Früher war sie mal als What?What? mit Natural Resource, The Herbaliser und Tek 9 unterwegs. Seit ein paar Jahren nennt sie sich Jean Grae und ist eine der talentiertesten und besten unabhängigen New Yorker MCs. Gerade ist ihr zweites Album "This Week" erschienen.
Text: Clara Völker aus De:Bug 87

Hardcore mit Humor
Jean Grae

Die Gegend, in der Jean Grae momentan zu Hause ist, liegt etwas ab vom Schuss. Bushwick in Brooklyn war früher mal ein Industriegebiet, mittlerweile ziehen die Räume in und um die altertümlichen Fabriken aufgrund der für New York billigen Mieten Künstler an. Kein Wunder, denn der spröde Charme hat was. Jean Grae hat mehr als das. Allerdings ist sie eine derjenigen MCs, die zwar sehr lange dabei und sehr gut sind, vom kommerziellen Erfolg aber weitgehend ausgeschlossen bleiben. Es sei mal dahingestellt, ob das mehr an ihrer offenherzigen Rap-Art liegt oder ihrem natürlichen Auftreten, das sie abseits gängiger Kategorien stellt. “Es ist für jeden Künstler schwierig, der keiner Formel folgt und nicht das macht, was man von ihm erwartet. Bei Frauen ist es halt so: Sex sells. Nicht nur im Rap, sondern generell in den Medien, im Fernsehen, in der Werbung. Wenn du das nicht direkt anbietest, verwirrt das die Leute, die Verantwortlichen wissen dann nicht, wie sie dich verkaufen sollen. Dass es über die Musik gehen könnte, sehen die Leute nicht, obwohl es doch so offensichtlich ist.“ Ihren Namen hat Jean Grae aus einem X-Men-Comic, ihr Alias als Produzentin war Run Run Shaw, Kung-Fu-inspiriert und bewusst als “weder männlicher noch weiblicher, sondern neutraler Name“ gewählt.

Jean Grae ist Hardcore, hat frischen Flow, einen eigenen Kopf, sowohl sensible und intelligente als auch Party-Texte, und das, was vielen Rappern definitiv fehlt: Humor. Eine unschlagbare Kombination, die man schon auf ihrem ersten, relativ persönlichen Album “The Attack Of The Attacking Things. The Dirty Mixes“ hören konnte. Mittlerweile ist sie bei Babygrande untergekommen, einem vergleichsweise großen Label, bei dem man sich wünschen würde, dass die Promowelle so angekurbelt wird, dass nicht nur HipHop-Insider ihre Tracks zu Ohren bekommen. Dummerweise bleibt es aber, wie es ist: Nach außen dringen weitgehend die üblichen HipHop-Sternchen sowie ab und an mal einer ihrer Protegés und markieren damit eine Sorte HipHop, die Jean Graes Style nur unvollständig widerspiegelt. Klar, auch sie hat eine eher bouncige Seite, aber eben nicht nur. Musik ist für sie keine berechenbare und vorhersehbare Formel, in die man sich reinzwängt, sondern emotionale Notwendigkeit, Freude und ein Lebenssinn. “Ich kann mich von meiner Musik nicht distanzieren, weil es kein Leben außerhalb gibt, für das ich Zeit hätte. Alles, was ich erlebe und durchlebe, fließt hinein.“
Jean Grae ist noch nie auf Schmusekurs mit dem Musikbusiness gegangen, im Blick hat sie nicht kurzweilige Hits, sondern eine längerfristige musikalische Laufbahn und Entwicklung. Und nein, es ist nicht so, dass “Independent-Artists“ keinen Spaß haben können und kein Geld verdienen wollen, dieses Missverständnis sollte man endgültig vom Tisch räumen, denn hier ist das Finanzielle einfach nicht höchste Priorität, und Spaß kann viele Formen haben. “Ich bin kein Fan von Musik, die als Underground betrachtet wird und einfach ziemlich nackt und kalt ist. So: ‘Ich habe diese großen Worte und ein paar Bücher gelesen. Und du kannst dazu nicht tanzen, weil du es nicht sollst. Tanz nicht! Hab keinen Spaß! Lies dein Buch! Sitz still!’“

