"Headz" ist ein japanisches Post-Technokollektiv um den sehr ernsthaft ego-losen Musikdiener Atsushi Sasaki, der Markus Popp und Carsten Nikolai für Techno-Pop hält. Mit Zeitschrift, Label und Konzert-Agentur suchen sie beständig nach den hübschesten Exemplaren an der Nahtstelle zwischen Musik und Nicht-Musik.
Text: Matthias Sohr aus De:Bug 70

Techno, Ideale und andere strategische Nischen
So machen das Headz in Tokyo

Kein Kochen mit The Sea and Cake, kein Wohnen mit Mouse on Mars. Doch Japaner lieben Deutschland und seine Bewohner. Ein nicht unerhebliches Maß an Autoritätshörigkeit und Minderwertigkeitskomplexen lässt die Insulaner immer wieder artig staunen über den rigorosen Hitler, blonde Berliner und diverse Körperteile größerer Dimension. Sugoi! Großartig auch die Auswahl vornehmlich deutscher Electronica im Virgin Megastore in Shinjuku, Tokyo. Dies lässt sich jedoch weniger auf (Kriegs)Mesalliancen zurückführen als vielmehr auf japanische Importwut und ein paar findige, engagierte Liebhaber.

Der Head von Headz
Atsushi Sasaki ist ein solcher Liebhaber, der in den letzten sieben Jahren acht andere Post-Technoide gesammelt und unter dem Namen “Headz” geeint hat, darunter Journalisten, Bürokräfte, einen Graphik-Designer und einen Übersetzer. Atsushi Sasaki: “Vor sieben Jahren begann Headz als Büro von Freelance-Autoren. Das frühe Mo’Wax brachte damals Compilations unter dem Namen “Headz” heraus. Es ging um Abstract Breakbeats, mit Elementen unterschiedlicher Stile. Alles mischte sich und passte trotzdem sehr gut zusammen. Das Gleiche wollte ich mit dem Büro Headz erreichen. Schon sehr bald interessierte mich Mo’Wax jedoch nicht mehr und jetzt ist es mir ein wenig peinlich, wie ich auf den Namen für das Büro gekommen bin. Heute sind die drei wichtigen Standbeine des Büros das Magazin ’Fader’, das 2003 gestartete Label und die Konzert-Promotion-Agentur.”
Vladislav Delay, seines Zeichens wahlblonder Wahlberliner, scheint am Tage des Interviews das aktuelle Objekt der musikalisch-entdeckerischen Begierde der Headz-Crew zu sein. Ein kurzer Text wird mir zu Beginn meines Interviews vorgelegt, offensichtlich Deutsch, Eloquenz-vortäuschendes-Gedankengewirr, das einen über seinen Major-Deal unzufriedenen Vladislav zu thematisieren scheint. Atsushi Sasaki, aber auch Hashim Bharoocha, Übersetzer und Dolmetscher im Headz-Office, sind enttäuscht, dass ich für sie keine konkreten Informationen über das Erscheinen des nächsten Delay-Albums herausfiltern kann. Denn Information ist Kapital.

Eine Nische für das Ideal
Ein Kapital, mit dem man sorgsam umgehen sollte, insbesondere wenn man eine durchaus verantwortungsvolle Position in der Information aufbereitenden Industrie besetzt? Atsushi Sasaki über das 6000 Auflagen-schwache Magazin “Fader”: “Außerhalb von ’Fader‘ schreibe ich allerdings auch Artikel mit einem persönlicheren Touch, aber hier schreiben wir in einer sehr ernsten Art und möchten nicht, dass der Journalist Protagonist des Artikels ist. Oft sind sogar die Musiker nicht besonders wichtig, wir möchten nur die Musik. Letztlich nähern wir uns der Musik mit einem äußerst standardisierten journalistischen Ansatz. Unsere Art zu schreiben ist sehr neutral. Natürlich bewerten wir schon allein durch unsere Auswahl. Mit Nachdruck: Die Musik, über die geschrieben wird, ist sehr interessant, nicht aber die HeadzCrew. ”
Ganz im Gegenteil, denkt der Pseudoprotagonist und Autor, streut selbstbewusst die Selbstauskunft des Realprotagonisten Atsushi Sasaki: “Ich begann als Filmkritiker, interviewte Schauspieler, schrieb meist theoretische Filmanalysen und versuchte, in neuen Begriffen zu denken. Diese Arbeitsweise übertrug ich auf Musik. Mehr und mehr sprach mich die Film-Journalismus-Industrie nicht mehr an und nachdem ich mein Büro eröffnet hatte, schrieb ich schließlich nur noch über Musik. Da ich schon seit 15 Jahren für viele japanische Magazine schreibe, dachte ich irgendwann darüber nach, wie ein ideales Magazin für mich aussehen würde. Japanische Journalisten schreiben allgemein gerne über Lifestyle, und wie dieser sich auswirkt auf die Musik. ’Fader’ richtet den Blick mehr auf die Musik selbst, wir fragen die Musiker, was sie über Musik denken und wie sie sie machen. Viele interessieren sich wirklich für den sowohl mentalen als auch physischen Entstehungsprozess von Musik. Daneben war mir bewusst, dass ich nicht in einer großen Agentur arbeiten möchte, dennoch mein Brot in dieser Branche verdienen wollen würde.” Ein wenig Profit durch das Magazin, mehr durch die Konzert-Promotion, zumindest keinen Verlust. Ein eigenes Büro und Magazin auf die Beine zu stellen, war also nicht die logische Schlussfolgerung für mehr Geld, aber für mehr Komfort, Inhalt, Kontrolle? “Ich treffe jedoch nicht alle Entscheidungen, Hashim Bharoocha und der Editor Nobuki Nishiyama steuern eine Menge von wichtigen Ideen für das Magazin bei. Mit Headz habe ich ein Werkzeug geschaffen, mit dem jeder seine Vorstellungen verwirklichen kann. Letztlich könnten mehr Projekte ohne meine direkte Beteiligung existieren als derzeit.”

