Über seinen Roman "No Future"
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 116


9/11 hat die Verschwörungstheoretiker wieder ins Gespräch gebracht. Wer ist an allem Schuld? Wer hält die Zügel der Weltpolitik in der Hand und vor allem: Wie geht es weiter? James P. Othmer lässt seinen Debütroman “No Future” um genau dieses Thema kreisen. Seine Hauptperson: ein desillusionierter Star der Think-Tank-Szene, ein Futurist. Für Othmer fast eine Autobiographie. Illusionen waren 20 Jahre sein Geschäft.

Irgendwann muss Schluss sein. James P. Othmer arbeitete zwanzig Jahre bei einer großen Werbeagentur in den USA, plante Kampagnen für Dotcom-Firmen, heckte Strategien für das MIT aus und merkte schließlich bei einem Mittagessen mit ranghohen US-amerikanischen Militärs, dass man vielleicht doch nicht jeden potenziellen Kunden mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Raus aus den Agentur, ran an den Schreibtisch. Ein paar Kurzgeschichten hatte er schon veröffentlicht; die beste Story allerdings war seine eigene.

Einfach nur raus

Yates, die Hauptfigur in Othmers Debütroman, ist ein Futurist, ein professioneller Sprecher auf Konferenzen aller Art: Waffenindustrie, Umweltschützer, Abtreibungsgegner oder die Pharma-Industrie … Yates hat für alle Verbände und Organisationen die passenden Worte parat. Er verkauft die Zukunft und die rosa Brillen gleich mit. Rund um den Erdball ist Yates unterwegs. Doch der bizarre Lebensstil zwischen First-Class-Flügen, Limousinen, persönlichen Dienern und den immer wiederkehrenden Vorträgen über die Zukunft haben ihn mürbe gemacht.

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Am Anfang des Romans zieht Yates einen Schlussstrich, lässt auf einer Konferenz in Johannesburg die Bombe platzen, verkündet vor dem Auditorium, dass er keinen Schimmer mehr von der Zukunft hat, nicht mal mehr weiß, was morgen passieren wird. Die Aufregung ist groß, doch der neue Auftraggeber steht schon bereit. Yates arbeitet fortan für eine mysteriöse Organisation (Regierung, FBI, CIA, Wirtschaft … Yates ist sich nicht sicher) und soll an abgelegenen Orten der Welt die Stimmung gegenüber den USA ausloten. Zwischen Grönland, Mailand, Bagdad, polynesischen Luxusinseln und der amerikanischen Heimat entwickelt sich eine absurde Tour de force, die die demokratische Ordnung genauso aufs Korn nimmt wie alle Verschwörungstheorien der letzten Jahrhunderte. Wer die Macht hat und wer Yates steuert, ist dem Protagonisten egal. Er will einfach nur aussteigen.

Korrumpierter Weltverbesserer

De:Bug: Yates erscheint mir wie eine erwachsene Version früher Bret-Easton-Ellis-Charaktere. Er führt ein Leben in einer Welt, die anderen Gesetzmäßigkeiten folgt, eine ganz eigene Geschwindigkeit hat und in der bestimmte Grundsorgen der menschlichen Seele einfach nicht existieren.

Uns verbindet der Zynismus. Bei Ellis war ich immer hin- und hergerissen in meinen Gefühlen zu den Personen. Eigentlich muss man sie hassen, aber gleichzeitig sind sie auch sympathisch. Viele Leser meines Buches haben Yates genauso empfunden. Yates hat große Ideale. Er wurde ein Futurist, weil er die Welt verbessern wollte, wurde aber immer korrupter mit den Jahren. Dann steigt er aus und zehn Minuten später arbeitet er für noch viel undurchsichtigere Menschen. Schlechte, böse Menschen.

De:Bug: Ist die Bewahrung dieses Idealismus das Herz des Buches?

Othmer: Ja. Ich habe das in meiner Zeit in der Werbung erlebt. Am Anfang war ich einfach nur geblendet, begeistert, um die Welt zu fliegen und große Firmen zu beraten. Aber hier in den USA haben sich die Dinge sehr verändert. Der Dotcom-Crash war der Anfang, dann flogen Flugzeuge in Hochhäuser und seitdem führen wir einen sehr unpopulären Krieg. Ganz einfache Fragen werden wieder wichtig. Das Modell der Zukunft als eine bessere Zeit ist überholt. Wie stelle ich mir meine Zukunft vor, was will ich anders, besser machen … das sind Dinge, die wieder auf der Tagesordnung stehen. Und Yates macht alles falsch.

