Ein Mann, eine Seele. Jamie Lidell erforscht auf Multiply den Soul der guten alten Zeit, träumt von einem Duett mit Al Green und ist froh, die Klangexperimente mit Kollegen Cristian Vogel auf Eis gelegt zu haben. Meet a sunnyboy with Schub.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 93

Jamie Lidell

”new me’s coming through
gonna get myself together”
(Newme)

Wenn Al Green singt, schweigen die Waffen und weinen die Krieger, böse Menschen haben keine Lieder. Böse Menschen haben höchstens Tracks. Tracks sind Vergangenheit für Jamie Lidell. Mit seinem neuen Album ”Multiply“ ist es raus: Jamie Lidell ist ein Soul-Sänger. Der wuschelköpfige Sunnyboy, der mit Super_Collider und seinem Soloprojekt an der vordersten Front elektronischer Dekonstruktionsarbeit stand, konvertiert zum Blue-Eyed-Sänger des Retronuevo-Soul. Damit beschreitet er einen ähnlichen Weg wie vor ihm etwa Neneh Cherry von Rip, Rig & Panic zu ”Man Child“, Arto Lindsay von DNA zu seinem Brasil-Songwriting oder Marc Chagall von seinen kubistisch-fauve’istischen Werken zu den späten Folkloreträumereien. Avantgarde ist gegessen, simple Schönheit ist die wahre Herausforderung. Wer die Willie-Mitchell-Produktionen der 70er-Jahre für Al Green kennt oder den späten Sly Stone der ”Fresh“-Phase, der bekommt eine Ahnung davon, was für ein harter Knochenjob diese simple Schönheit ist. Genau da klinkt sich Jamie Lidell mit ”Multiply“ ein. Sein Muscle Shoals – das legendäre Southern-Soul-Studio – verteilt sich über Berlin, London, Paris, Sydney, dem Computer sei Dank. Aber der Geist ist der gleiche. In gemeinsamen Jam-Sessions rund um das lockere Gespann Mocky/Kevin Blechdom/Jamie wird daran gearbeitet, alles dem Song zu geben, was des Songs ist – aber keinen Twist zuviel, und vor allem keinen selbstbezüglichen Lärm. Und immer vorneweg Jamies Gesang, der keinerlei Freak-Hintertür mehr braucht, durch die er verschwinden kann, wenn es zu peinlich wird mit dem Bekenner-Gestus. Jetzt wird bekannt und jubiliert und mal ganz reaktionär der schöne Morgen noch mehr verschönert.

Wenn die Musik keine Verpflichtung mehr übernehmen kann, eine bessere Zukunft zu skizzieren, keine Utopie, dann schlägt die Stunde der Entertainer. Technischer Vorsprung ist ästhetischer Vorsprung ist politischer Vorsprung? Vorbei. Retro ist das neue Nuevo? Von gestern. Die Zeitleiste an sich hat komplett ausgedient, um musikalische Relevanz festzustellen. Es gibt kein klar definiertes ”Vorne“ mehr. Also kann man sich gut an das erinnern, was das Herzstück von Musik ausmacht: Magie in der Luft.

Jamie:
Ich habe versucht, ein Quentchen der Magie einzufangen, mit der die alten Soulgrößen die Luft auffrischen. Eine Menge meiner Musik hat die Atmosphäre vergiftet. Musikalisch war sie gut, clever, sie befriedigte meinen Musiker-Ehrgeiz. Aber sie vernachlässigte den Spirit. Bei Super_Collider haben Cristian Vogel und ich klanglich radikal experimentiert, Gegensätze aufeinander krachen lassen. Das war großartiges Zeug, aber ich hatte immer das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht.

Dann kam Mocky und mit ihm das Aha-Erlebnis?

Jamie:
Mit Mocky abzuhängen und zu jammen, hat eine simple Wärme zurückgebracht, die schlichte Begeisterung am Singen. Ich saß vor kurzem in Südfrankreich in der Sonne und sang zur Akustikgitarre. Das war erinnerungswürdig.
Klar, in jeder Jam-Session, jeder Live-Band-Situation, die sich an altem Funk und Soul orientiert, steckt der Acidjazz-Teufel. Den muss man gedeckelt halten. Aber was ist das Problem mit Acidjazz? Es ist der Formalismus. Wenn man seinen Scheiß tief von innen rausgräbt, dann gibt es keinen Formalismus. Die Gefahr ist ein zu enger musikalischer Plan, man muss auch mal lässig sein und Dinge und Menschen passieren lassen.

Zufall statt Kontrolle? ”Multiply“ klingt sehr kontrolliert.

