Neue Features für Telefone zu entwickeln ist die eine Sache. Diese Features zu vermarkten und vor allem mit der Realität der User abzugleichen die andere. Jan Chipchase bereist für Nokia die Welt, um gerade in ärmeren Ländern die Verwendung von Handys zu erforschen. Dabei ist der Schraubenzieher wichtiger als UMTS.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 105


Meist, wenn man an Mobiles denkt, denkt man an den Strom von Gadgets, Services, Technologie, der sich direkt aus den Weiten der großen Konzerne weltweit über einen ergießt, und man versucht, sich einigermaßen darin zurechtzufinden und herauszubekommen, was einen daran wirklich interessiert, was man brauchen könnte oder eben was man bezahlen kann.
Jan Chipchase, der in der User Experience Group von Nokia arbeitet, in Tokyo lebt und Teams von Wissenschaftlern für Nokia zu Fieldtrips mitnimmt, die er selbst auf seinem Blog ausführlichst dokumentiert, um ihnen in Situationen in der realen Welt zu zeigen, wie Technologie benutzt wird, hat einen zunächst mal ganz unerwarteten Ansatz: “Gesellschaften Technologien aufzudrücken, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, ist zumindest naiv, schlimmstenfalls – was öfter eintritt – sogar gefährlich, und deshalb sind die Menschen, die genau das machen, auch langweilig. Mein Blog will eine Pause der Reflektion im scheinbar kopflosen Rausch des immer Mehr, immer Schneller, immer Kleiner und immer Billiger sein.” Fast nebenher scheint er seine User-Studien zu betreiben und entwickelt neue Services und Produkte für Nokia, über die er aber, schließlich ist der Druck im Handyherstellermarkt extrem groß, wenig sagen kann, zumal die meisten davon eh erst in einigen Jahren auf dem Markt sein werden und fast alle seiner Patente noch in Schwebe sind.

Die perfekte Zukunft
Je mehr man aber seinem Blog, Future Perfect, folgt, das vor allem aus vielen Fotos besteht, die oft unerwartete, aber immer einleuchtende und wichtige Fragen zum Verhältnis von Menschen, Mobilität und Technologie im Allgemeinen stellt, desto mehr überzeugt einen Jan Chipchase von einer ganz anderen Sicht auf Mobilität. Mobilität ist, was Menschen daraus machen können. Die Verzweigungen weit in die Tiefe der soziologischen Komponenten des alltäglichen Lebens sind es, die Mobilität ausmachen. Und so skurril und banal touristisch gelegentlich die Momentaufnahmen auf dem Blog erscheinen, die Ideen, die er daraus zieht, sind nicht nur überraschend, sondern finden ihren Weg tatsächlich in neue Produkte.

In seiner Studie über Mobile Essentials, die Dinge, die man immer mit sich herumträgt, zeigt sich das sehr deutlich. In einer Untersuchung in Berlin, San Francisco, Shanghai und Tokio stellte sich heraus, dass es vor allem drei Dinge gibt, die jeder immer mit sich herumträgt. Schlüssel, Bargeld und Telefon, und dass viele Leute diese Dinge schon am Abend, bevor sie das Haus verlassen, an einen Ort positionieren, der möglichst nahe der Tür ist. Herausgekommen ist ein denkbar einfaches, aber umso brauchbares Produkt-Konzept. Ein kleines Regal neben der Tür, “Reminder Shelf”, das nicht nur Ablage für eben diese mobilen Essentials ist, sondern auch auf sich aufmerksam macht, sollte man dabei sein, eins der wichtigen Dinge zu vergessen. Die digitale Version davon hat Anzeigen, welche Dinge da sind und welche fehlen, und basiert dann auf einer Bluetooth- oder RFID-Lösung.

Kultur des Reparierens
Ein weiteres seiner Lieblings-Untersuchungsfelder: Repair Culture. In einer Untersuchung, die sich quer über den Globus gezogen hat und die Kultur der Handy-Reparatur in Städten wie Dehli, Ulan Bator, Ho Chi Min Stadt, Soweto, Lhasa und Kampala untersucht hat, ging es darum herauszufinden, wie man Telefone herstellen kann, die genau den Markt erobern können, in denen ein brandneues Telefon völlig jenseits der finanziellen Möglichkeiten der meisten liegt und somit Reparatur einer der zentralen Kostenfaktoren der mobilen Kultur wird. Dabei stellte er fest, dass nicht nur die informellen MiniShops klassische Firmenreparaturwerkstätten um Längen übertreffen, sondern meist mit extrem einfachen Mitteln (Zahnbürste und Schraubenzieher) auskommen, aber vor allem von ihrer Vernetzung untereinander und dem so weitergegebenen Wissen leben, und dass gerade aufgrund des relativ geringen benötigten Platzes solche Werkstätten eine Unmenge an Einzelteilen hierzulande eher unbedacht weggeworfener kaputter Telefone lagern, und stellt lapidar fest: “Die Reparatur-Kultur verlängert die Lebensdauer und verringert den schädlichen Einfluss auf die Umwelt.” Kein Wunder, dass Nokia mittlerweile Handys entwickelt hat, die sich unter größerer Hitzeeinwirkung sauber in ihre Bestandteile zerlegen lassen. Und es erscheint umso wahrscheinlicher, das Nokia, wenn sie diese Studien erst mal ausgewertet haben, nicht nur stärker als zuvor auf leicht austauschbare Teile der Handys setzen, sondern ebenso auf eine Software, die möglichst offen ist, denn in den hintersten Gegenden Kampalas scheint man eher noch mehr vom Mobile-Flashen und Raubkopieren zu verstehen als in den – obendrein noch schwerer aufzufindenden – Läden hierzulande.

Jan Chipchase hat nicht nur einen Job, um den ihn viele beneiden dürften (ständig um die Welt reisen, dabei Menschen und Technologie beobachten und dokumentieren), sondern dank seines Blogs lässt sich das auch Tag für Tag nachvollziehen und man erfährt hier tatsächlich mehr über Mobilität als aus den sich ständig überbietenden Studien, die ein so wichtiger Bestandteil des mobilen Newsuniversums zu sein scheinen. Und das vor allem weil Mobilität in der Sicht von Chipchase überall auftaucht. An Straßenrändern, auf Plakaten, in eigentümlich ausgebauten Fahrzeugen, selbst auf Golfplätzen. Überall wo Menschen auf Technologie treffen, entsteht Mobilität. Wo immer Kommunikation auftaucht, lässt sich für Jan Chipchase eine Frage stellen, hinter jeder Frage steckt ein Produkt und die unerwartete Verwendung eines Produkts erzählt einem immer wieder etwas über die Menschen dahinter. Jan Chipchase erfüllt sich mit Future Perfect so etwas wie einen allgemeinen Kindertraum. Die Welt sehen und immer so viele Fragen wie möglich stellen. Dass jemand wie er einer der Chef-Researcher bei einer Firma wie Nokia ist, gibt einem zumindest Hoffnung darauf, dass die kommende Welt technologischer Neuerungen ein Ort ist, mit dem man sich überraschend leicht anfreunden können wird.
http://www.janchipchase.com

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Elektronische Lebensaspekte.