EIN HUNGRIGER MC
Jean Graes Album ist soeben erschienen und ihr Releasekonzert in New York, bei dem sie angelehnt an die Fugees-Reunion eine kleine Natural-Resource-Reunion neben einer Side-Performance mit Talib Kweli und ein paar Freudentränen aus dem Ärmel bzw. den Augen schüttelte, liegt gerade zwei Tage zurück. Zum Interview im Studio ihrer Homies kommt sie von einem Fototermin, am nächsten Tag geht’s nach L.A.. Pausen bleiben also nicht viele, und irgendwie hat sie an diesem Tag länger nicht die Gelegenheit gehabt zu essen, woraufhin sich ihr Magen mit lautstarkem Knurren beschwert und sie mit Scherzen reagiert. Nachdem sie sich irgendwann dann doch ein Sandwich geholt und neben einem Plakat posiert hat, erzählt sie: “Ich bin zu der Überzeugung gekommen, das es bei der meisten Musik nicht wirklich um Musik geht, es geht um Geld, das die Hände wechselt, und darum, wen du kennst und wen du kennst, der jemand anderen kennt. Geld und Gefallen. Da wir kein solches Backup haben, mache ich, wenn ich keine Spins bekomme, eben alles andere, das möglich ist, um rauszukommen“, beispielsweise Mixtapes. Ihr neues Album “This Week“ klingt von den Beats her wesentlich sauberer als ihr erstes, manchmal bekommt man das Gefühl, dass eine kratzigere Produktion besser gepasst hätte. Woran liegt der Wandel? “Das erste Album habe ich im Grunde im Pyjama und ohne Socken mit ProTools bei mir zu Hause aufgenommen. Es war unmöglich, etwas Geld für die Produktion zu bekommen. Das Einzige, was ich anbieten konnte, war also ein Cheeseburger oder ein Mittagessen. Jeder hat so ziemlich für den Respekt gearbeitet, von Mr. Len zu den Beatminerz zu Masta Ace. Bei diesem Album war das Ganze nicht ganz so persönlich für mich. Es sind einige Jahre vergangen, ich bin etwas gereift, das Business lässt dich definitiv schneller aufwachsen, als du dachtest, dass du es müsstest, du lernst eine Menge. Ich hätte es gerne gehabt, wenn das letzte Album clean geklungen hätte, aber wir hatten kein Geld, um ins Studio zu gehen und es mischen zu lassen.“ Auf der neuen Platte sind kaum Features zu hören, nicht weil Jean Grae die nicht zu schätzen weiß, immerhin ist sie nicht nur auf dem neuen Album von Talib Kweli, dem Okayplayer-Sampler, bei Masta Ace, Mr. Len etc. (diese Liste wäre fast endlos) als Gast-MC zu hören, sondern um das Ganze nicht wie eine Compilation klingen zu lassen.
Zu ihrem Geburtsland Südafrika hat Jean Grae einen engen Bezug, da dort Teile ihrer Familie wohnen und sie findet, dass “man seine Geschichte kennen und seinen Vorfahren Respekt zollen muss“. Sie wuchs mit einem Bruder und Musikern als Eltern in New York auf, ihr Vater ist der Jazz-Pianist Dollar Brand, ihre Mutter Sathima Bea Benjamin ist Sängerin. Musik war folglich recht präsent im Hause Ibrahim, Jean Grae war jüngstes Mitglied der berühmten Alvin Alley Dance Company und hatte schon immer ein Faible nicht nur für Musik, sondern für Sprache und fürs Schreiben: “Rap ist für mich eigentlich sekundär. Ich mag es zu schreiben, mit Worten zu spielen. Ich mag Sprache.“ Dementsprechend liest sie gerne und mag dabei “jeden, der keine Angst hat, über sich selbst zu lachen, verletzlich zu sein und eine Geschichte erzählen zu können.“

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Elektronische Lebensaspekte.