Unrockistischer Frickelbumms aus Münster
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 117

Jean Michel bereitet sich unerkannt in Münster auf den großen Stadiondurchbruch als elektronischer Popmusiker vor. Mit dem dritten Album scheint das greifbar nahe.

jean-michel_mg_6652.jpg

An jeder Ecke und Kante seines Musikerlebens lassen sich Verfahren des ex negativo beobachten: Jean-Michel lebt in Münster und macht Großstadtmusik. Sein neues, drittes Album heißt “The Audience Is Missing“, obwohl alle zuhören. Auf dem Cover sieht man eine Kirmesbude von hinten mit dem Namen “Top Trend“. Seitenverkehrt, versteht sich. In Japan wird es zuerst verkauft, nun auch in Deutschland. Was steckt hinter Jean-Michels Prinzip?

Jean-Michel ist ein auffallend normaler Thirtysomething, der sich eingerichtet hat im Land zwischen Gestaltung, elektronischer Popmusik in Form von Tracks und Remixes und DJing, gerne mit Klaus Fiehe und nicht in Münster. Irgendwie funktioniert so etwas wie Indietronics, Elektronika oder auch der Warp-Sound jenseits von Gitarren in der Westfalenmetropole nicht. Es will nicht klappen. Obwohl Jean-Michel den Sound der Stadt seit Jahren zu beeinflussen versucht. “Ich glaube, Münster tickt da ein bisschen anders, ein bisschen ‘westfälischer’. Und ich finde das auch sehr liebenswürdig, wenn man es einmal begriffen hat!“, grinst der im mehrfachen Sinn Designer und berichtet von vollen Häusern außerhalb Münsters, Remixen für Peter Licht und Björk.
Vielleicht ist das unerkannte Leben dort für Jean-Michel ja auch nur das Herzstück seines Prinzips ex negativo.

Unrockistischer Frickelbumms

Auch in seinen neuen Tracks lässt sich eine Mischung aus Rumhüpfen und Shoegazen und damit verbunden ein ganz eigener Witz wie in “Funken“, dem Hit “Feed Me News“ oder einem klar augenzwinkernden “Emo-fy Me, Baby!“ hören. Was hat es mit diesen Gegenüberstellungen auf sich: “Wenn man ‘Kirmes’ als Synonym für eine Art hedonistische Aktivität im öffentlichen Raum versteht und das spiegelverkehrte ‘Top Trend’ auf der Bude im schrillen Magenta als ein Dahinter-Sein im Pop, ohne das Gegenteil davon sein zu wollen: So bringt das Artwork das schon ganz gut auf den Punkt. Das Interessante steckt in Details, in Nischen, da wo es vielleicht noch kein großes Publikum gibt. Ich finde es tatsächlich ganz amüsant, etwas Positives negativ zu formulieren. Obwohl jeder Rhetoriker es lieber umgekehrt praktiziert.“ Und so macht Jean-Michel munter weiter: Alle drei bisherigen Alben sind sehr stark Warp-beeinflusst, unrockistischer Frickelbumms, der Mann berichtet begeistert von Acts wie Clark oder Plaid: “Seltsamerweise könnte ich bei aller Liebe zu Autechres ‘Punk-Rock-der-Maschinen’-Klangästhetik solche Tracks gar nicht arrangieren. Da bin ich wohl viel zu harmoniesüchtig. Aber ich arbeite daran!“

jean-michel_live_ds_6560.jpg

Gleichzeitig hat er gerade eine Band zusammengestellt und seine meistens ultratanzbaren Dinger in eine Art Mogwai-Gewand gehüllt, das die eben gar nicht missenden Zuschauer beim Debüt vor einigen Wochen staunend im Publikum stehen bleiben ließ: “Es macht es einmalig und überraschend, eben nicht konserviert konsumierbar. Nur hier und jetzt! Das wollen auch viele im Ständig-verfügbar-Zeitalter wieder erleben, glaube ich!“ Was hat sich bei Jean-Michel entwickelt zwischen “Marshmellow Rooms“ (1999), “New Medium Sixpack“ (2001) und dem farbigsten Album “The Audience Is Missing“? “Ich beginne mich immer mehr für akustische Details zu interessieren. Für Räume, für Frequenz-Trennung, Mischen, Mastering. Alles das, was mit Midi und einem Atari ST nicht so einfach möglich war. Diesbezüglich habe ich auch alles an Equipment rausgeschmissen! Das hat mich befreit.“ Wohin diese Befreiung Jean-Michel (ja, von Jarre) führen wird? Seien wir sicher, dass der Mann wieder einen Haken schlagen wird. Normal irre. Irre normal. Demnächst im Stadion. Oder mit einem seiner neuen Tracks gesagt: “A Completely Normal Improbability“.
http://www.beatsbeyond.de

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.