Der kanadische Technoproduzent Jeff Milligan versucht mit seinem Label Revolver den heimischen Mikrokosmos zu durchbrechen und die Weite des Landes durch Gemeinsamkeiten zu vernetzen. Gegen alles Schubladen-Denken und die landesinternen Schaffensprobleme. Sascha Kösch fand mehr über das One-Mouseclick-Wonder und die deutsch-kanadischen Bezieheungen heraus.
Text: sascha kösch aus De:Bug 46

THE TECHNO THAT’S NOT
Jeff Milligan von Revolver

Manchmal bezeichnet man, meist weil das Hirn schläft, Leute als Botschafter eines Landes. Wie z.B. bei Jeff Milligan, Botschafter kanadischer Technomusik. Abgesehen davon, dass Technomusik nicht mal so funky klingt wie Tagesschau, denkt man bei so etwas unwillkürlich an unzählige Milliarden von Millionen Kubikmetern Erde, die in einem Menschen drin stecken, als wäre er mit einem quantengenetischen Virus infiziert, von dem man ihn entweder heilen möchte, oder ihm selbst erliegen.
Dabei redet Milligan wirklich viel von Kanada. Mehr allerdings noch von Gleichungen, offenen Rechnungen Kanadas, und am liebsten eigentlich von der NAFTA. Der North American Free Trade Association (ein etwas anderes Euroland für Nordamerikaner), wobei free für Milligan heißt: die Kanadier liefern die Rohstoffe, die Mexikaner die billigen Arbeitskräfte und Amerika den Kapitalismus als Sahnehäubchen, das sie selber am liebsten abgrasen. Das ist für ihn allerdings weniger geopolitische Weitsicht und Weisheit eines kulturell begnadeten Ex-Studenten der Filmwissenschaften, sondern beginnt normalerweise in Geschichten, die ungefähr so gehen: Versuche, ein Technolabel Namens “Revolver” in Kanada zu machen und sieh genau hin was passiert. Das Holz aus Kanada wird an der Grenze zu Amerika besteuert, dort zu Plattenhüllen verarbeitet, von völlig fertigen Mexicanos mit amerikanischem Vinyl aus subventionierten Ölpreisen gefüttert und als Produkt wieder nach Kanada, in unserem Fall Toronto, gefahren, wo es wieder ein paar Grenzen passieren muss, damit die Präsidenten rings um den Bush viel Geld haben, um ihr Land mit den coolsten neuen Militärgadgets auszustatten. Hätte Milligan längere, er würde sich die Haare raufen. Jeff Milligan ist vor allem Kanadier, weil er kein Amerikaner sein will, kein Detroiter (geboren wurde er als Engländer, aber Adoptionsrechte in Kanada geben ihm noch lange keinen Europass), kein NAFTA-Zoni usw. Dabei liegt Kanada eigentlich mitten in Amerika, was die meisten Amerikaner gar nicht wissen, denn auf dem Screen des amerikanischen Bewusstseins liegen dort, wo Kanada sein sollte, drei Icons: Ahorn, Elche, berittene Polizei.
Sein Label Revolver, um das sich hier erst mal alles drehen soll, dürfte sich bald – Anwälte rulen – umbenennen dürfen, denn Land gibt es zwar in Kanada viel, aber in der Multinationalenglobalrechtsstreitnamenklautrademarkedeinenase-Welt immer weniger. Relover wäre eine seiner Lieblings-Antworten, worauf hin Jeff Milligan (“I’m a canadian relelover”) gleich einen Ricky-Martin-Castagnetten-Improvisations-Impersonations-Tanz auf dem Tisch macht. Er ist auch sonst sehr schnell. Hinter drei Decks wirkt Jeff Milligan z.B. wie eine abstrakte, hochgetunete Funkmaschine. Er kann schneller Platten blättern als Jeff Mills. Jede Bewegung zwischen Fadern, Potis, Taschen, Decks, Kopfhörern und Soundsystem wirkt wie ein merkwürdiges Präzisionsballet, das mehr und mehr kickt. Milligan ist zwischen den Decks zu Hause. Weshalb da auch sein Studio steht. Computer in der Mitte, davor Mixingdesk, Mouse und Tastatur und rechts und links Technics und Monitore. Die Schrankwände voller Equipment, das sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, wurde verkauft oder zu Plug-Ins eingeschrumpft. Und bald baut er auch noch einen Glaskasten für seine 808.
Jeff Milligan war einer der ersten in Kanada, die Techno gemacht haben; zusammen mit einer Handvoll anderer, die jetzt auch alle ihr eigenes Label haben. Anfang der 90er, verstreut über den ganzen Grenzstreifen des Süd-Nord-Gefälles. Kitchener (das früher mal Berlin hieß und lange Zeit eine Art Mecca der Szene war), Toronto (Killer & Dumb Unit, Blue, Cynosure und Revolver sitzen dort), Montreal (mit Hautec, Oral), Vancouver, London Ontario.
