Jean Jacques Perrey ist einer der unbestrittenen Pioniere der elektronischen Musik. Ein Avantgardist mit Sinn für Albernheiten. Spätestens seit sein Stück "E.V.A." von Fatboy Slim remixt wurde, ist er wieder in aller Munde. Mit 76 Jahren veröffentlicht Perrey ein neues Album.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 99


Elektronik, die Laune macht
Jean Jacques Perrey

Debug: 1953 Jahre wurde aus dem Medizin-Studenten Perrey ein Handelsvertreter für die Ondioline, einer Frühform des Synthesizers, entwickelt von Georges Jenny. Ein drastischer Schritt. Wie kann so etwas passieren?

Perrey: Ganz einfach, man muss die Ondioline im Radio hören und gleichzeitig merken, dass man dem Medizin-Studium nicht gewachsen ist. Wir obduzierten an der Universität zu diesem Zeitpunkt Leichen und ich fiel regelmäßig in Ohnmacht. Ich hörte ein Konzert auf Radio France, bei dem die Ondioline verwendet wurde. Ich war fasziniert von den neuen Klängen, die dieses Gerät produzieren konnte. Also rief ich im Sender an und bekam schließlich die Nummer von Jenny. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir bereits das Klavierspielen beigebracht, Noten konnte ich allerdings nicht lesen. Herr Jenny gab mir eine Ondioline. Ein halbes Jahr später besuchte ich ihn wieder und spielte für ihn. Die linke Hand am Klavier, die rechte Hand an der Ondioline. Diese Kombination hatte Jenny bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehört und er stellte mich als Vorführer ein. In den kommenden Jahren reiste ich dann über die Musikmessen in Europa und stellte das neue Instrument vor. Meine kleinen Konzerte waren offenbar genau richtig, denn Herr Jenny in Paris bekam viele Aufträge für das Instrument, er kam kaum hinterher und musste Leute einstellen, um die Aufträge zu bewältigen …

Debug: Sie spielten bald Ondioline für Charles Trenet und auch Edith Piaf. Wie kam es, dass sich so berühmte Musiker für dieses kleine neue Instrument interessierten?

Patentante Piaf

Perrey: Edith war sehr an neuen Sounds interessiert, Sounds, die die Menschen noch nicht gehört hatten. Sie wollte die Ondioline mit dem Orchester verbinden, das sie auf Tourneen begleitete. Da sie meine Patentante war, konnte ich schlecht nein sagen. Ende der 1950er Jahre war sie auf Tour in den USA, kam zurück und rief mich an. Sie sagte: Du musst nach Amerika, dort wirst du mit der Ondioline zum Star. Sie kümmerte sich um alles. Sie mietete das Columbia-Studio in Paris für mich, um ein Demo aufzunehmen. Dieses Band schickte sie nach Amerika und eine Weile später bekam ich Post mit einem Flugticket nach New York. Auf dem Ticket stand ganz groß: Bitte kommen Sie! Geschrieben hatte das Carroll Bratman, der in New York ein Studio und einen Instrumenten-Verleih betrieb. Er wurde in meinen ersten Jahren in Amerika mein Sponsor. Er war fasziniert von der Ondioline, richtete mir ein komplettes Studio ein mit allen elektronischen Geräten, die damals verfügbar waren, und ich machte das, was ich auch schon in Europa gemacht hatte … ich führte das Instrument vor. Nur … in Amerika lief das alles ein bisschen anders. Meine erste Vorführung war in der Johnny-Carson-Show im Fernsehen. Überhaupt war ich ständig im Fernsehen. Die Amerikaner mochten den kleinen Franzosen mit dem putzigen Akzent, der diese komischen Klänge aus einem kleinen Kasten zauberte. Ich konnte ja kein Englisch, ich lernte die Sprache durch das Zuhören, genau wie damals das Klavier. Und natürlich lernte ich die schlimmen Worte zuerst. Das hat wohl geholfen. Auch in den USA wurde die Ondioline ein großer Erfolg.

Debug: Was hat Sie persönlich an dem Instrument fasziniert?

