"Wenn du mit Elton John auf Tour gehst, ist plötzlich alles in Ordnung."
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 142

Jamie Lidell wird endgültig zum wandernden Barden, immer auf der Suche nach inspirierenden Weggefährten, mit denen er das Gefühl zum jetzt und hier in Musik transferieren kann. Nach Cristian Vogel und Mocky hat bei seinem aktuellen Album “Compass” Beck diesen Part übernommen.

Jamie Lidell hat eine schwere Zeit hinter sich. Das versucht er immer wieder zu betonen. Beziehungsende, schwere Gedanken, Tour-Überdruss und dann auch noch ein großer Tapetenwechsel. Nachdem der Brite einige Jahre in Berlin lebte, ist er über einen kurzen Paris-Zwischenstopp in New York gelandet. Downgraden, neu beginnen, alte Muster abstreifen, gewissermaßen hat er derweil den gründungsmythischen Delta-Blues für sich entdeckt und seine ganz persönliche Diaspora dann gleich noch auf dem dritten Soloalbum “Compass” in Sound zementiert.

Wie bei kaum einem zweiten ist die Karriere des Sängers und Künstlers Lidell durch Kollaborationen geprägt worden. Er war schon immer ein Getriebener. Das fing im englischen Brighton an, wohin der junge Jamie aus dem Örtchen Huntingdon, Grafschaft Cambridge, einst pilgerte, um sein Idol Cristian Vogel ausfindig zu machen. “Cristian war ein Mentor, gerade was elektronische Musik anbetraf. Ich habe seine Sachen immer bewundert. In Brighton habe ich mich gewissermaßen auf eine Wallfahrt begeben, um ihn zu finden. Irgendwann habe ich seine Freundin getroffen. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht seine Schwester wäre. Das war natürlich ein Fettnäpfchen.”

Dass aus so einem Erstkontakt-Missverständnis dennoch Super Collider wurde, die den Jahrtausendwechsel mit glitchenden Funk-Destruktionen und großer Seele perspektivisch neu beschallten, war für die Karriere von Jamie Lidell die entscheidene Blaupause: “Cristian hat mir viel ermöglicht, mehr als die Stadt selbst.”

Schmutzig in Berlin
Der nächste Weggefährte, der musikalische Sancho Pansa auf der Lidell‘schen Ilias durch die Zeit nach Super Collider, war der Kanadier Mocky, mit dem er das Album “Jim” aufnahm: “‘Jim’ sollte etwas Mainstreamiges werden. Um ehrlich zu sein, ging es auch darum, wie man noch erfolgreicher werden kann. Am Ende war ich ein bisschen enttäuscht, weil es nicht diese Reinheit hatte, die Musikmachen eigentlich haben sollte.” Die aktuelle Stimmung? Irgendwo zwischen ehrlichem Rekapitulieren und Eigen-Marketing.

Dass Jamie Lidell aber weder von überzogenen Underground-Ressentiments noch von Popmarkt-regulierenden Unreflektionen befallen ist, schwingt bei seinen weiteren Ausführungen immer mit. Man könnte seine Geschichte als die eines Wanderers verstehen. Jemand, der ein großes Talent und eine große Stimme in sich hat, immer den Austausch suchend Weggefährten findet, diese Lebensperioden in Form seiner Alben der Welt preisgibt. Ein Barde mit einer ungebändigten Kraft. Ob als geniehafte One-Man-Show, als Part einer Session oder als Tour-Support von Elton John.

Jamie Lidell: “Das war schon seltsam, weil ich nie davon ausgegangen wäre, dass ein Typ aus dieser Liga überhaupt weiß, dass ich existiere. Ich vermute, er hat ein Team von Leuten, die nach Musik suchen, die er mögen könnte. Wahrscheinlich sitzt er in seinem Zimmer und ruft: Wo ist die neue Musik, Jungs? Wir haben insgesamt zehn Shows gemacht, wobei für mich das wichtigste war, dass meine Familie mich dadurch endlich als Musiker akzeptiert. Eltern sorgen sich ja immerzu: Junge, wie wär‘s mal mit einem richtigen Job? Aber wenn du mit Elton John auf Tour gehst, ist plötzlich alles in Ordnung. Bei unserem ersten Treffen hat mich sein Assistent zu ihm geführt, sein Raum war voller Klamotten, mittendrin Elton und zwei Hunde. Er war sehr relaxt, so als wäre er mit sich im Reinen. Eine Attitüde, die mich schon immer beeindruckt hat. Dann gab er mir Ratschläge, zum Beispiel meinte er, dass er Multiply weitaus besser fände als Jim. Was mich natürlich überrascht hat, da ich vom Gegenteil ausgegangen bin. Jim ist ja wesentlich poppiger und ausproduzierter. Aber er mochte scheinbar die extravagenteren Sachen und meinte, dass ich mehr Dinge ausprobieren soll, die nicht ganz so gewöhnlich sind. Vielleicht habe ich diesen Ratschlag ja auch für diese Platte unbewusst berücksichtigt.”

Debug: Was konnte man noch von Elton lernen?