Mocky, Kevin Blechdom und ich haben fast wie im Kollektiv zusammengearbeitet, jeden Tag abgehangen. Die CD sollte eigentlich von einer DVD mit Live-Aufnahmen begleitet werden. Das hätte die Verbindung zu meinen früheren elektronischen Dekonstruktionen gezeigt. Live dekonstruieren wir nämlich unkontrolliert auf Teufel komm raus, aber eben als Band, nicht am Rechner. Es konzentriert sich auf den Moment, lebt nur für die Gegenwart, kennt nichts anderes als die spontane Geste. Das Album dagegen ist Teil einer Musikgeschichte, die Stücke fixieren einzelne Momente dieser Geschichte. Die DVD wäre ein wichtiges Gegengewicht gewesen, um das chaotische Element zu zeigen.
Allerdings bin ich froh, dass ich so konsistent arbeite wie nie zuvor. Nicht dass ich nicht immer noch sprunghaft wäre, aber innerhalb der Sprünge habe ich meinen Kram zusammen. Ich bin kein austickendes Freakmonster mehr, das brüllt und faucht. Mein Gesang trägt einen Song, ich bin ein Soul-Künstler, das wollte ich beweisen. Als ich mit der Herbert Bigband die Hollywood Bowl bespielte, wow, da überkam es mich.

Hast du einen Sänger/innen-Olymp?

Natürlich schule ich meine Stimme an anderen Sängern. Jeder Musiker macht das. Würdest du Squarepusher fragen, ob er Jaco Pastorius gehört hat? Nein, denn es ist offensichtlich. Also hör’ auf, mich nach Vorbildern zu fragen. Ich singe meine Lieder, als stünde ich unter der Dusche. Wenn ich mit Al Green auf einer Bühne stehen sollte, müssten sie eine tiefere Etage für mich einziehen. Der Mann spielt in einer anderen Liga.

Wo siehst du ”Multiply“ im Vergleich zu deinen vorherigen Arbeiten?

Mit ”Multiply“ besetze ich das gegensätzliche musikalische Ende. Ich möchte ein neues Publikum erreichen. Dem alten Publikum, das mir auf den Desktop schielt, welche Software ich gerade fahre, muss ich nichts mehr beweisen.
Ich schreibe Songs, Melodien, das ist die Essenz meiner Musik, dafür möchte ich wahrgenommen werden. Diese Basis ist der Punkt.
Sie kann gerne gehackt werden, soll es sogar, aber erst mal muss sie existieren. Was für einen Sinn macht es, etwas Gehacktes noch einmal zu hacken? Du willst, dass ich draufloshäcksel? Ich häcksel wie kein Zweiter. Das interessiert mich nur nicht mehr, dieser intellektuelle Krampf. Ich lasse mir lieber zeigen, wie man Drums mit Mikrofonen richtig abnimmt und eine Gitarre dazumischen kann. Einen Pianopart haben wir extra in Australien einspielen lassen. Das ist absurd, extra in Australien, aber der Pianist hatte den richtigen Anschlag für das Stück. An so einem Punkt treffen sich die Vorzüge von Laptop und Band. Man kann sich dank der mobilen digitalen Aufnahmemöglichkeiten den Produktionsluxus leisten, den die Musikindustrie seit Anfang der 80er nicht mehr zu zahlen bereit ist.

Stellst du deine Stimme gerne in den Dienst anderer Produzenten?

Ich würde gerne mit einem der großen R&B-Produzenten arbeiten, mich in seine Rahmenbedingungen hineinsingen. In keiner anderen Situation lernt man so viel über sich selbst. Diese Autoren-Vollkontroll-Manie ist mir fremd. Du kannst immer die Kontrolle behalten und cool bleiben. Aber für wen? Cool für cool Kids? Wie langweilig. Ich will doch nicht erst meine Lifestyle-Entscheidung treffen und dann meine Musik darauf abstimmen. Die Musik kommt zuerst, der Lifestyle muss sich beugen.

Wirst du live mit Band touren?

Wenn ich live spiele, werde ich an jedem Ort die Musiker rekrutieren, die ich von dort kenne. Ich werde nicht mit einer festen Band reisen. Es wird wie bei der Story von Hase und Igel sein. Die Bandmitglieder sind immer schon vor Ort und ich reise als Hase hinterher. Wir werden jammen, jeder bringt seine Fähigkeiten ein, ich bin nur einer unter vielen. Ich lerne im kollektiven Chaos am meisten über meine Musik. Mein VJ Pablo Fiasco beackert das Keyboard viel besser als ich. In London hat er sich auf der Bühne wie der letzte Prankster aufgeführt, das Teilplayback mit dem Keyboard zersäbelt, Popcorn gemampft und mich am Singen gehindert. Ich liebe es, wenn meine Songs gecrosst werden, gebombt, wie Graffiti. Nur wenn eine Software das übernimmt, wird es zum Klischee für modernen Sound. Wir stehen kurz vor einem PlugIn für iTunes, das automatisch eine Glitch- oder Meshup-Version von den Tracks bastelt. Das ist nicht mehr der Inbegriff von Innovation. Wo ist Innovation? Zurzeit nicht im technologischen Feld. Deshalb kann man sich so gut auf alte Tugenden konzentrieren: gute Freunde als Mitmusiker, die aus verlässlichen Song-Fundamenten unverlässliches Chaos zaubern. Das meine ich mit: die Magie in der Luft.

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Elektronische Lebensaspekte.