Jeff Milligan: Sieht man sich die Szene in Toronto an, dann sind wir wirklich eher so etwas wie ein Mikrokosmos. Es ist so eine “everything” Stadt, aber auch eine Bankstadt. Da Canada ja so etwas wie ein Teil der Commonwealth ist, ist der britische Einfluss generell ja eher groß, wir davon allerdings weit weg. Wir sind eher ein wenig intimer. Nicht wirklich eine “Partyszene”. Die besteht aus diversen Segmenten, Drum and Bass ist sehr groß, dumme Trancemusik. Es gibt vielleicht einen Zusammenhalt von 10 Labeln in ganz Kanada. Eine Zeitlang passierte sehr viel in Kitchener und London, die auf halbem Weg zwischen Toronto und Detroit liegen, und auch jetzt noch arbeiten wir aus Toronto eher außerhalb. Montreal ist eher die kulturelle Stadt in Canada, mit diversen Festivals (Mutek) usw., weshalb wir vielleicht auch halb ein Montreal-Label sind. Mark und Scott wohnen ja auch dort. Die Coregroup kennt sich jetzt seit ungefähr 7-10 Jahren, weil wir einfach im gleichen Genre und in der DJ Culture unterwegs sind. Vor 10 Jahren war Mike Shannon z.B. der Einzige in Kitchener, so wie ich der Einzige in Toronto war, man musste einfach zusammentreffen. Adam Marshall von Killer kam damals auch dazu. Das Zentrum war damals Blue, ein Label, zu dem ich, Marshall, Jeremy Caulfield, der jetzt Dumb Unit macht, und ein paar andere gehört haben. Als es darum ging, so etwas wie ein Backbone für das, was wir machen, aufzubauen, haben wir logischerweise auch zusammen Round Table gegründet. Eine Distribution, die unsere Musik besser repräsentieren kann. Da Round Table mittlerweile aus etwa 40 Leuten besteht, machen wir die Coregroup wieder zu so etwas wie einer kleinen Gruppe innerhalb dessen. Es ist einfach in Canada notwendig, Gruppen zu bilden, weil zum einen die Menge an Menschen im Land so etwas nicht so einfach trägt wie woanders, und zum anderen die Kosten für ein Label aus Kanada einfach immens hoch sind. Also planen wir unsere Releaseschedules zusammen und administrieren einige Dinge gemeinsam.
De:Bug: Was macht dein Label zu einem kanadischen Label?
Jeff Milligan: Zum einen liegt der Fokus natürlich auf Acts aus Kanada. Auch wenn es mehr zu einem Austausch werden soll in der nächsten Zeit. Selbst wenn wir vielleicht einige Dinge demnächst in Deutschland machen lassen, soll der Fokus auf Kanada bleiben. In Kanada hat man es nicht so einfach, wenn man elektronische Musik macht. So seltsam das klingen mag, sind wir doch sehr isoliert. Geographie kann da schon mal ein richtiges Problem werden. Adam, ich und Jeremy haben in der Vergangenheit zwar viel mit Richie von Plus 8 zusammengearbeitet, aber wir bleiben schon eher Kanadier, weniger Detroit orientiert.
De:Bug: Wenn man dich einmal auflegen gesehen hat, würde man eigentlich vermuten, dass du ständig in den wichtigsten Clubs auflegen müsstest und eher überall sein könntest.
Jeff Milligan: Wenn man es mal neutral betrachtet, dann ist der Ort, an dem ich eigentlich sein sollte, wenn es darum geht, das zu machen, was ich mache, schon Berlin. Aber ich habe kein Arbeitsvisum. Citizenship in Europa zu bekommen, ist nicht so einfach. Es war auch schon lange so, dass die meiste Musik, die ich spiele, aus Deutschland kommt, egal ob ich hier auflege oder zu hause. Aber irgendwie ist es auch nett, so weit weg zu sein. Man hat mehr Zeit, um sich zu konzentrieren.
