Text: oliver köhler aus De:Bug 11

Warum Deutschland noch nicht phatt enuff ist, weiß Jan Sirup. Oliver Köhler okoehler@rumms.uni-mannheim.de Oh, Fortuna, du Göttin unserer deutschen Leistungsgesellschaft. Welch ein Streich hast du uns da gespielt? Wie konntest du nur diese ehrliche, fleißige, deutsche Drum-and-Bass-Bruderschaft mit deinem Nymphengesang vom obsessiven Markenfetischismus, hohen PS-Statistiken und genauso hohem Marihuanakonsum so überlisten? Mit welch betörenden Mitteln Du sie hast ausgetrickst! Horcht wie jetzt die Illuminaten dieser Sippe jammern von englischem Protektionismus und Isolationismus. Wie sie aufschreien werden, wenn in der WM ’98 die englische Hooligankapelle ihre Parolen um ein Refrain erweitert: “Two World Wars, One World Cup and A Drum’n’Bass Swindle!” Der 23-jährige Jan Sirup mit mindestens 5 Jahren Profi-DJ Erfahrung glaubt zu wissen, weshalb das Gros an Heimatproduktionen in England nur mit dem charmanten Standardspruch “Yeah, that’s cool!” empfangen wird. Es überrascht ihn also nicht, wenn sich deutsche Produzenten die Haare an der englischen Passivität herausreißen. “Es hat wirklich nichts damit zu tun, wo die Platte her kommt, aber die englischen Sachen klingen einfach besser. Die haben da in der Nachbearbeitung irgendwo einen gewaltigen Vorsprung. Ich muß sagen, ich kenne kein Masteringstudio und kein Preßwerk in Deutschland, das auf dem Niveau arbeitet. Die Sachen, die beim Exchange in London gemastert sind, haben einfach mehr Druck dahinter. Das macht sich beim Auflegen bemerkbar. Klar, wenn ich alle Distortionregler aufdrehe, dann ist alles fett!”, ist seine Meinung. Als Plattenverkäufer im Heidelberger Plattenladen Humpty und als Resident DJ der ortsansässigen Veranstalterfirmen Future und Network kann man davon ausgehen, daß dieses Wissen genau so Platz in seinem Plattenkoffer hat, wie die neueste V-Recordings-Promo. Es reicht eben nicht aus, Basslines im Sampler großzuziehen und sie dann, wie antiautoritär erzogene Kinder, auf die Straßen loszulassen. Von ebenso großer Bedeutung ist der Prozeß der Zähmung, der in den Schaltkreisen der Kompressoren stattfindet, und der in England, nach fast dreißig Jahren leidenschaftlicher Baß- und Popkultur, dementsprechend gemeistert wird. Ein Faktum, das zum Erfolg jeglicher neuerer Musikrichtungen im Vereinigten Königreich im wesentlichen beisteuert, egal ob Huldigung auf Baß oder nicht: ”Die deutsche Hitparade ist der beste Beweis dafür: Wenn der Werbeetat stimmt, kann man jeden Scheiß verkaufen. In der Beziehung bin ich wirklich neidisch auf England: Diese Fähigkeit sich bei “Nicht-Unbedingt”-Jugendlichen mit Trends auseinanderzusetzen. Klar gibt’s alle möglichen Formen von Medienhypes; das ist der negative Effekt, der in England ein bißchen mitschwingt. Aber trotzdem interessiert sich auch ein Vierzigjähriger in England für Big Beat oder Drum and Bass. In Deutschland ist man mit fünfundzwanzig zu alt. Es wird nie vorkommen, daß sich ein arbeitender Vierzigjähriger in Deutschland mit Fauna Flash beschäftigt. Man hört Techno bis zum 25. Lebensjahr, ist dann zu alt und lauscht ab da Matthias Reim. Alles andere ist dann vergessen! Allein wenn ich mir die englischen Charts angucke: die sind so viel interessanter als die deutschen Charts. Die haben zwar ihre Spice Girls aber auch ihre Reprazents.” Trotz allen Schikanen, denen man so als deutsches Drum-and-Bass-Label ausgesetzt ist, wird Jan bis Ende dieses Jahres seine bisherigen Tätigkeiten als DJ und Plattenverkäufer um die Position als A&R-Mann des neuen Code-F-Labels erweitern. Den Gang zum Gewerbeamt übernimmt die Vatergesellschaft, Future. Dreierlei Absichten verfolgt Jan mit dem Label. Erstens, die Auflockerung der bestehenden Produzenteninfrastruktur im Rhein-Neckar-Kreis. Zweitens, Schwarz-Auf-Weiß-Städten wie Berlin und Köln den Beweis zu liefern, “daß in Heidelberg oder Mannheim genauso viele angehende oder fortgeschrittene und motivierte Drum-and-Bass-Produzenten, trotz seines provinziellen Touch” zu finden sind. Zu den ersten Releases sollen auch Produktionskollaborationen zwischen Benni Sirup und Technical Itch sowie zwischen Mannheims DJ Tobi und DJ Lee (von Timeless Recordings) zählen. Und demnach stellt sich auch die dritte gebündelte Herausforderung für Jan: “Eine Linie hereinzubringen, ohne daß sich alles gleich anhört. Ich wage es kaum auszusprechen, daß die Sachen denselben Vibe haben. Ein gutes Beispiel dafür sind V Recordings, aber die sind wirklich weit weg von allen anderen … In erster Linie wäre es mir wichtiger, den deutschen Markt auszubauen.” Wenn der Werbeetat stimmt, kann man jeden Scheiß verkaufen.

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Elektronische Lebensaspekte.