Der japanische Regisseur Kiyoshi Kurosawa brachte 1997 mit "Cure" den vielleicht besten Vertreter des so genannten "J-Horrors" auf die Leinwände der hiesigen Programmkinos. Sein jüngster Film "Tokyo Sonata" scheint auf dem ersten Blick ein Gegenentwurf zum hypnotischen Suspense des Klassikers, aber auch nur auf dem ersten Blick. Ein Portrait.
Text: Sulgi Lie aus De:Bug 138

Der japanische Horrorfilm der letzten Jahre scheint eine besondere Vorliebe für den Schrecken des Medialen zu haben. Seien es die Videotapes in der ”Ringu“-Reihe oder die Handyanrufe in Takashi Miikes ”The Call“ – der Horror entspringt dem unheimlichen Eigenleben technischer Medien, das sich jeder Kontrolle durch den User entzieht.

Die Logik dieses technologischen Horrors funktioniert immer nach dem Prinzip der Ansteckung: Wer einmal mit dem viralen Medium in Berührung kommt, kann in der Regel dem Tod nicht entkommen. Mit ”Cure“ (1997) von Kiyoshi Kurosawa wird einer der besten Filme des so genannten ”J-Horrors“ auf DVD wieder veröffentlicht und obwohl der Film schon einige Jahre auf dem Buckel hat, wirkt er frischer als alle mäßigen Hollywood-Remakes, die im Gefolge der ersten Erfolgswelle des Genres entstanden sind. ”Cure“ ist zugleich der Film, der Kiyoshi Kuroswa international bekannt gemacht und in die erste Liga des japanischen Gegenwartskinos katapultiert hat.

Verschwindende Vermittler, Psychoduelle
Der Film beginnt wie eine weitere Variante des in den 90ern populären Serienkillerfilms, enttäuscht aber gleich die detektivische ”Whodunit“-Erwartung des Zuschauers: Takabe Kenichi (gespielt von Kurosawa-Regular Koji Yakusho) untersucht eine Reihe von Ritualmorden, bei denen den Opfern immer ein X in die Brust geritzt wurde. Die jeweiligen Täter gestehen zwar immer ihre Tat, können sich aber an ihr Motiv nicht mehr erinnern.

Die einzige Gemeinsamkeit zwischen den Morden ist, dass alle Täter einem mysteriösen jungen Mann namens Mamiya (Masato Hagiwara) begegnet sind, der selber unter einer schweren Form von Amnesie zu leiden scheint. Kenichi findet heraus, dass Mamiya durch Hypnose in die Psyche seiner Opfer eindringt und sie so zu den Morden zwingt. Als ehemaliger Psychologiestudent hat er sich intensiv mit dem Mesmerismus des 19. Jahrhunderts befasst. Es kommt zu einem Psychoduell zwischen Mamiya und Kenichi, der als einziger gegen die hypnotischen Suggestionen immun zu sein scheint.

Mamiya gehört zu den unheimlichsten Psychopathen der Filmgeschichte, gerade weil er völlig unbestimmt und leer ist. Als ein Mensch ohne Geschichte, Erinnerung und Intentionen ist er selbst die Verkörperung jenes X als der Signatur des Unbekannten. Genau durch dieses Fehlen einer Ich-Identität ist Mamiya nicht nur Gestalt eines absolut Bösen, sondern auch ein perfektes Medium im Sinne eines Übertragungskanals – nicht zufällig wird ja auch eine Person mit übersinnlichen Fähigkeiten als Medium bezeichnet.

So funktioniert Mamiya in den hypnotischen Séancen als ein reines Übertragungsmedium, das den Opfern erlaubt, ihr abgründiges Begehren Wirklichkeit werden zu lassen. So sieht sich auch Kenichi mit seinen verdrängten Mordwünschen gegenüber seiner psychisch kranken Frau konfrontiert, die er bislang mit größter Fürsorge gepflegt hat. Mamiya als Medium ist der ”verschwindende Vermittler“, der einem unsichtbaren Phantom gleicht und selbst keine Spuren hinterlässt.

”Cure“ ist nicht zuletzt in seiner ausgefeilten Soundspur, durch das fortwährend ein David Lynch-haftes Rauschen wummert, ganz ein Film solcher Übertragungen, Ansteckungen und Mediatisierungen. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass der Film eine gemeinsame Mediengeschichte von Kino und Hypnose entwirft: Im Rahmen seiner Untersuchung stößt Kenichi auf die Filmaufzeichnung einer der ersten Hypnosetherapien in Japan, die zeitlich mit der Erfindung des Kinos zusammenfällt.

Die hypnotisierte Frau wurde daraufhin zur Mörderin und Mamiya, so wird vermutet, muss diesen Film gesehen haben. Das Kino als eine Hypnosemaschine: So wie Mamiya seine Opfer mit dem Licht eines Feuerzeugs hypnotisiert, wird der Kinozuschauer durch den Bannstrahl der Leinwand paralysiert – aber auch therapiert, indem er seine Affekte nach außen projizieren kann. ”Cure“ hält die doppelbödige mediale Verwandtschaft von Kino und Hypnose bewusst ambivalent.