Ironischerweise habe ich in Toronto eine Zeitlang nahezu jeden Wochentag aufgelegt. Von Gig zu Gig zu Gig zu Gig. Von Galerien über Parties, egal wo. Die Minimale Szene war eine Zeit lang in Toronto wirklich irre groß. Minimale Musik generell. Es gab bis zu 4000 Leute, die von überall her kamen, selbst aus New York und Kentucky. Das war für uns natürlich großartig. Aber als die schwedische Invasion in England losging und Techno aus England von klein gedruckt zu groß gedruckt oder von Italics straight wurde, da war die Definition von Techno plötzlich ein lautes Bum. Da das, was wir gemacht haben, immer mit der etwas intellektuelleren, raffinierteren, oder was zumindest so bezeichnet wurde, Szene zusammenhing und gesehen wurde und Techno plötzlich so einen Kleinkinderruf hatte, da fand es ein Teil der Szene plötzlich furchtbar, mit einem 15-jährigen Mädchen im gleichen Raum zu sein. Die Szene begann sich komplett zu segmentieren, während die TECHNO DJs alles platt walzten. Als Gegenbewegung wollten Organisationen wie Transcendance, die die besten Partys gemacht hatten, sich als eher houseorientierte, loungigere Szene etablieren. Während wir in der Mitte als Techno-aber-doch-nicht-Techno keinen Platz mehr hatten. Es gibt so eine Underground Ethik, die dafür da ist, Integrität zu bewahren, sie aber im gleichen Moment zerstört, weil sich die anderen nicht dran halten. Lustigerweise sind wir am Ende dann aber die Leute, die sich mit Engineering, Acoustic Development, Software Development und anderen eher zukünftig ausgerichteten Teilen dessen, was eine kanadische Musikindustrie sein will, auskennen. Erst fanden wir es natürlich hart, weil wir unser Leben so ausradiert sahen. Und werden wohl immer weiter stigmatisiert werden als ‘The Techno that’s not’, weil keinem eine bessere Definition einfiel. Und ich würde mich wirklich überhaupt nicht gerne als “die Minimalisten” einordnen lassen. Zum ersten Mal seit einigen Jahren kann ich sagen, dass sich in Toronto und Montreal ein wirklich eigener kanadischer Sound entwickelt hat, der nicht Techno, nicht House, nicht Minimal ist, aber irgendwie Ähnlichkeiten hat, obwohl wir weit weg voneinander wohnen.
De:Bug: Wo würdest du die Ähnlichkeiten zwischen eurem Sound und dem, was man etwas daneben als “deutschen Sound” bezeichnen könnte, dem minimalen, der Kölner Schule usw., sehen?
Jeff Milligan: Generell könnte man es vielleicht so sagen, dass wir vom Sound kommen. Wir lieben Sound mehr als Musik. Wir sind da sehr genau und ernst irgendwie. Und der Einfluss der Tracks aus Deutschland ist natürlich für uns alle einer der wichtigsten, besonders Köln; soweit es mich, Mike und Adam betrifft. Natürlich gibt es aber auch eine Nähe zu Detroit. Ich hatte alle frühen Detroit Platten, und als Detroit dann ein Hype wurde, waren wir überrascht, hey, die Typen von nebenan?
De:Bug: Wie kommt es, dass du mit drei Decks auflegst?
Jeff Milligan: Als ich ein Kid war und noch nicht mal eigene Technics hatte, habe ich immer schon verschiedene Inputs bearbeitet: CD Player, Tapes usw. Es ging dann irgendwann einfach darum, mit welchem Setup man sich am wohlsten fühlt. Wenn man 2 Platten auf gleiche Geschwindigkeit bringen kann und sich dazwischen langweilt, muss man sich was einfallen lassen. Wo man so etwas wie eine Geschicklichkeit mit wenig Stress verbinden kann. Ich kann auch mit vier auflegen, aber da will man irgendwie mehr Arme haben, und mit 2 Decks bin ich einfach nicht funky. Ich habe glücklicherweise lange genug in DJ-Flop Häusern gelebt, wo es neben mir noch 2000 andere Leute gab, die die ganze Zeit Zigaretten geraucht haben und Plattenspieler bearbeiteten. Stellenweise hatten wir 6 Decks nebeneinander aufgestellt und Monitore drum herum und wir konnten alle dran arbeiten. Lustigerweise gibt es in Kanada fast immer drei Decks, auch wenn sie manchmal irgendwo stehen. Es ist in Nordamerika aber auch nicht so unüblich. Es gibt mehr eine physische Verbindung zu den Plattentellern, es ist wichtiger, was man mit den Platten macht, als welche man hat. Das ist in Europa irgendwie anders.
De:Bug: Wie arbeitest du?
Jeff Milligan: Ich bin ganz froh, wenn ich alles mit einem Mouseclick machen kann. Ich habe keinen Midicontroller mehr. Ich mag einfache Interfaces, nehme keine Sounds von Sources, die man so kennt. Alles besteht aus Kochshows und anderem Unsinn aus dem Fernsehen, Radio, usw. Found Sound. Akufen hat neulich Tracks gemacht, die von Anfang bis Ende “diskret” sind. Alles war strikt nach einer zufällig linearen Struktur des Findens geordnet. Alles so geordnet, wie es war, und transponiert und einfach exzellent. Bei Revolver liegt das Zentrum der Konzentration auf Artists, die entweder in technologischer Entwicklung arbeiten, wie z.B. Applied Acoustics, oder die mit Found Sound und Media arbeiten.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Kanadische Inhalte: Jeff Milligan, Zaid Edghaim, Arthur Oskan | Reboot.fm

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