Text: Sascha Kösch aus De:Bug 28

Jean Michel Von Kuddeln, Knuddeln und verregneten Katzen Werbei Jean Michels Album “Marshmallow Rooms” beim Titeltrack anfangen würde, der dürfte sofort erraten, warum Jean Michel nicht nur so heisst, wie er heisst, sondern auch so ist, wie er ist, und vor allem: Warum die Gegenwart nicht so ist, wie sie zu sein scheint. Soll noch mal jemand sagen, elektronische Musiker wären karge, stille, inhaltsbedachte Ästheten, partywütige Klotzköpfe und Papierschiffchen im Nichts des globalen Fusionskapitalismus. Alles falsch. Jean Michel bewegt sich auf der Grenze. In den 80ern hiess das Borderline. Heute ist es Normalität, heisst aber nicht so. Schmeckt auch ganz anders, ist aber nicht minder verrückt. Essen ohne Deesser (Ideen in Münster) Jean Michel kommt aus der Münster/Osnabrück-Ecke, macht seit langem zusammen mit Labelfreunden von Eleganz Partys im Gleis 22, macht Musik, hat Freundinnen auf der Kunstakademie, wie es sich gehört. Eine von ihnen hatte die Idee. Jean Michel liebt es, Ideen haben zu lassen. Nicht, um sie zu klauen, sondern weil sie nun einmal schon da sind und man sie dann – wie es jahrtausendelang immer schon gedacht war – aufs Neue benutzen kann. In handliche Worte verpackt, ergeben sie dann immer noch Sinn, und der Sinn muss bekanntlich immer ein anderer sein. Ein mutierter, vielleicht stranger Sinn, jedenfalls aber einer von draussen, der rein will, jammernd, zitternd, frech. Den kann der Jean Michel dann wie eine verregnete Katze in den Jean Michel packen, also dorthin, wo es warm und gut ist. Wie gesagt, besagte Freundin hatte die Idee zu einem Raum voller Marshmallows. Auf Kunstakademien ist das eine dieser herausragend sympathischen Ideen, die man so haben kann. Und Jean Michel machte als Kylie-Minogue-Ersatz die Musik dazu. Das ist schon etwas her. Länger jedenfalls als der Rest der Musik auf dem Album. Weil der zu Marshmallows (ungeröstet) blendend passt, wie mich unser Hobbytanzkultursemantiker Joswig soeben aufklärte, darf das auch ruhig etwas nach Goa klingen. So sehr, dass nahezu alle Freunde von Jean Michel jeglichen zum Ausdruck fähigen Muskel im Gesicht zu einem unnachahmlichen, vielleicht schmerzhaften, aber quasi selbstverständlichen Ausdruck verzogen, der zu gleichen Teilen sagte: “Ja, so ein schönes neues Stück”, wie “Jean, du bist echt in Ordnung” wie aber auch unmissverständlich: “Wie komme ich hier am schnellsten wieder raus?”. Anders ist auch gut Aber “Marshmallow Rooms”, das Album, ist komplett anders als “M.R.” der Track, sonst hätten wir schliesslich nicht bei Thomas Bücker (aka J.M.) in Münster (tbuecker@muenster.de) angerufen. Eine Tatsache, die sowohl J.M. als auch Münster als auch Indietronics als auch einen ganzen Haufen weiterer, für den Fortbestand der menschlichen Würde nicht ganz ungefährlicher Tatbestände, nicht nur betrifft, sondern auch in ihrer unerschöpflichen Innerlichkeit (der Ort, wo die Katzen sind) strukturiert. Toll. Aber zurück zum erstaunlichen Werdegang von J.M. Wir begegnen dem Kopf von Jean Michel zum ersten Mal in der von ihm so genannten “Schwingungen-Phase”, wo ihn Laserorgeln und Synthesizer mit beleuchteten Tasten umkreisen. Jedes halbwegs vernünftige Elternteil hätte wohl die subkulturelle Notbremse gezogen, wenn es gewusst hätte, was da unter den