Stefan Biedermann, langjähriger Tokioter und Autor diverser Japanbücher, klärt unsere bange Frage auf, wie sehr wir unseren Vorurteilen zu Japan ausgeliefert sind. Oder haben japanische Altenheime wirklich einen Batteriegodzilla im Foyer stehen?
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 55

Auf den Spuren eines Klischees
Warum denkt man bei Robotern eigentlich immer an Japan?

DeBug: Welche Bedeutung haben Roboter in Japan?

Biedermann: Für die Autoindustrie sind sie das Größte überhaupt. Für normale Leute sind sie eine Investition, an der man vielleicht schon übernächstes Jahr nicht mehr vorbei kommt. Jeder will einen kleinen elektrischen Hund haben, aber erst, wenn die Nachbarn auch einen haben. Tomoko hält die neuen Robotertiere nur noch für “kawaii”, was mit “süß, noch nicht pink genug” übersetzt wäre.

DeBug: Wenn man an elektronischen Lifestyle denkt, kommt einem sofort Japan in den Sinn. Warum ist das Verhältnis der Japaner zu elektronischen Gadgets eigentlich so besonders? Und hat man in Japan eine besondere Beziehung zur Zukunft?

Biedermann: Japaner spielen gern, und sie haben kein schlechtes Gewissen dabei. Die Pachinko-Industrie setzt im Jahr mehr Geld um als die Auto-Industrie. Neue Spielzeuge werden freudig begrüßt, eifrig ausprobiert, mit Leidenschaft perfektioniert und dann für noch neuere weggeschmissen. Spielen wird schöner, wenn es von selber geht und bunter und lauter und schneller. In Japan lebt man vorzugsweise in der Gegenwart. Liegt es daran, dass man auf einem Vulkan wohnt? Jeden Tag kann ein Geysir durchstoßen, wo man heute noch seine Hütte hat. Jeden Tag kann ein Erdbeben das Appartement zertrümmern. Jeden Tag ein Taifun es hinwegfegen. Ein Erdrutsch es mitnehmen. Soll heißen: Seit man auf diesen Inseln wohnt, denkt man lieber an heute als an morgen. Schließt aber nicht aus, dass man zum Wahrsager geht, wenn man wissen will, wie es weitergeht.

DeBug: In Deutschland, naja, eigentlich in der ganzen westlichen Welt, überfordert man Technologie immer mit einem großen Berg von Befürchtungen und/oder utopischen Projektionen. Entweder machen die Maschinen den Menschen bedrohliche Konkurrenz oder sie zaubern alles zum Guten. Wie ist die Einstellung in Japan? Wovor hat man in Japan keine Angst und warum nicht?

Biedermann: In Japan verdrängen die Maschinen den Menschen, machen ihm Konkurrenz und zaubern alles zum Guten. Man hält sie für eine Naturerscheinung, mit der man sich arrangiert. Wovor man in Japan keine Angst hat, ist schwer zu sagen, weil man davor ja keine Angst hat. In Japan hat man aber z.B. keine Angst vor Betrunkenen. Oder vor Völlegefühl. Auch nicht davor, in einer Talkshow neben einer Pornodarstellerin zu sitzen. Auch nicht vor Gott.

DeBug: Eine Japan-Dokumentation erklärte der DeBug neulich, dass auch Japan eine Schrumpfung der einheimischen Bevölkerung durch Geburtenrückgang erlebt, aber im Gegensatz zu Deutschland, das jetzt doch ein Einwanderungsland werden will, auf Maschinen setzt statt Einwanderer. Zieht man wirklich Maschinen gegenüber Migranten vor, warum?

Biedermann: Weil sie leichter japanisch lernen. Jedenfalls wenn sie von Apple gebaut werden. Und der Verfasser der angesprochenen Japan-Dokumentation muss für seine These ausgepeitscht werden. Neunschwänzig, auf die Fußsohlen. Für den Blödsinn.

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Elektronische Lebensaspekte.