wer wird nach RZA kommen? Wartet Mariah Carey auf dich?

Ich glaube nicht, dass Mariah Carey irgendwo auf mich wartet und wüsste auch nicht, worauf sie warten sollte in dieser hypothetischen Wahnsinns-Welt.

A007_C002_0509W6

Wo siehst du dich denn in drei Jahren?

Das Spannende ist doch, dass man das eben nicht weiß. Ich habe aber seit ein paar Tagen eine Vorstellung, was ich klanglich gerne machen würde: Nämlich an einer vollkommen rohen Version eines Synths arbeiten. Jimi Hendrix hatte auf eine Art durch seine Gitarre kommuniziert, die so weit von dem entfernt war, was die meisten Gitarristen konnten. Nicht nur durch seine Technik, sondern durch eine emotionale Verbindung zu seinem Instrument. Ich habe außer Stevie Wonder nur wenige Leute gehört, die etwas Ähnliches mit einem Tasteninstrument hinbekommen haben. Der Synth ist im Endeffekt nicht wie eine Gitarre, die all diese Parameter wie Pitchbending, die Resonanz der Saiten, Noise, Feedback vom Verstärker hat – man kann sogar den Klang des Raumes einbeziehen. Auf einem Synth hat man spezielle Variablen, einen Oszillator, Frequenz, man hat einen LFO, Pitch, Lautstärke, man hat Aftertouch. Ich möchte versuchen anhand dieser Dinge mein Spiel auf eine neue Weise so natürlich und expressiv wie möglich klingen zu lassen, was ja eigentlich unnatürlich ist. Ich meine damit auch nicht die speziell menschliche Form natürlichen Ausdrucks. Ich meine etwas anderes, neues. Es geht dabei um das Interface zwischen dem Keyboard des Synth und deinen Ideen.

Wie würde dein Vater dich beschreiben?

Vermutlich als ziemlich fokussiert. Wir haben eine sehr gute Beziehung. (längere Pause) Aber ich kann manchmal ein Arschloch sein.

Wer ist dein wichtigster Lehrer?

Definitiv meine Eltern. Sie haben mir Selbständigkeit beigebracht. Sie sind beide freischaffend. Ich habe schon früh gelernt, Dinge einfach selbst zu tun. Aber auch den Wert und die gleichzeitige Bedeutungslosigkeit von Geld. Und die Unwichtigkeit deiner Herkunft, also wie man Menschen beurteilt und jeden gleich behandelt, egal ob er der Türsteher oder der Besitzer des Ladens ist. Und dass man nicht zu viel Respekt vor Leuten haben darf, die an der Macht sind, denn sie sind genauso Menschen.

Ich habe noch ein paar kurze Fragen. Ich gebe dir zwei Begriffe, und du musst dich für einen entscheiden. Sehr einfach:

Blubstep oder Dubstep?

Fuckstep.

Armani oder Adidas?

Keines von beiden.

Samsung oder Apple?

Apple. Denn Samsung hat mir nicht dabei geholfen, mein Album zu schreiben, Apple hingegen schon. Ich benutze Logic und ein MacBook. Und ich habe ein iPhone.

Und ein iPad?

Nein, das habe ich in einem Flugzeug liegen lassen.

Im Apple-Flieger?

Das wäre die Zukunft, oder? Das iPlane.

LA oder London?

London.

D’Angelo oder Thom Yorke?

(Lange, nachdenkliche Pause) Die sind beide sehr wichtig. Also hinsichtlich der Relevanz meiner Karriere, vermutlich D’Angelo, weil ich seine Musik mehr gehört habe als alle anderen. Aber Radiohead ist auch ein großer Einfluss. In ihren eigenen Welten sind sie gleichermaßen wichtig für mich.

Wann hast du dich das letzte Mal wie ein Arschloch benommen?

Vor einer halben Stunde. Ich habe dich warten lassen. Aber ich musste ein wenig allein sein. Entschuldige bitte.

Kein Problem. Hast du jemals darüber nachgedacht, einen uplifting, happy Song zu machen?

Nein, das widert mich an. Nein nein, ich scherze. Ich weiß nicht, ich lass dich wissen, wenn ich einen produziere.

Was ist dein Lieblingsbuch?

Ich habe dieses Jahr viele Bücher gelesen. Mein derzeitiges Lieblingsbuch ist eine Autobiografie von Stewart Lee, ein Komiker, sehr trockener Typ.

Kannst du bitte etwas Nettes über Skrillex sagen?

Klar. Er wirkt wie ein total angenehmer Typ, ernsthaft. Ich glaube, er beurteilt die Dinge, die er tut, immer anders, als die anderen Menschen. Das haben wir gemeinsam. Und er hat Spaß und ist erfolgreich und er ist er selbst. Ich bin froh, dass er auf diesem Planeten existiert, und das kann ich nun wirklich nicht über jeden sagen. Also ich glaube, das ist schön.

Es ist gut, dass er da ist, oder?

Ja, das freut mich sehr.

Wann hast du das letzte Mal geweint?

Als ich das letzte Mal Skrillex gehört habe, vermutlich.

James Blake, Overgrown, ist auf Universal erschienen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.