Als Farben und Gramm hat sich Jan Jelinek unverrückbar in den Schmuckschatullen aller Knispeltechno-mit-Groove-Liebhaber festgesetzt. Unter seinem eigenen Namen abstrahiert er mit
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 44

House…vielleicht später
Jan Jelinek
“Es gibt diesen Mythos der Rave-Initialzündung: Samstag auf die Party, zum ersten Mal Techno, und am nächsten Morgen wird sofort das komplette Studio eingerichtet und nur noch Musik gemacht, erfolgreich versteht sich…an so was glaube ich nicht.” Jan Jelinek gießt noch mal Tee nach, hat sich gerade für den unwissenden Journalisten durch seine Biographie gearbeitet und ist nun an dem Punkt angelangt, an dem die Gegenwart verhandelt werden kann. ‘Loop-Finding-Jazz-Records‘, Jelineks neues Doppelalbum, das dieser Tage auf ~scape erscheint, wäre als Erstlingswerk undenkbar, basiert auf Strategien, die ein vieljähriges Probieren und Verwerfen voraussetzen. Nicht etwa, weil Traumgerätschaften nur langsam in die Nähe der Bezahlbarkeit rücken, die den Sound X in lässiger Perfektion generieren, sondern vielmehr, um bestimmte Aspekte der Produktion schätzen zu lernen, die dann für einen spezifischen Grundklang verantwortlich sind, den man sich auch mit dem Scheckbuch nicht erkaufen kann.
Einmal Darmstadt, bitte
Die Geschichte, wie und warum alles begann, ist schnell erzählt. Aufgewachsen im hessischen Darmstadt, einer Kleinstadt mit merkwürdig hoher Produzentendichte, hatte Jelinek irgendwie schon immer Drumcomputer oder kleine Synthesizer im Regal, “mehr als Spielzeug. Aber wenn man sich in einem Umfeld von DJs und Produzenten bewegt, merkt man irgendwann, dass diese wenigen Geräte ganze Platten bestreiten, nimmt plötzlich seine Experimente ernster und ist darauf bedacht, die Stücke auch anderen Menschen vorzuspielen. Natürlich gab ich auch Jörn Wuttke und Roman Flügel ein Tape, und der Deal mit Klang war perfekt.” Als ‘Farben‘ hat Jelinek seitdem fünf EPs auf dem sympathischen Label veröffentlicht. “Ich kam über House zur elektronischen Musik und habe mich dann zwei Jahre an Deephouse abgearbeitet. Nur, auch wenn ich an die perfekte Houseparty glaube, welchen Sinn macht es, in so ein ausdefiniertes Genre als Produzent noch quer einzusteigen? Die erste Farben EP repräsentiert eine Phase der Suche und Neuorientierung. Britische Elektronika setzte mit Labeln wie Clear zu dieser Zeit neue Akzente, und die LoFi Ästhetik der 60er und 70er war plötzlich wieder salonfähig. Man kann ja von Musikern wie Jimmy Tenor halten was man will, aber letztendlich sind sie dafür verantwortlich, dass Orgeln plötzlich wieder akzeptierte Sounds wurden. Ich habe solche Musik immer gemocht und war froh über die Rückkehr solcher Sounds. Aus dieser Desorientierung entstand die erste Platte, die für mich streckenweise einfach abstrakter House mit anderen Mitteln ist.” House ist Ansatz, Ausgangspunkt und Raster aller Jelinek Produktionen. “Aufgewachsen bin ich mit Soul, Funk und Dub. Mir war es immer wichtig, diesen Soul irgendwie in meinen Tracks weiter zu transportieren. Aber welche Möglichkeiten hat man schon in einer deutschen Kleinstadt…eine Soulband gründen? Bestimmt nicht. House ist die einzige Möglichkeit für einen Weißen, schwarze Musik zu machen. Transformiert und abstrahiert. Es braucht diese technische Konstante, dann ist es plötzlich cool. Ich bin ja auch davon überzeugt, dass viele Houseproduzenten viel lieber Alben für Motown machen würden, sich zwölf Musiker nur einfach nicht leisten können und in mühsamer Arbeit gelernt haben, diese Idee mit Hilfe des House physisch fassbar werden zu lassen. Nur…je länger man arbeitet, desto besser weiß man auch, was mit dem zur Verfügung stehenden Equipment nicht möglich ist. Ich kann so was nicht leisten, auch wenn ich an diese Musik glaube.”
