Die Mitglieder der Band Apotheke sind schwul und haben sich in Berlin niedergelassen, um der strikten japanischen Gesellschaft zu entfliehen, die Homosexualität bis vor kurzem einfach ignoriert. Ein Gespräch über Clubkultur, Techno und den Girlie-DJ-Trend in Japan.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 138

Japan ist eines jener Länder, die nach einem vermeintlich langem Aufenthalt von einer Woche weit mehr Fragezeichen über eine Gesellschaft hinterlassen, als Erkenntnisse oder Offenbarungen. Das kulturelle Korsett ist im Vergleich zu Europa nicht nur viel strammer gespannt, auch werden Lebensaspekte wie Homosexualität, Clubkultur und Pop anders interpretiert und ausgelebt.

Das mag auf den ersten Blick nicht offensichtlich erscheinen, da Globalisierung und Netze an der Starbucks-Donalds-Oberfläche die Weltstädte kosmetisch gehörig nivelliert haben. Setzt man sich aber mit den jeweiligen Lebensräumen, Existenzen und Individualitätsverständnissen auseinander, so scheinen gerade die Schraffierungen und Unschärfen auf der transparenten Schablone interessant.

Apotheke ist eine zu Großteilen in Berlin ansässige J-Pop-Techno-Band. Für die Bandmitglieder war das freie Ausleben ihrer Homosexualität mit ein wichtiger Grund vom strengen Japan ins liberalere Europa zu ziehen, um nun mit ihrer knalligen Mixtur aus skillig-neobarocken J-Pop-Harmonien, stoischen Clubsounds und Performance gerade auch den in Japan zurückgelassenen Landsleuten zu zeigen, wie frei und sinnvoll ein schwules Leben sein kann, ohne sich alltäglich mit Ressentiments und Isolation auseinandersetzen zu müssen.

“Vor Berlin lebte ich zwei Jahre in London”, erklärt Ikku, DJ und einer der beiden Komponisten von Apotheke. “Erst dort hatte ich mein Coming Out, davor in Japan wusste ich nichts davon schwul zu sein. In London fing ich an auszugehen, mich frei zu fühlen. Es brauchte für mich den Punkt, zu sagen, ich kann trotz des Schwulseins ein stolzer Mensch sein. Das war in Europa für mich einfacher umzusetzen.

Bis vor kurzem gab es in Japan nicht mal den Faktor Homosexualität, man hat so weit gar nicht gedacht. Hier haben wir die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen und mit Apotheke wollen wir den Menschen in Japan mitteilen, dass so etwas möglich sein kann. Wie es ist, ein offenes, ehrliches Leben zu führen. Hier muss man nicht mal mehr Regenbögen an die Türen von Bars kleben, weil das Schwulsein viel besser akzeptiert und alltäglicher ist.”

Beatjuggler mit Cut-Platten
Neben Ikku sitzen Simplon (Komponist), Shingo (Sänger) und Nori (Konzepter und Manager) am Tisch, um die Eindrücke zu reflektieren, die wir zuvor in Japan gesammelt haben. Die Videos der Band, die überrissen, karikierend mit japanischen Kleidungstraditionen und Klischees hantieren wie Beatjuggler mit Cut-Platten, scheinen gegensätzlich zu der fast braven und lieben Erscheinung, die sie im Alltag zeigen. Geht es Apotheke also auch ums plakative Schocken? “Das schockiert in Japan total, aber das ist auch Teil des Konzepts. Von der Ferne kann man die Japaner schön ansticheln und ärgern”, kommentiert Simplon die Bandästhetik.

Wobei das Schockmoment auch ein Andocken an die dortige Aufmerksamkeitsökonomie zu sein scheint. Um tiefere Aussagen treffen zu können, bedarf man einer Aufmerksamkeit, die man vielleicht erst durch besonders grelle und krasse Bilder erzeugen kann. “In den japanischen Massenmedien ist es so, dass schwule Themen gerne ins Lächerliche oder ins Komische gezogen werden. Wir bekommen jetzt keine böswilligen Anfeindungen, aber wir sind auch keine Major-Top10-Band. Für japanische Frauen wäre es dennoch erschreckend, wenn ihr J-Pop-Idol auf einmal schwul wäre”, erklärt Nori.

