Böse Zungen behaupten, Jean-Michel Jarre falle schon seit Jahren nichts mehr ein. Fans halten dagegen, das sei gar kein Problem. Hits bleiben Hits, und wenn Jarre jetzt eben diese Evergreens der elektronischen Musik auf seinem neuen Album "Aero" in 5.1-Surround vorlegt, sei das schon Grund zur Freude.
Text: Harald Peters aus De:Bug 87

Die Musik von vorn
Jean-Michel Jarre

Gelobt sei der technische Fortschritt. Mehrere Jahrzehnte hat Jean-Michel Jarre darauf warten müssen, dass die Menschheit endlich etwas erfindet, dass seinen Kompositionen das dreidimensionale Klingen ermöglicht. Dreidimensional waren sie nämlich gedacht, doch weil nur die beklagenswert flache Stereotechnik zur Verfügung stand, musste er sie wieder auf ein zweidimensionales Niveau zurecht stutzen, was ihm, wie man sich denken kann, gar nicht gefiel. Wenn Thomas Mann seinen “Felix Krull” ohne die kulturelle Errungenschaft des Nebensatzes hätte schreiben müssen, wäre ihm kaum elender Zumute gewesen. Doch dann kam irgendeine gnädige Person und entwickelte Dolby 5.1, jene raumklangliche Errungenschaft, nach der Jean-Michel Jarres Kunst geradezu schrie. All die schönen “Oxygene” und “Equinoxe”, die er jemals geschrieben hatten, konnten nun in ihrer ganzen Pracht ertönen. Ein “Oxygene”, dessen exakte Nummer gerade nicht zur Hand ist, hielt Jarre sogar all die Jahre zurück, weil es nur dann funktioniert, wenn es den Hörer aus allen Ecken und Enden beschallt. Und weil Jarre nun einmal ein Künstler ist, der ganz seiner Kunst verpflichtet ist, hat er seine alten Bänder nicht nur neu abgemischt, sondern seine besten und schönsten Lieder zur Optimierung des Hörerlebnisses noch einmal Ton für Ton eingespielt. Also kramte er die entsprechenden Partituren hervor und entstaubte seine alten Instrumente. Was dabei herauskam, trägt den angemessen luftigen Namen “Aero” und ist die wohl erste Musik-DVD, die eigens für Dolby 5.1 aufgenommen wurde. Natürlich war die Vorstellung ein ungemein langwieriger Prozess, sogar “langweilig”, wie Jarre beschreibt. Ärgerlich war darüber hinaus, dass sich nicht einmal eine Fachkraft finden ließ, die das Ganze abmischen konnte, weil alle, die dafür in Frage kamen, durch ihre Arbeit fürs Kino verdorben waren. “Die machen das immer so: Von vorn kommt die Musik, von den Seiten kommen die Dialoge und von hinten die Spezialeffekte. Aber meine Musik hat keine Dialoge und Spezialeffekte. Also konnten die nicht damit umgehen. Ich musste alles allein machen.”

Nichts kann mich stoppen
Andererseits ist Jean-Michel Jarre große Herausforderungen gewohnt: 1979 ein Konzert auf dem Place de la Concorde mit rund einer Million Zuschauern, 1986 ein Ständchen zu Ehren der NASA in Houston, zwischendurch noch mal was in Paris mit zweieinhalb Millionen Gästen, Silvester 1999 dann die Milleniumssause vor den Pyramiden und in diesem Jahr das Spektakel vor der Verbotenen Stadt in Peking. Wenn man seinen Einfluss auf die gegenwärtige elektronische Musik in Betracht zieht, könnte man ihn sogar als einen der ersten Outdoor-Rave-Veranstalter bezeichnen. Man suche sich einen interessanten Ort, engagiere eine Unzahl so genannter Lichtkünstler und mache Musik. Dass er sich Künstlern wie Underworld und The Orb verbunden fühlt, mag in diesem Zusammenhang irgendwie passen. Heute ist er jedenfalls 56 Jahre alt, hat über 50 Millionen Platten verkauft und trägt immer noch langes Haar. Er war früher glücklich mit Charlotte Rampling verheiratet, hat sich gerade von Isabelle Adjani getrennt, weshalb vielleicht die Augen seiner neuen Freundin (ebenfalls Schauspielerin), als visuelles Begleitmaterial auf der DVD zu bestaunen sind. Er geht gern in Clubs und lässt seine Stücke mit Vergnügen remixen, obwohl er House und Techno für zwei Stile der Vergangenheit hält. Elektronische Musik wird es seiner Ansicht nach hingegen immer geben, weil es kein Stil, sondern eine Art des Musikmachens ist. Und weil schwer zu sagen bleibt, ob seine Art Musikmachens für einen besondere Stil oder die elektronische Musik an sich steht, fühlt er sich nach all den Jahren noch pudelwohl.

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Elektronische Lebensaspekte.