Kopfhörern so los ist: Eine unterhaltsame Sendung lustiger antivokaler Elektronikmusik auf dem öffentlich-rechtlichen WDR, moderiert von einem Herrn, der fast “Trenker” heisst. Eine Sendung, die man heute die Urstunde von Goa nennen könnte, wobei das natürlich historisch unkorrekt, miesmacherisch und vor allem gemein wäre. Jean Michel jedenfalls, der damals genaugenommen noch gar nicht existierte, gab sich also einer Marotte von Hifi-Fanatikern und richtigen Keyboardmuckern hin. Diese Phase und Diskussionsrunde liess Jean Michel dort geläutert hinter sich, wo es nicht weh tut, und wurde dadurch zu einem normalen Jugendlichen, der Rock aufeinmal wieder gut finden konnte. Er spielte aber dennoch weiter Keyboard, suchte nach neuen Namen und Phasen, die er sein konnte, daddelte durch die erste Ravezeit mit gelegentlichen “Happy Hardcore”-Auftritten und landete nach seiner Erleuchtungserfahrung mit der ersten Portishead-LP dort, wo er immer schon hin wollte: am Keyboard einer “Triphop”-Band. Bis kurz danach Drum and Bass kam; da wollte er dann auch hin. Diesen unsteten Wirrungen und Ergriffenheiten folgend ist er heute dort, wo andere auch unweigerlich ankommen mussten oder schon waren oder noch ankommen werden: an der Schnittstelle von Independent Musik (was immer das musikalisch oder businesstheoretisch, von der Ergonomik ganz zu schweigen, anderes bedeuten mag, als einen gewissen Bezug zum Handgemachten, Hybrid-Antifunktionalen) und Elektronik. Und jetzt alle Die Sorgfalt, Sympathie, Verspieltheit und Genauigkeit, mit der sich all das Kleinteilige, Kratzbürstige, Widerspenstige, Widersprüchliche und Harmoniesüchtige in Jean Michel gesammelt hat, während der Rest der Münsteraner Bier, Psychologie, als BWL-Studium missverstandenen Marxismus und was wir alles noch so nicht wissen möchten in sich reingeschüttet haben, hört man dann auch. Für die Dauer eines grandiosen Stücks identitätsloser Musik werfen Zeichen verschiedenster Regime in heilloser Aufregung und Begeisterung, aber immer einander den Vortritt lassend, aber immer auch schneller sein wollend als die anderen, immer mehr Bedeutung auf einen Haufen, was dann am Ende wirklich in einem Raum stattfindet, der so gedämpft, essbar, verträumt, verkunstet, hochästhetisiert und banal ist wie ein “Marshmallow Room”. Wir hatten es nicht erwähnt, denn es erschien uns selbstverständlich, dass Jean Michel 1999 genau dort Platz nimmt, wo er sich selber vermutet. Mit all seinen Vorlieben für Mouse On Mars, Schneider ª, Squarepusher und all die anderen an der Grenze der Partikularitäten und der ständigen Verwunderung über unzusammenhängende Synchronizitäten und kolossale Unvereinbar- und Uneinnehmbarkeiten. Wie sie bewegt sich Jean Michel zwischen offenen Widersprüchen, die erst einmal gelebt werden wollen, und macht Musik, für die man mehr sein muss als ein Mensch (mindestens also drei). Denn man muss zuhören, mit verschränkten Armen, zusehen wie auf einem richtigen Konzert, tanzen, sich über sich selber wundern können, die Musik obendrein noch selbst (also vielleicht auch zu dritt) machen, verordnen, ordnen und schnell wieder durcheinanderbringen. Vor allem aber darf man die Übersicht nicht verlieren, denn man hat nichts zu verlieren.

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Elektronische Lebensaspekte.