Geschlechterrollen in Japan
Geschlechterrollen sind im Vergleich zu anderen Wohlstandsnationen noch immer restriktiv und konkret verteilt. Der Anteil an weiblichen Managern oder Politikern ist in keiner G8-Nation so gering wie hier, dennoch gibt es momentan in der Tokyoter Clubszene einen Boom an weiblichen DJs, der aber woanders begründet liegen mag als man zunächst denkt:

“Viele Frauen tun sich im Moment zusammen und gründen DJ-Crews und gestalten Clubabende, was auf der einen Seite natürlich gut ist. Es geht aber auch sehr viel um Style. Denn für Männer ist es schön anzuschauen, wenn zwei süße DJs in kurzen Röcken auflegen. Es geht mehr um Vibe und Fashion als um Musik. Und einige Frauen finden es auch spannender DJ zu werden als ‘nur’ gut aussehende Barhostess. Das klingt schlimm, aber viele Mädchen in der High School wollten bis vor kurzem entweder Schauspielerin oder Hostess werden und jetzt ist eben das DJing als Option hinzugekommen. Es wäre gelogen, wenn es dabei nicht auch um sexuelle Affekte gehen würde”, erklären die Jungs von Apotheke.

Solche Blüten mögen aber auch in der Clubkultur einer Gesellschaft selbst begründet liegen, denn Partysozialismus oder Feiern als liberaler Selbstzweck sind in Japan keine Parameter, nach denen man sich orientieren könnte. Clubben ist mehr oder minder ein Rich-Kid-Phänomen, der Eintritt für eine international gebuchte Veranstaltung kostet schnell 50 Euro.

“In den Tokyoter Clubs geht es viel steifer zu. Man redet kaum und tanzt auch sehr wenig im Vergleich zu Berlin, die Läden machen um vier zu. Die Infrastruktur am Wochenende ist auch ein Problem, da nachts keine Bahnen fahren. In Berlin ist die Bar, das Café vor der Tür oder der Club viel mehr eine Ausweitung des Wohn- und Lebensbereichs. Diese Kultur haben sich die Menschen hier einverleibt, wohingegen es sich in Japan die Leute stärker überlegen müssen, ob sie den Abend daheim verbringen, das viele Geld für einen Clubabend oder doch in etwas anderes investieren. Clubkultur ist da viel weiter von einem entfernt. Dafür basiert enorm viel auf Jugendkulturen wie dem J-Pop-Style”, erklärt Simplon.

Und auch wenn eine ganze Generation westlicher Musikproduzenten auf japanischen Maschinen spielt und produziert und die gesamte Initiierung dessen, was wir als elektronische Soundproduktion kennen, ohne 303, 909 und MK2 nicht auszudenken gewesen wäre, Produktionen aus Japan kennt man hier eher weniger. Selbst die Alben von Apotheke sind primär für den japanischen Markt bestimmt.

Ikku: Japan ist selber eine autonome hermetische Gesellschaft. Wenn wir über Clubmusik reden, ist es etwas anderes. Labels wie Mule haben als elektronisches Label ja auch eine internationale Perspektive und genießen hohes Ansehen. Aber bei Popmusik gibt es kein draußen, da ist es egal, ob Musik, die in Japan gut funktioniert, auch außerhalb Japans Erfolg hat. Da genügt sich der Markt, der da vorherrscht. Wenn du Franzose oder Deutscher bist, musst du immer nach UK oder USA schauen, wenn du auch finanziell erfolgreich sein möchtest. In Japan kannst du hingegen als J-Pop-Artist noch immer mit Plattenverkäufen Geld verdienen.

Nori: Der geografische Aspekt ist auch von Bedeutung. Eine Insel zu sein, bedeutet immer auch eigenständiger und gleichzeitig isolierter zu sein. Es wird auch viel importiert. An Musik und Filmen bekommt man fast alles in Japan. Dort gibt es mehr Jazzmusik als in den USA. J-Pop verwertet quasi alles, was es an Musik gibt, gerade von außerhalb.

Simplon: Es ist ein Schmelztiegel. Man hat sehr viele Informationen in Japan, die dort verarbeitet werden, aber nicht wieder heraustreten aus dem Land. Es ist im Konzept des Japaners verankert, nie sein Land zu verlassen, wenn es nicht sein muss. In den 90ern musste man nicht nach draußen gucken, oder sich mit anderen Kulturen auseinandersetzen, um die Dinge laufen zu lassen. Jetzt beginnen die Kids in Japan durch MySpace mit anderen Jugendlichen auf der Erde zu kommunizieren, aber das ist nur ein kleiner Teil der Gesellschaft. Es ist aber dennoch ein Wandel zu spüren, im Kleinen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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