Dauerlächelnder Afterhour-Liebhaber mit Heimatgefühlen
Text: Christoph Cadenbach aus De:Bug 113


Der Produzent und DJ Jamie Jones hat 2007 den Sprung hinter die Plattenspieler der internationalen Clubwelt geschafft. Der dauerlächelnde Afterhour-Liebhaber über Heimatgefühle, die positiven Auswirkungen von Videospielen und was Japaner von den Amis unterscheidet.

Jamie Jones ist in einem Küstenkaff im Norden von Wales aufgewachsen. 14.000 Einwohner – früher Bergarbeiter, heute Studenten – die sich um eine mittelalterliche Steinkathedrale angesiedelt haben. Für Akademikerpärchen in Jack-Wolfskin-Jacken, die sich in der moorigen Hügellandschaft an ihren letzten Neuseelandtrip erinnern, bestimmt interessant. Popkulturell gesehen ist Bangor jedoch mehr als nur 350 Kilometer von London und der elektronischen Musikwelt entfernt.

Szenenwechsel: Berlin, Panoramabar. Jamie Jones steht hinter den Plattenspielern und nickt zu DJ Spells “Lisa”, ein dickes Grinsen im Gesicht. Mit seinem handkantenlangen krausen Haar erinnert er mehr an die Discokultur der 70er als an Techno und Afterhour. Es ist neun Uhr in der Früh, Jamies Lieblingszeit. Genau für solche Momente ist sein Sound gemacht – wenn es auch in harten Clubs ein wenig weicher sein darf. Der Track, der gerade läuft, ist einer der Höhepunkte auf der aktuellen Mix-CD “Get Lost 02”, die Jamie für das englische Label Crosstown Rebels aufgenommen hat.

Zwischen seiner Jugend in Bangor und dem Jetzt in Berlin liegen 26 Jahre, in denen Jamie sich das Auflegen beigebracht hat, aus der walisischen Provinz zum Studieren nach London übergesiedelt ist und seit kurzem erfolgreich als DJ um die Welt jettet. An diesem Sonntagmorgen spielt er zum ersten Mal in der Panoramabar, zuvor hat er sich die Zeit für ein Interview genommen.

“Meine Freunde in Bangor hörten früher alle Oasis, ich wollte aber immer mehr körperbezogene Musik. Meine Cousine hatte mich mit ihren Drum-and-Bass-Mixtapes infiziert“, erzählt Jamie und lächelt wie ein Schuljunge, wenn es Ferien gibt. Ja, er sei schon immer der Spaßmacher und Partyboy gewesen. “Ich habe Partys organisiert, war Kapitän des Fußballteams und hatte gute Zensuren. Ich stand also oft im Mittelpunkt und die Leute mochten meine offene Art. Obwohl ich wahrscheinlich der einzige Schwarze im Umkreis von fünfzig Kilometern war, hatte ich nie Probleme mit Rassismus.“

Aus Plattenmangel begann Jamie seine musikalische Grundausbildung an der Playstation. “Ich habe Stunden vor dem Spiel ‘Music’ verbracht. Man konnte Drums und Samples zusammenbauen und verschiedene Tracks ineinander mischen. Dabei habe ich die Grundlagen des Sequencing gelernt.“ Der musikalische Durchbruch ließ trotzdem noch ein bisschen auf sich warten. “Die zwei wichtigsten Dinge in meinem Leben waren der Umzug nach London und meine Zeit auf Ibiza“, sagt Jamie heute.

Erfolgreich verfeiert
Sechs Jahre hintereinander verfeierte der studierte Webdesigner seine Sommersemesterferien auf der balearischen Ferieninsel. Anfangs spielte er in kleineren Bars, später im Mezzanine und 2003 für Ministry of Sound auf der Space-Terrace. Dort traf er auf zwei Menschen, die wichtig für ihn werden sollten: Dan Ghenacia, Chef des Pariser Labels Freak n’ Chic, und Damian Lazarus von Crosstown Rebels. Mit beiden startete er in London die illegale Warehouse-Partyreihe “djscandance”, mit der er sich einen Namen in der Clubszene der englischen Hauptstadt machte. Seitdem legt Jamie regelmäßig im Fabric oder The End auf.

Anfang 2006 erschien seine erste EP “Amazon” auf Freak n’ Chic, es folgten “Capsule” (wieder auf Freak n’ Chic) und zuletzt der ravige Sirenenhit “Panic“ ( auf Crosstown Rebels). “Gute Musik muss für mich düster, stimmungsvoll und reduziert sein, aber dabei trotzdem nach vorne gehen und dich zum Tanzen bringen“, sagt Jamie. “Happy and sad at the same time”, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. Seine musikalischen Wurzeln sieht er in der Funkiness und dem Unerwartbaren des Chicago House und der Kraft und Emotion des Detroit Techno. “Meine Helden sind Derrick May und Jack Bauer”, wobei der Terroristenjäger aus der TV-Serie “24“ mit seiner kompromisslosen, kraftstrotzenden Art vielleicht sinnbildlich für elektronische Musik härterer Couleur steht.

Wenn sich der Erfolg eines DJs an seinen Flugkilometern ermessen lässt, sieht es für Jamie derzeit rosig aus. In Chicago, Miami, Mexiko-Stadt und Tokio hat er 2007 schon gespielt. Am meisten beeindruckt hat ihn dabei die Gelassenheit der Japaner. “Tokio ist wahrscheinlich die stressigste Stadt der Welt, doch obwohl jeder ungemein beschäftigt ist, gibt es keinen Ärger. Niemand drängelt, jeder achtet auf Ordnung. Das ist wie eine stille Vereinbarung. Und im Gegensatz zu London gibt es keine Kriminalität. In Tokio kannst du deine Geldbörse in einer Telefonzelle vergessen und am nächsten Tag liegt sie immer noch da!“, erzählt er und zeigt auf sein mintgrünes T-Shirt, das mit handgezeichneten Hochhaussilhouetten bedruckt ist. “Und einkaufen kann man wunderbar!“ Mit 2.000 Pfund weniger auf dem Konto und 31 Kilogramm Übergepäck flog Jamie nach vier Tagen Tokio zurück nach England.

Die USA haben ihn weniger begeistert. “Ich hatte das Gefühl, dass viele Menschen sich nicht trauen, ihre Kreativität und Individualität auszuleben. Geld ist in den USA das einzige Zeichen von Erfolg, und wenn du intelligent bist, wirst du halt Anwalt oder Arzt und hast ein pralles Konto. Auf den Parties merkst du schnell, dass die Leute nicht aus sich rausgehen, sondern versuchen, die Kontrolle zu behalten. In Japan ist das erstaunlicherweise anders.“

Trotzdem wird Jamie im Juli seine zweite Nordamerikatour antreten. Ob ihn das viele Reisen und der Musikzirkus nicht auf Dauer nerven? “Hey, ich fliege um die Welt, gehe feiern, lege auf” – sein Grinsen wird breiter – “und werde dafür auch noch bezahlt!“

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Elektronische Lebensaspekte.