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De:Bug: Sind Sie Yates?

Othmer: Teile des Buches sind autobiographisch, ja, aber ich stand nie so im Rampenlicht, wie Yates es tut. Es ist also alles komplett übertrieben, obwohl ich sicher bin, dass alles so passieren könnte.

Tratsch aus dem Think Tank

De:Bug: Wie ist die Stimmung bei den realen Futurists in den USA, den Mitarbeitern der Think Tanks?

Othmer: Zunächst muss ich sagen, dass ich es für legitim und wichtig halte, über die Zukunft nachzudenken. Wir brauchen Meinungen, Sichtweisen, Untersuchungen, egal, wie objektiv sie im Einzelfall sind. Was mich stört ist die absolute Sicherheit, mit der die Forschungsergebnisse verkündet werden. Alle Futurists werden dafür bezahlt, uns die Zukunft vorauszusagen, und keiner von ihnen hat 9/11 als Möglichkeit erkannt. Das sagt auch Yates in seiner Rede und daraufhin habe ich tatsächlich … nennen wir sie unfreundliche Emails bekommen von Think-Tank-Mitarbeitern. Da fühlten sich Menschen auf den Schlips getreten.

De:Bug: Yates macht im Laufe des Romans eine Art Katharsis durch, will wirklich ein besserer Mensch werden. Wie lange können Futurists ihren Job tatsächlich machen?

Othmer: Ziemlich lange, wenn sie den Bezug zur Realität nicht verlieren. Yates weiß nicht mehr, wo oben und unten ist, deshalb stürzt er ab. Sein Scheitern ist vor allem eine nicht genutzte Möglichkeit, Dinge besser zu machen. Dabei repräsentiert er in meinen Augen die USA. Er hat die Fähigkeiten, die Möglichkeiten, alle Welt hört ihm zu und er zieht plündernd durch die Welt.

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De:Bug: Und lässt sich mit Leuten ein, denen das Wort “Verschwörung” eigentlich auf die Stirn tätowiert ist. Demokratie bedeutet nichts, der militärisch-industrielle Komplex gibt den Ton an, bestimmt, wie sich die Welt zukünftig drehen soll. Nicht gerade eine neue Idee …

Othmer: Aber immer noch aktuell! Der Irak wird den amerikanischen Firmen wie ein Bauchladen angeboten, Unser Vizepräsident schanzt seinem alten Arbeitgeber große Aufträge im Irak zu … das sind alles Dinge, die immer noch Thema sind, einfach nicht aufhören, die man vor allem nicht ignorieren oder gar vergessen darf.

Futurist ohne Zukunft

De:Bug: Die ursprünglichen Futurists waren Teil eines italienischen Künstler-Kollektivs in den 1920ern, heute sind sie Angestellte von Welt-Konzernen.

Othmer: Ich kann nur hoffen, dass sich Schriftsteller, Musiker, Künstler … genau die, die damals in Italien dabei waren, eine Position in der Gesellschaft erstreiten, in der sie dann als die neuen Futuristen angesehen werden. Ich bin da trotz allem immer noch recht optimistisch. Wir müssen nur aufpassen, dass sich die Welt zum Guten wendet, bevor wir sie in die Luft gesprengt haben.

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De:Bug: Ihr deutscher Verlag hat da offenbar weniger Hoffnung und betitelt die Übersetzung “No Future”.

Othmer: Ja, das war ein kleiner Schock, aber ich habe gelernt, solche Dinge einfach zu akzeptieren … hoffentlich verkauft sich das Buch trotzdem.

De:Bug: Sind die Think-Tanker die Philosophen der modernen Zeit?

Othmer: Ich würde hoffen, dass sich Philosophen nicht ausschließlich mit Datenbanken und Umfrage-Ergebnissen befassen. Der Ansatz ist dann doch ein völlig anderer. Aber vielleicht würde es schon helfen, wenn der Berater des Präsidentschafts-Kandidaten keinen klassischen Politik-Background hätte, sondern, ja, ein Philosoph wäre. Das wäre fantastisch, um ehrlich zu sein. Ich glaube, da haben wir gerade ein klassisches Problem der Futurists gelöst.
http://www.jamespothmer.com

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Elektronische Lebensaspekte.