Perrey: Auch die Sounds. Warum immer nur Klavier spielen, wenn es andere Möglichkeiten gibt, sich auszudrücken. Ich merkte schnell, dass es meine Begabung war, den Menschen diese neuen Sounds zu geben, sie ihnen vorzuspielen. Das ist das Geschenk, das ich mitbekommen habe. Wenn es etwas Neues gibt, muss man die Menschen langsam damit vertraut machen, sie da abholen, wo sie stehen. Ich erinnere mich an eine Demonstration in Köln beim WDR. Dort sah ich zum ersten Mal einen Vocoder, ich war hingerissen. Im Studio für elektronische Musik sah ich ein ganz ähnliches Instrument wie die Ondioline, eine deutsche Erfindung. Es wurde aber kein Erfolg, weil sich niemand fand, der mit dem Instrument durch die Welt zog und es den Menschen nahe brachte … Ich hatte immer die Idee, dass ich Platten machen wollte mit den neuen, elektronischen Sounds. Ich wusste, dass ich es schaffen kann, auch wenn ich kein ausgebildeter Musiker war. In Amerika hatte ich schließlich die Gelegenheit dazu.

Debug: Da kamen die elektronischen Instrumente genau im richtigen Moment. Auf der Bandmaschine konnte man alles simulieren und Schritt für Schritt konstruieren.

Perrey: Und man muss die richtigen Menschen treffen im richtigen Moment. Ich war drei Jahre in Amerika, als ich Walt Disney auf einer Party traf. Er hatte mich im Fernsehen gesehen und verfrachtete mich nach Hollywood, um mit der Ondioline Cartoons zu vertonen. Dieser Job hatte große Auswirkungen auf meine Karriere, nicht nur finanziell. Die tägliche Parade in den Disneylands dieser Welt wird noch heute mit meiner Musik unterlegt. Andere Menschen, die ich sehr schätze, gaben mir einfach Kraft. Salvador Dali zum Beispiel. Ich traf ihn in New York auf der Straße. Auch er hatte mich im Fernsehen gesehen und sprach mich an. Ich nahm ihn mit ins Studio. Zu dieser Zeit arbeitete ich an meiner Version vom “Flight of the Bumblebee”. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, das Stück nur mit echten Sounds umzusetzen, die ich bei Imkern und ihren Bienenstöcken aufgenommen hatte. Ich saß drei Tage nur an der Bandmaschine und habe Tape-Schnipsel geklebt. Als Dali ins Studio kam, war ich noch längst nicht fertig. Ich hatte nur die Hauptmelodie als Tape-Loop. Das Band schlang sich mehrmals durch das Studio. Er sagte, dieses Stück sei doch schon sehr abgedroschen, also spielte ich ihm meine Version vor, baute die Lautsprecher um ihn herum auf, es war alles sehr stereo, und als das Band zu Ende war, kam keine Reaktion. Er saß einfach nur da. Ich war schockiert. Schließlich zwirbelte er seinen Schnurrbart, sprang auf und rief: “Das ist unfassbar. Du bist komplett verrückt.” Solche Begegnungen machen Mut.

Moog vs. Ondioline

Debug; Der große Durchbruch kam, als sie Gershon Kingsley kennen lernten und neben der Ondioline auch mit Moog-Synthesizern arbeiteten …

Perrey: Ja. Ich traf Gershon 1964 in New York. Gemeinsam nahmen wir zwei Alben auf, “The In Sound From Way Out” und “Kaleidoscopic Vibrations”. Die Alben erschienen auf Vanguard und verkauften sich richtig gut. Für diese Platten verwendeten wir den Moog.

Debug: Was dachten Sie, als Sie zum ersten Mal mit dem Moog arbeiteten?

Perrey: Ich verstand die Welt nicht mehr. Gershon erklärte mir alles und langsam verstand ich, was für neue Möglichkeiten der Synthesizer uns brachte, neue Sounds, die die Ondioline einfach nicht hergab. Robert Moog kam im Studio vorbei und half uns, wenn wir nicht mehr weiterkamen. Er wurde ein guter Freund. Noch vor zwei Jahren gaben wir Konzerte zusammen in Schottland, eine wunderbare Tour. Als er kürzlich starb, bin ich zu seiner Beerdigung nach Amerika geflogen. 1970 musste ich aus familiären Gründen zurück nach Frankreich. Ich dachte, ich könnte das fortführen, was ich in Amerika getan hatte. Ich ging zur Plattenfirma Barclay, meine Alben unter dem Arm, und blitzte ab. Niemand kannte mich in Frankreich und man war nicht interessiert an dieser elektronischen Popmusik. Also begann ich von vorne. Ich arbeitete fürs Radio, vertonte Zeichentrickfilme und Werbung und tourte schließlich mit einer Ballett-Gruppe überall auf der Welt. Dann geschah, was geschehen musste, meine Musik wurde wieder entdeckt, meine Platten wurden wieder veröffentlicht und alle Welt interessierte sich plötzlich für meine Popmusik aus den 60ern. Also habe ich mich breitschlagen lassen und bin gerade dabei, eine neue Platte aufzunehmen. Wissen Sie, ich bin jetzt 76 Jahre alt, habe viel erlebt und getan, aber ich kann mit Stolz behaupten: Die nächste LP wird richtig, richtig gut. Ich mache die Platte gemeinsam mit meinem guten Freund Dana Countryman. Ich war für zwei Wochen bei ihm in den USA im Studio, um die Grundelemente aufzunehmen …

