Immer stärker zeigt sich, wie viel Platz zwischen Techno und Elektronika für folkige Konzepte besteht. Jan Gazarra schöpft ihn auf seinem zweiten Album mit dem ganzen Charme des unformatierten Sympathen aus.
Text: Michael Wallies aus De:Bug 106

Ganz allein den Abend gestalten
Jan Gazarra

Noch mehr als der dandyeske Erstling “I’ve come to see you once again” besticht Jan Gazarras zweites Soloalbum durch Intimität und Wärme. “Love rules” ist dabei einhundert Prozent Jan Gazarra. “Das sind vier Jahre meines Lebens, die ich durch meine Musik dokumentiere und dann einfach veröffentliche. Erst jetzt realisiere ich, dass diese für die Öffentlichkeit bestimmt ist, weil sie bis vor kurzem meine Privatsphäre war. Für mich ist das so, als ob ich meine Kinder in die Welt schicke. Einige habe ich schon direkt nach der letzten Platte geschrieben. Das ist gerade ein seltsames Gefühl, einfach loslassen zu müssen.”

Schaut man sich die Liste der Mitwirkenden von Peter Kersten (Lawrence/Sten) bis Carsten Meyer (International Pony, Erobique) an, so könnte man eine smoothe Elektropop-Scheibe für den Dancefloor mit einer guten Prise Soul erwarten. “Love rules” ist allerdings meist ein privates halb-elektronisches Songwriter-Album, welches zum sonntäglichen Ausspannen auf dem Balkon einlädt. So ist es, wenn es auch kitschig klingen mag, die Liebe zur Musik, die das Album möglich machte. Die Geschichte dahinter ist eines dieser Hamburger Szene-Märchen, denn “Love rules” wurde ohne einen Penny aufgenommen. “Manchmal besuche ich Pete (Peter Kersten) und wir hängen gemeinsam rum. Er hat bei sich auch eine alte Klampfe rumstehen. Ab und an nehme ich die und spiele ein bisschen. Dann sagt er: Das ist aber toll! Wir nehmen es auf, noch eine Kick-Bass drunter, wir unterhalten uns, trinken ein Bier, dann vielleicht noch eine Fläche. Ich schreibe nebenbei einen Text oder singe drauf los und schon ist das Stück fertig. Im Anschluss mischen wir mindestens noch vier Monate dran rum.” Dass Peter Kersten ein Herz für tolle Popsongs hat, weiß man spätestens seitdem auf seinem Label dial, welches er mit Carsten Jost, Pantha Du Prince und Efdemin betreibt, überraschend das Pop-Album “Speak to me“ von Domique veröffentlicht wurde. Auffällig an der Zusammenarbeit mit Gazarra ist hierbei, dass man bei dem Song “Too far gone“ weder Sten noch Lawrence deutlich heraushört.

Genauso verhielt es sich bei den anderen Beteiligten wie Alexander Polzin oder Jörg Follert (Wechsel Garland). Gazarra, der Computer hasst, überlässt diesen Part guten Freunden, die sich in Sachen Produktion vorzüglich einbringen und dabei ganz selbstverständlich ihre künstlerischen Egos außen vor lassen. So ist ”Love rules“ trotz der vielen Mitwirkenden eben kein Stückwerk, sondern eines der wenigen neofolkigen Alben, das in vieler Hinsicht ganz nebenbei im digitalen Zeitalter angekommen ist. Gut so, denn das Album strahlt geradezu eine entspannte Zeitlosigkeit aus. Selbst die lange Produktionszeit hat sich mehr als positiv ausgewirkt.

Lediglich ”The Actress“ eignet sich, um ihn zu später Stunde im Club zu spielen. Diesen Track kennen sicher viele schon von der 12“ des Duos Arp Aubert auf ihrem Label Mirau, für das Gazarra seine Stimme lieh. Nachdem in den letzten Monaten alle anderen Projekte pausierten, stehen nun auch Aufnahmen mit den Stoned Eagles vor der Tür, seinem Projekt mit den beiden Arp Auberts zusammen. Nebenbei spielt Gazarra übrigens auch bei Black Star, einer richtigen Rockband.

Bevor uns all diese Projekte in naher Zukunft im Plattenregal begrüßen werden, gibt es im November die seltene Chance, Gazarra live zu erleben. Nachdem eine Tour mit richtiger Bandbesetzung geplant war, zieht der Hamburger, der im bürgerlichen Leben übrigens als Landschaftsgärtner arbeitet (und so mit Peter Kersten die gleiche Ausbildung teilt), nun vielleicht sogar ganz alleine mit seinem Gitarrenkoffer durch kleine Clubs: “Das ist die Königsdisziplin und dabei bekomme ich ganz schön Bauchschmerzen, da ich auch Angst davor habe, mich mit der Gitarre vor Menschen zu stellen und den Abend zu gestalten. Ich denke, das ist das Schwierigste, aber ich will es versuchen. Ich habe mal Raz Ohara ganz alleine in der AstraStube in Hamburg gesehen und das war eines der bewegendsten Konzerte in meinem Leben. So was müsste man hinbekommen. Dann kann man alles andere auch.”

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Elektronische Lebensaspekte.