Toiletten-Bau ist in Japan mehr und mehr Arbeit für Computerspezialisten. Könnten Ärsche sehen, würden sie spätestens beim Ánblick dieser HiTech-Ungetüme erblinden.
Text: bleed aus De:Bug 80

Japanische HiTech-Toiletten

Eines der merkwürdigsten Themen im gesamten Feld “Japan = Hitech” ist mit Sicherheit die Toilette. Es gibt ganze Bände im Netz, wie man als sich als Ausländer einer japanischen Toilette ehrenhaft und würdevoll zu nähern hat. Geht man davon aus, dass die übliche Sicht eines Europäers auf Japan die ist, dass Japan das Land der Gadgets ist, dann ist die Toilette aber nicht nur ein weiteres unter den endlosen Gadgets. Die Toilette ist das Gadget per se. Gadgets hatten schon immer eine merkwürdige Anal-Fixierung zur Folge, sind eigentlich der klassische Toilettenhumor für Nerds. Was liegt also näher – und wir verstehen das bestimmt nicht als Witz, oder als despektierlich -, als die japanische Toilette näher unter die Lupe zu nehmen.

Wie in allen asiatischen Ländern begann die Geschichte der Toilette in Japan auch auf dem Fußboden. Es gibt sie immer noch, aber außer dem (eher misslungenen) Versuch, eine Art integriertes Bidet einzubauen, hat sich da nie was getan, und bevor jemand den Eindruck bekommt, das Japan nicht das Land der Hi-Tech-Toilette schlechthin ist, kommen wir lieber schnell zum Standard, dem Washlet, und dem anderen merkwürdigen Fakt zu japanischen Toiletten. Es gibt in Japan eine Art Quasi-Toiletten-Monopol. So selbstverständlich wie auf dem Rechner Microsoft ist auf der japanischen Toilette TOTO. Inax wären dann sowas wie Apple. Eine Weile machte sogar die Geschichte von den Toilet-Wars die Runde. Aber TOTO gehört auch das Trademark auf den Washlet-Namen. Washlets sind Toiletten, die einen von unten mit einem Strahl warmen Wassers den Po reinigen. In Japan gibt es mittlerweile mehr dieser Toiletten als Computer, das einzige elektronische Gadget, was wohl noch weiter verbreitet sein dürfte, ist das Handy. TOTO begann den Feldzug der Analhygiene 1980 mit der legendären Washlet G Serie und ist seitdem nicht mehr aufzuhalten.

Fundamental betrachtet ist es vor allem der Sitz der Toilette, der von Produktzyklus zu Produktzyklus immer mehr erweitert wird und auch Träger des bei Ausländern immer wieder mit Staunen und nassen Füßen betrachteten kleinen Wasserspenders ist. An dem befinden sich dann auch meist die weiteren Bedienungselemente der Toilette für – mittlerweile gang und gäbe – Sitzheizung, Trockengebläse, Abzug, Massageoptionen, automatische Klodeckelöffnung, und, wohl das komplexteste Thema: Wasserstrahleinstellungen (Puls-Frequenz des Wasserstrahls, Wasserdruck, Seifenzufuhr, Winkel, Temperatur, von vorne oder von hinten). Der Wasserstrahleinstellung galt lange Zeit das Hauptaugenmerk der japanischen Washletingenieure. Aus dem Steuerungsinstrument entwickelte sich relativ schnell eine Kommandozentrale für den ganzen Toilettenraum. Heizung, Aircondition (die gibt’s in teureren Modellen auch gleich integriert) usw. Seit einiger Zeit (denn die Panels zur Bedienung werden, je mehr Funktionen hinzukommen, immer größer) findet man die Bedienungselemente auch immer mehr auf einer eigenen Fernbedienung, oder man baut sie gleich in die Wand ein, wo sie langsam zu eine Art lokalem Homeentertainment Center weiterentwickelt werden. Wer einmal vor einem solchen Panel gestanden hat, der dürfte eine Erleuchtung gehabt haben, denn so komplex hatte man sich das kleine und große Geschäft eigentlich nie vorstellen können. Eigenwilligste Symbole und unerklärliche Zeichen, bis zu 50 verschiedene Knöpfe allein für die Toiletteneinstellungen. Was die vielen Zahlen auf den oft ziemlich großen LED-Screens bedeuten sollen, kann man nur mutmaßen, aber bestätigt sind Benutzerhäufigkeiten und diverse User-Presets. Nachdem Toiletten also mittlerweile zu einem echt stromfressenden Ungetüm geworden sind – und eigentlich scheut man ja vor Strom in Toiletten etwas zurück – kam Toto Anfang letzten Jahres endlich auf die geniale Idee, einen so genannten hydroelektrischen Konverter in Toiletten einzubauen, der die Energie des kleinen Wasserfalls in der Toilette nutzt, um die eigene Batterie aufzuladen. Ein Kraftwerk im Klo. Klar, logisch. Aber nicht einfach auf brutale Gewalt hin produziert, sondern auch hier wieder mit technologischen Raffinessen, die jeden Grünen bleich werden lassen dürften. Die Batterie hält 10 Jahre, und falls man vergessen sollte abzuziehen, übernimmt der Konverter. Klar, das tun viele Toiletten in Japan, die öffnen sich ja auch gelegentlich, wenn man sich ihnen nähert, nein, sie berechnen auch die benötigte Wassermenge, damit nu ja nicht mit Energie geaast wird.
(Und dann gibt’s da noch diese hyperoxidierenden Deodorants, die jeden kleinen Stinkpartikel in feinstem Sauerstoff verbrennen …)

Zurück zum Thema. Im Zuge einer technologischen Komplettsanierung des japanischen Gesundheitsalltags durfte natürlich auch die Toilette nicht hinten anstehen. Von der puls-, atem- und schnarchmessenden Futon-Unterlage über die zahllosen Handyapplikationen mit heißem Draht zum Doktor betrachtet man durchaus TOTOs für 1006 anvisierte Health-Toilette als einen integralen Bestandteil dieser vernetzten Welt des automatischen Gesundens. Die analysiert nämlich diverse Werte im Urin und gibt sie ans Handy weiter, das dann den Arzt informiert. Und falls man zu alt ist, um da noch hinzukommen: Es gibt spezielle Fasteject-Toilettensitze für die Generation, die Probleme damit hat. Aber je mehr Früherkennung, desto weniger Krankheiten, dachten sich die Ingenieure, und Blutdruck-, Gewicht-, Körperfettmessungen etc. sind seit einer Weile ebenso auf der Toilette möglich, wie das Ding selbst bei Stromausfall zu finden, weil ja die Brille im Dunkel leuchtet. Mit einem lauten Gebrüll auf allen Gadgetseiten würde auch die Integration eines MP3 Players in das neuste TOTO Modell bedacht, mit austauschbaren SD Disks und diversem anderen Schnickschnack (nein, leider Stereo, nicht Surround). Dabei sind Soundtracks in Toiletten schon längst einer der Renner. Am beliebtesten: Wasserrauschen, Vögelpiepsen, Harfe, alles, was einen mitten im Technooverloadklo an die Natur erinnert, denn wo sonst wenn nicht auf der japanischen Toilette fallen Nerdtum und Gadgetwahn, Natürlichkeit und Frieden so sehr in eins zusammen, dass man manchmal das Gefühl bekommen kann, man wäre vor seinen Schöpfer getreten. (Für die amerikanische Ausgabe der Washlets, für die vor kurzem erst der massivste Werbefeldzug der Toilettenindustrie gestartet wurde, munkelt man von einem integrierten Bibel-eBook).

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Elektronische Lebensaspekte.