Debug: Und wie geht es weiter?

Perrey: Den Rest machen wir per Skype. Der Computer erleichtert meine Arbeit jetzt ungemein. Endlich keine Tonbänder mehr schneiden und kleben. Aber ich verbringe viel Zeit damit, in die perfekte Computer-Aufnahme wieder kleine Fehler einzubauen, damit die Stücke dasselbe Gefühl bekommen wie meine Platten damals … Dana wird auch das Konzert in Berlin zur Transmediale mit mir zusammen spielen. Es wird eine ganz große Show. Viele Gags, ich freue mich schon sehr. Ich mache jetzt seit fast 50 Jahren Musik und bin immer noch davon überzeugt, dass Humor uns retten wird. Gerade in unsicheren Zeiten wie heute, ist Humor in der Musik wichtiger als je zuvor.

Debug: Humor war immer ihr Markenzeichen, selbst in den 60ern, als elektronische Musik vor allem in akademischen Kreisen eine Rolle spielte und an “Switched On Bach” noch nicht zu denken war. Wie wurden sie und ihre Musik damals wahrgenommen?

Perrey: Ich war immer ein bunter Vogel. Aber ohne die damaligen Pioniere wie Pierre Henry oder Pierre Schaeffer wären mir viele Dinge nicht möglich gewesen. Die Kunst, Tonbänder zu schneiden und so meine eigenen Loops herzustellen, lernte ich von Schaeffer in Paris. Als ich ihm sagte, dass ich diese Technik gerne für Popmusik verwenden würde, wurde er wütend und hätte es mir am liebsten verboten. “Das geht nicht”, sagte er immer, “humoristische Popmusik mit Tape-Loops? So ein Quatsch, das bekommst du nie hin, Jean-Jacques.” Stimmte wohl nicht ganz. E-Musik interessiert mich einfach nicht. Die Menschen brauchen fröhliche Musik. Die beste Musik ist die, zu der Kinder fröhlich sind, zu der sie tanzen. Das war und ist meine Mission.

Debug: Sie haben aber auch an anderen Projekten gearbeitet. In den frühen 60er Jahren begannen Sie ein Projekt namens “Prelude To Sleep”.

Perrey: Da kam der Mediziner in mir durch. Ich interessierte mich für Schlaflosigkeit und wie man Menschen helfen kann, die darunter leiden. Ich fuhr nach Kanada, um einem befreundeten Wissenschaftler bei seinen Forschungen über Delfine zu beobachten. Wir näherten uns ihnen, in dem wir bestimmte Schallwellen aussandten. Sie können mich für verrückt erklären, aber ich behaupte, dass wir nach einer Weile in der Lage waren, mit den Tieren auf einer bestimmten Ebene zu kommunizieren. Ich erhoffte mir Erkenntnisse darüber, wie bestimmte Sounds auf die Tiere wirkten. Aus dem Experiment wurde ein Krimi: Eines Tages tauchten drei Männer in schwarzen Anzügen auf und erkundigten sich über die Experimente. Wir erklärten, was wir taten, und sie wollten in ein paar Tagen noch mal kommen. Mein Freund brach sofort alles ab, als sie verschwunden waren. Er sagte nur, “CIA!”, und das war das Ende. Wenig später hörten wir, dass das Militär daran arbeitete, Delfine so zu trainieren, dass sie Bomben transportieren könnten. Wir verbrannten unsere Aufzeichnungen. Also konzentrierte ich mich wieder auf die Ondioline und meine Loops.

Debug: Lustige Musik wird gerne von der Werbeindustrie verwendet. Auch Sie haben viele Commercials vertont. Wie hat sich das damals angefühlt? War diese Arbeit, vor allem in New York, ein notwendiges Übel, um zu überleben?