Lidell: “Das System Elton John ist eine beeindruckende Maschine. Zum einen schreibt er Broadway-Musicals. Billy Elliott war sehr erfolgreich und dann macht er seine Soloshows, das ist ein sehr komplexer, riesiger Mechanismus – die planen jetzt schon für 2013! Seine Shows sind auf einem technischen Level wie ein James-Bond-Film. Sehr episch, mit Bühnenbildern von David LaChapelle, die größte Videowand, die man sich vorstellen kann. Ziemlicher Willy-Wonka-Style.”

Debug: Du hattest bereits angedeutet, dass Compass viel mit wechselnden Lebensumständen zu tun hat?

Lidell: “Oh ja, ich hatte das Gefühl, dass viel zusammengebrochen ist und ich viel neu aufbauen musste. Dabei habe ich versucht, mich an Routinen festzuhalten: eine sehr einsame Zeit. Ich hatte nicht das Gefühl, diese Phase mit vielen Leuten teilen zu können. Zumindest sind gute Texte dabei rausgekommen. Wenn man angreifbar und verletzlich ist, entstehen ganz eigene Dinge.”

Debug: Im Nachhinein bleiben die Songs aber Songs, oder nicht?

Lidell: “Nun ja, während meiner letzten Tour hatte ich des öfteren das Gefühl, live nur einen Job zu erledigen. Gerade wenn Songs nur Songs sind. Das ist nicht das Wahre. Aber auf jeder Tour gibt es zwangsläufig Momente, in denen alles schlecht ist. Man ist in einer Stadt wie Kassel, das Wetter mies, deine Stimme abgefuckt, man hat Stress mit der Freundin und die Band schlechte Laune. Dann stimmt der Sound auf der Bühne nicht usw. Trotzdem spielt man die beste Show der gesamten Tour. Am nächsten Tag ist alles perfekt, aber die Show ist kacke. Das ist das Mysterium von Tourneen. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass man an schlechten Tagen etwas fühlt. An guten Tagen gibt es keinen Blues. Wenn man immer beschwingt ist und bourgeoise abhängt, kann das zur Falle werden. Ganz ehrlich: Den meisten DJs geht es doch so. Die kriegen Unmengen an Kohle, nur um ein paar Knöpfe zu drücken. Wo ist da die Leidenschaft?”

Debug: Bei den Aufnahmen hast du diesmal unter anderem mit Beck gearbeitet, insgesamt liest sich die Feature-Liste wie die eines HipHop-Albums.

Lidell: “Mit Beck war ich 2006 auf USA-Tour. Seitdem war er immer sehr an meiner Musik interessiert. In letzter Zeit hatte er sich mehr dem Produzieren von Musik gewidmet und dachte sich vielleicht, dass er mir aushelfen könnte. Also waren wir gemeinsam in seinem Homestudio, auch zu sehen, ob wir zusammen harmonieren. Anfangs war ich natürlich eingeschüchtert, sein Haus und das ganze Drumherum. Er arbeitet sehr fokussiert, ist aber zugleich ein totaler Träumer. Eine interessante Kombination. Er ist für zehn Minuten weg und kommt dann mit einem Songtext zurück, wo man sich fragt, wie er das zur Hölle hinbekommen hat. Das ist eins seiner wirklich großen Talente. Das kann einen als Textschreiber natürlich auch ziemlich frustrieren. Eine Weile später, ich hatte in der Zwischenzeit in New York einiges an Material gesammelt, bin ich zurück zu Beck nach Kalifornien und wir haben dort zusammen bei seinem Record Club gespielt. Das sind Live-Studio-Sessions, die er dann auf seiner Website spielt. Dort waren dann die ganzen anderen Musiker: James Gadson, die Jungs von Wilco, Leslie Feist…”

Debug: Wie muss man sich sein Zuhause vorstellen?

Lidell: “Recht komfortabel, aber nicht opulent. An seiner Stelle könnte man sich auch zur Ruhe setzen, aber er ist ein Getriebener. Es wurde dort also viel improvisiert und es gab eine sehr gelassene Atmosphäre. Nikka Costa war in der Nähe und so haben wir danach mit dem Record Club einfach für zwei Tage wild aufgenommen. Meine vorherigen Skizzen haben wir auf den Monitoren gehabt und haben Massen von Sounds auf die Festplatten gespielt. Mit dem Material bin ich dann nach Hause, aber irgendwie war ich überfordert, ich brauchte jemanden, der seine Meinung dazu sagt. Den Part hat dann durch glückliche Zufälle Chris Taylor von Grizzly Bear übernommen, der im Gegensatz zu mir wenig Skrupel hatte, größere Teile einfach herauszunehmen. Zuletzt kam eine weitere Aufnahmesession, wir haben uns mitten im kanadischen Wald für zehn Tage in Leslie Feists Häuschen eingenistet. Da wurden bestehende Löcher gefüllt und wir haben nach magischen Sounds gesucht.”

Debug: Magische Sounds?

Lidell: “Genau. Zum Beispiel Chris Taylors Bassklarinette, die wir durch einen Verzerrer gejagt haben.”

“Compass” ist auf Warp/Rough Trade erschienen.

http://www.warp.net

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. cee77

    RT @debug_magazine: MAG: Jamie Lidell: Aus dem Tal der Tränen:
    Jamie Lidell wird endgültig zum wandernden Barden, immer auf der Suche… http://bit.ly/chF85b