Am Computer allein, auf der Bühne als Sextett. Auf "Cicadidae", dem mittlerweile vierten Album des Karlsruher Projekts Kammerflimmer Kollektief, entscheidet sich Thomas Weber mit seiner Mischung aus Free Jazz und Electronica einmal mehr zwischen Diskurs und Aura und schlägt dabei eine Brücke von Carla Bley bis zu Annette Peacock, der Pionierin der Live-Elektronik im Jazz.
Text: Tim Stüttgen aus De:Bug 71

Wenn Worte vor Tönen verblassen

Beim Kammerflimmer Kollektief droppten Diskursmaschinen die Worte Postrock und Indiejazz, um eine neue Fusion von Elektronika und Live-Improvisation in Worte zu fassen. Es bedurfte eines Begriffes, als der nach Neuem suchende Indie-Head und der aufgeschlossene Elektroniker durch das Karlsruher Projekt ein Modul für die Techniken von Freejazz gefunden hatten. Live als Sextett und vor dem Computer alleine, gelang dem Kollektief eine feine Kulmination, die für Schräubchendreher Thomas Weber lieber ohne Begriffe auskommt: ”Die Begriffe interessieren mich eigentlich gar nicht. Sicher habe ich Ideen, was ich machen will, aber das formt sich im Kopf ja nicht in Begriffen oder Sprachlichkeiten. Ich würde hier gerne zwischen diskursiver und auratischer Musik unterscheiden und das Kollektief auf letztere beziehen.“ Also ab ins Meditative, ins Innige, ins Geheimnisvolle? ”Cicadidae“ heißt das vierte Album der Band, das sich im romantischem Duktus ein Stück von seinen Vorgängern abgewandt hat.

Die Musik: Es schwurbelt und mäandert, Becken werden gestreichelt, Atmosphären werden filmisch. ”Wann wurde es eigentlich Nacht?“, fragt Diethmar Dath in den Linernotes, eine Frage, die sich auch auf die Jahreszeiten überträgt, besitzt der Flimmersound doch genau so viel Herbstmelancholie wie Sommermilde. Eine Möglichkeit zur Verschmelzung: Durch die Sänfte des immer offenen Soundspaces bekommen Genres die Chance zur Vermischung, verweben sich Formate, fließt bitter goldener Honig. Irgendetwas funktioniert, kein strenges Konzept wird vorneweg getragen. Doch auch im wortlosen Freispiel der grazilen Arrangements ragt ein Wort heraus. ”Blood“. Annette Peacock hat das Stück geschrieben, welches vom Kollektief in respektvollem Gestus für nur knapp eine Minute gestreichelt wird. Großes Drama, ganz bescheiden. Also doch ein Verweis, eine Respektbekundung, eine offensichtliche Connection zwischen dem sonst so verborgen liegenden Referenzklangwald, der in ”Cicadidae“ ruht? ”Das Stück von Annette Peacock ist schon ein Statement. Es lohnt sich, da zu forschen. Die restlichen Referenzen muss man nicht erkennen. Den Sport kann man natürlich machen, aber man muss nicht. Alles eher sekundär“, meint der Kapellmeister. Die Komponistin Peacock ist in avancierten Jazz-Kreisen für ihre Freeform-Balladen legendär. Vorwiegend sind es langsame, dehnbare Stücke, die sie schreibt, mit klaren Melodiebögen und Raum für jeden einzelnen Ton. Gleichwohl ließ eine reduzierte Grazie dabei Freiheit für jeden agierenden Musiker. Vielleicht ein Symbol, diese Frau, für das Verhältnis zwischen demokratischer Instrumental-Improvisation und in sich gekehrtem PC-Komponieren, das bei Kammerflimmer seinen Frieden findet? ”Ja, auch“, meint Weber, obwohl er mit ”Kontrolle“ nichts anfangen kann. ”Der wichtige Moment ist halt, dass die Musik selbst irgendwann arbeitet.“
Diese Arbeit hat weit über ein Jahr gedauert. Zu vieles musste erst erspürt, gespielt, gehört und überdacht werden. Nicht unbewusst, nicht zu bewusst, eher wie ein Spaziergang, bei dem Konzentration und Traumwandelei Hand in Hand gehen: ”Aber nicht, dass man das Haus verlässt und beim Bäcker steht, sondern als Umweg, dass man aus der Haustür rausgeht, das Haus hinter einem abbrennt, in ein Loch reinfällt, da raus krabbelt und dann über zwei Berge muss. In der Art …“, zitiert Weber eine andere weiße Jazz-Komponistin namens Carla Bley, bevor mein Aufnahmegerät ausläuft. Was bleibt, ist die Musik.

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Elektronische Lebensaspekte.