Farben vs. Gramm
Während Jelinek spätestens mit seiner dritten Farben E.P. an dieser schier unwiderstehlichen Schnittstelle von funkender Discokugel und knispelndem Minimal Techno angekommen war, die uns alle so verzaubert hat und alle Plattenregale plötzlich blau werden ließ, schlug er mit ‘Gramm‘ auf dem Heidelberger Label Source etwas ruhigere Töne an. ‘Personal Rock‘ setzt den Klick über den Kick, so dass die warmen, weichen Filtermodule aus Jelineks Studio genug Platz bekommen, wohlig wattierte Akkorde in allen Gehörgängen zu platzieren. Geplant war das nicht. Musiker wollen ihre Tracks veröffentlichen, und wenn ein Label nur eine bestimmte Anzahl von Platten veröffentlichen kann, muss ein zweites her. “Natürlich kompiliert die Platte dann auch jemand anderes. Gramm repräsentiert nur einen weiteren Aspekt meiner Musik, ich habe die Tracks nicht bewusst für Source produziert. Ich überlasse die Trackauswahl immer den Labels…so kam die etwas ruhigere Zusammenstellung zustande.” Und während Farben in allen Euroskala-Farben weiterrockte, Gramm reihenweise vor Ehrfurcht offene Münder provozierte, saß Jelinek schon wieder im Studio.
Finde den Loop…
Wieder in der Gegenwart. Fünf Jahre aktives Produzieren liegen hinter Jan Jelinek, und sein neues Album liegt auf dem Tisch. Ohne Pseudonym, dieses Mal auf dem Berliner Label ~scape, mit dem etwas irritierenden Titel ‘Loop-Finding-Jazz-Records‘. Hmmm. “Das Album repräsentiert eine Phase, in der ich versucht habe, den technischen Aufwand im Studio, konkret: die Programmierungen im Sequencer, radikal zu vereinfachen. Ich wollte versuchen, Tracks nur mit Hilfe einer bestimmten Funktion meines Samplers zu erstellen. Man lädt ein beliebig langes Sample, setzt einen extrem kurzen Loop und verschiebt dann diesen Loop frei im Sample. Nicht per Programmierung, sondern in Echtzeit mit dem Modulationsrad der Tastatur. Meines Wissens nach kann das nur dieser Sampler. Dramaturgie- und Harmoniewechsel, einzig erzeugt durch eine leichte Bewegung des Rades. Bei einigen Stücken konnte ich diese Idee auch tatsächlich durchhalten, einige andere Tracks basieren auf derart aufgenommenen Passagen.” Doch Loop-Finding-Jazz-Records ist mehr. “Der Ansatz ist zunächst ein rein technischer. ‘Loop-Finding‘ verweist wiederum auf den Sampler, der das Sample nach möglichen Loops absucht. So gehe ich generell bei allen Stücken vor. Für ein typisches Farben Stück verbringe ich die meiste Zeit damit, einen catchy Loop zu finden, den man notfalls auch den ganzen Tag hören könnte. Die neue Platte ist die Abbildung dieses Prozesses, der eigentlich abläuft, bevor ich den Aufnahmeknopf drücke. Ich bilde mir ein, dass Atom Heart das bei seinem Album ‘Schnittstelle‘ auch gemacht hat, einfach mitschneiden, während man am Rechner arbeitet. Großartige und spannende Idee. Je länger man produziert, desto leichter verliert man den Blick auf die Besonderheiten des Produktionsvorganges. Ich habe diese Suche nach dem perfekten Loop bislang nie als so wertvoll empfunden, dass ich daran gedacht hätte es aufzunehmen.”
…und vergiss den Jazz
Bei Jazz hat man mittlerweile mehr als 1000 gute Gründe zunächst mal misstrauisch zu sein. Zu viel Schindluder der letzten Jahre im Umgang mit dem Originalmaterial und der Einsatz als nervtötende Allround-Referenz haben vielen die Laune verdorben. Jan Jelinek sieht das genauso. “Jazz ist zunächst mal eine völlig austauschbare Konstante. Auch wenn die Samples vor allem von Jazz- und Soulplatten kommen, ist das, was die Ursprungsmusik ausgemacht hat, bei mir natürlich nicht mehr nachzuvollziehen. Klar versuche ich, das, was mir an dieser Musik wichtig ist, in meine Tracks zu transportieren. Das ist aber kein konkreter Sound, sondern mehr eine Stimmung. Marvin Gaye zum Beispiel konnte auf seinen Platten völlig unpeinlich pathetisch sein. Den nicht peinlichen Lovesong, sowas finde ich nur beim Soul. Das ist für mich Deepness, das Moment des absoluten Pathos, wie bei House eben. Als Produzent kann ich also mit gutem Gewissen sagen: Da ist kein Jazz. Und genau wie Musiker versuchen, sich mit Jazzreferenzen eine neue Ernsthaftigkeit ihrer eigenen Musik zu zaubern – unerträglich, oder? – werden die Leute bestimmt krampfhaft versuchen, den Jazz auf meiner Platte zu finden. Ich mache mich darüber nicht lustig, nur…da ist kein Jazz. Das ist ein Aspekt von mir. Bei Farben ist es ja sogar so, dass sich die Releases in punkto Groove und Funk Schritt für Schritt gesteigert haben. Vielleicht wird es mir wirklich irgendwann gelingen, House zu produzieren.”

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Elektronische Lebensaspekte.