Junge Menschen wollen tanzen

Perrey: Wir taten es alle und viele rümpften die Nase. Für mich war es aber nie ein Problem. Freunde und Bekannte versuchten mich zu überreden, doch endlich “ernsthafte” Musik zu machen. Ich habe aber immer versucht, den Menschen fröhliche Musik zu geben, egal ob auf Platte oder im Fernsehen. Schauen Sie sich doch die elektronische Musik von heute an. Techno ist bei den jungen Leuten sehr beliebt, aber bis auf wenige Ausnahmen ist es Tanzmusik, die jungen Leute gehen in Clubs und tanzen. Ältere Menschen berührt diese Musik nicht. Auf meiner nächsten Platte gibt es einen Track, bei dem ich versuche, den Humor in Techno mit einzubringen …

Debug: Die Arbeitsweise von Techno-Produzenten heute und Ihnen weist aber viele Gemeinsamkeiten auf. Damals wie heute ist es D.I.Y., man bastelt so lange, bis ein Stück fertig ist, es ist Work In Progress, ein andauerndes Experiment …

Perrey: Richtig, ich würde meine Musik auch als experimentell bezeichnen …

Debug: Fühlen Sie sich der heutigen elektronischen Musik verbunden? Es gab ja vor einigen Jahren auch eine Zusammenarbeit mit Luke Vibert …

Perrey: Mit Air habe ich auch gearbeitet …

Debug: Wie fühlt es sich an, mit jungen Musikern gemeinsam an Musik zu arbeiten?

Perrey: Warum nicht. Das ist eigentlich alles, was ich dazu sagen kann. Musik wird von allen Menschen verstanden und für mich ist Musik immer dann spannend, wenn sie Sounds beinhaltet, die man nicht erwartet. Das habe ich ja mein ganzes Leben lang gemacht. Ich habe Wochen damit verbracht, Sounds zu generieren und zu manipulieren, schneller, langsamer, Filter auf, Filter zu. Für mich ist Musik immer deskriptiv. Wenn ich komponiere, habe ich immer einen Film im Kopf, zu dem die Musik passen könnte, vielleicht eine Szene, wie ein kleiner Elefant durch Afrika läuft oder ein Delfin im Meer schwimmt. Ich mache die Musik, die ich mache, und die Sounds funktionieren immer noch. Walt Disney sagte mir damals, dass zeitlose Musik zu machen die einzige Möglichkeit sei, um in Erinnerung zu bleiben. Kümmere dich nicht um Modeerscheinungen, mach, was du am besten kannst. Ich bin überzeugt, dass er, wenn er wieder auf die Erde kommen würde, direkt wieder sterben würde. Er könnte das Chaos nicht verkraften, spätestens, wenn er nach Disneyland käme. Fröhlichkeit kann man nicht kaufen. Man hat sie oder nicht. Hat man sie, muss man sie weitergeben.

Debug: Wie schwierig war es, sich diesen Wunsch nach Fröhlichkeit und Popmusik durch den langwierigen Aufnahmeprozess ihrer Platten in den 60ern hindurch zu bewahren? Ist man nach einer Woche am Schneidetisch immer noch fröhlich?

Perrey: Es war frustrierend, klar. Aber es musste sein. Und heute ist es ja viel einfacher. Wie ich schon sagte, ich arbeite heute am Rechner und baue die Fehler, die damals einfach passierten, von Hand wieder ein. Egal, damals bereitete ich bei mir im Studio die Loops und Soundeffekte vor und ging dann mit diesen Bändern in ein anderes Studio, um die restlichen Instrumente aufzunehmen. Ich wollte immer, dass auch traditionelle Instrumente auf meinen Platten sind, ein komplett elektronisches Album wäre mir zu kalt. Ich glaube auch, das wäre für die Menschen zu anstrengend gewesen. Die neuen Sounds waren und sind immens wichtig, aber wenn man sich auf sie beschränkt, landet man in der Sackgasse. Noch mal zu Techno. Denken Sie zurück. Erst gab es Disco, dann House, dann Techno. Es wurde immer elektronischer. Die Bassdrum ist das Mantra der jungen Leute. Sie können gut dazu tanzen, aber mir würde das nicht reichen. Es ist zu perfekt, und totale Perfektion ist langweilig. Und wenn es nicht um Techno geht … heute ist ein Großteil der Musik in Moll. Und Moll ist merkwürdig. Zu traurig. Die Leute singen über zerbrochene Liebe usw. Ich verstehe das nicht. Moll und Trauer hat in Musik nichts zu suchen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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