So lässt der zweideutige Schluss des Films offen, ob Kenichi nun von seinen inneren Dämonen geheilt ist, oder ob er selbst zu einem zweiten Mamiya geworden ist.

Krise kompensieren, schöner Scheitern
Mit seinem jüngsten Film ”Tokyo Sonata“ beweist Kurosawa auch jenseits des Horrorgenres mit Überzeugungskraft, die sich nach der Premiere in Cannes letzten Jahres nun auf dem verdienstvollen Schweizer Label ”trigon-film“ auf DVD voll entfalten kann. Außer den klar komponierten, aufgeräumten Bildern hat ”Tokyo Sonata“ mit ”Cure“ auf den ersten Blick wenig gemeinsam: Der Film erzählt in leiser, unspektakulärer Manier von dem langsamen Zerfall einer Familie.

Mit der Entlassung des Vaters Ryuhei (Teriyuki Kagawa) aus seinem gut bezahlten Angestelltenjob beginnt die Krise der Sasaskis. Da Ryuhei den Verlust seiner Ehre fürchtet, verschweigt er seine Arbeitslosigkeit vor seiner Frau und seinen Kindern, täuscht aber jeden Tag vor, dass er wie gewöhnlich zu seiner Arbeit fahre. Bekräftigt wird er dabei von einem alten Freund, dem dasselbe Schicksal widerfahren ist, aber aus Angst vor einem Gesichtsverlust sogar Anrufe auf sein Handy simuliert.

Während Ryuheis täglich zum Arbeitsamt und zu den Armenspeisen fährt, häufen sich die Probleme daheim. Sein ältester Sohn Taka will plötzlich der US-Army beitreten und der jüngere Kenji nimmt gegen seines Vaters Willen heimlich Klavierstunden. Als Mutter versucht Megumi (Kyoko Koizumi) hilflos zwischen den Wünschen der Kinder und den Wutausbrüchen von Ryuhei zu vermitteln, der sein berufliches Scheitern mit einer übertriebenen patriarchalen Autorität zu kompensieren versucht. Diese Lüge lässt sich auf Dauer nicht aufrechterhalten.

”Tokyo Sonata“ ist Kurosawas Version eines ”Shomingeki“, jenes urjapanischen Genre des Familienportraits, das von Yasujiro Ozu und Mikio Naruse in Perfektion kultiviert wurde. Wie schon bei den Altmeistern wird in der geduldigen Beobachtung des familiären Mikrokosmos der Blick in den Makrokosmos der japanischen Gesellschaft sichtbar: Ryuhei, dessen Arbeitsplatz durch die billigere Konkurrenz aus China wegrationalisiert wird.

Sein Sohn, der den “I want you in the army!”–Ruf für bare Bünze nimmt und schließlich Megumi, die sich trotz innerem Widerstands der traditionellen Rolle der unterwürfigen Hausfrau fügt. Alle Figuren sind dabei in ihrer eigenen Isolation gefangen und unfähig sich mitzuteilen. Die Familie ist nicht länger der Ort, an dem Emotionen geteilt werden können. Kurosawa findet für diese Einsamkeit behutsam schöne Bilder, vor allem in den in sich gekehrten Gesichtern der Protagonisten, die wie absorbiert von ihren Innenwelten erscheinen.

Die wohltemperierte Melancholie von ”Tokyo Sonata“ gerät gegen Ende aus dem Takt: Als Megumi von einem verwirrten Einbrecher gekidnappt wird, überschlägt sich mit den Ereignissen auch der Stil des Films. Abrupte Flashbacks und unmarkierte Traumsequenzen rufen plötzlich Erinnerungen an ”Cure“ wach und vielleicht lässt sich das wunderbare Ende des Films auch als Reminiszenz an das Hypnose-Motiv von ”Cure“ verstehen: Kenji hat sich seinen Wunsch erfüllt und wird zur Aufnahmeprüfung für das Musikkonservatorium zugelassen.

Entgegen der filmischen Konvention, Musikstücke nur häppchenweise in kleinen Portionen zu servieren, lässt Kurosawa das berühmte ”Clair de Lune“ aus Debussys ”Suite Bergamasque“ ganz ausspielen. Während Debussys luzide Klänge zu hören sind, erscheinen immer wieder die bewegten Gesichter von Ryuhei und Megumi, die von der Schönheit des Klavierspiels ganz absorbiert sind. Die hypnotische Wirkung der Musik setzt Affekte frei, die unter gesellschaftlichen Zwängen nicht gelebt werden konnten. So endet ”Tokyo Sonate“ mit der sprachlosen Versöhnung der Familie als einer Utopie der Kunst, die das erstarrte Leben wieder zum Leben erweckt.

”Cure“ ist Ende 2009 als DVD bei AV Visione erschienen, ”Tokyo Sonata“ bei trigon-film.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response