Die Japanische Technofachzentrale
Abgesehen von Cappablack, einem HipHop-Projekt von Hashim Bharoocha, das hierzulande über die Staedtizism3Compilation bekannt ist, und dem obligatorischen DJing einiger Headz-Mitarbeiter existieren vielmehr einige Projekte Atsushi Sasakis ohne direkte Beteiligung des Headz-Büros. Vier Bücher hat er bereits in Japan veröffentlicht, jeweils zwei zu den Themen Film und Musik. Das nächste mit Kolumnen aus acht Jahren Schreibtätigkeit für die Zeitschrift “Switch”, genannt “Unknown Mix”, wird im Frühjahr erscheinen. In “Technoism-Materialism” verfolgte Atsushi Sasaki bereits die Spur des “Post-Techno” zurück zu seinen Wurzeln in Minimal Music oder früher elektronischer Musik, beschäftigte sich dabei ganz besonders mit der Verwandlung des ehemals imaginierten, komponierten Klangs am Computer formbares, produziertes Material. In “Ex-Music” behandelte er noch grundlegender den Begriff der Musik: Was ist Musik und was nicht? “Ich habe herausgefunden, dass ich immer angezogen wurde von der Musik, die gerade an dieser Grenze stand.” Ex-Music ist dann auch Hauptinhalt eines Seminares, das er neben zwei weiteren Lehraufträgen an der Musashino Art School in Tokyo hält. Neben dem allem plant Atsushi Sasaki auch noch seine eigenen Label. “Nach meinem ersten Lable ‘Meme’ habe ich ein weiteres persönliches, genannt ’Weather’, das ich mit der japanischen Plattenfirma ’P-Vine’ zusammen betreibe. Dort veröffentliche ich neuere japanische Bands. Es geht um Dinge, die ich einfach mag, von Post-Rock bis Pop. Das HeadzLabel wird dagegen eine richtige Independent-Plattenfirma werden. Ganz aktuell haben wir Thrill Jockey unter Vertrag genommen und veröffentlichen die letzte ’The Sea and Cake’- sowie die ’Brokeback’-Veröffentlichung in Japan. Außerdem haben wir Sonig lizensiert.
Mouse on Mars also, Headz erster “Big Bang”. “Damals waren wir der Meinung, dass diese Musik interessant sei. Deshalb brachten wir Mouse on Mars 1998 nach Japan, das erste Mal vollkommen unabhängig. Wir hatten kaum Erfahrung in Organisation und Durchführung von Konzerten, verwandelten ein Restaurant in Shibuya für eine Nacht in einen Club und ließen Mouse on Mars dort auftreten. Es war unglaublich erfolgreich, wahrscheinlich weil Deutschland und Japan ein ähnliches Verständnis von Techno-Pop haben. Die CD verkaufte sich danach um einiges besser. Ähnliches galt auch für Markus Popp und Carsten Nicolai.” Deutschland an vorderster Front? Das ist reiner Zufall, was die Nationalität betrifft. Viel eher besticht gutes Aussehen: Ekkehard Ehlers könnte eine Art neuer Jim O’Rourke werden. Sie sehen sich sehr ähnlich …

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.