Jeff Mills, der Zauberer. Mit seinem “original Soundtrack” zum Stummfim “Three Ages” rettet er Buster Keaton aus den Fängen des Klamauks.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 91

Jeff Mills vertont “Three Ages”

Vom Bild zum Ton zum Soundbild. Das ist die audiovisuelle Politik des Jeff Mills. Wieder dockt das personifizierte Autorentechnomodell “Millsart“ an die Filmgeschichte an, um sie neu zu arrangieren. Nach Fritz Langs ”Metropolis“ (2000) und Claire Denis’ ”Vendredi Soir“ (2003) hat sich Mills nun in die kommerziellen Anfänge des amerikanischen Kinos begeben. Mit ”Three Ages“ (1923) von Buster Keaton widmet er sich der besonderen Funktion der Komödie im Stummfilmzeitalter, ohne in nostalgische Träumereien zu verfallen. Die Monumentalfilmästhetik des Filmpioniers Griffith wird von Buster Keaton entzaubert. Statt akribischer Rekonstruktion vergangener Architekturen werden nur klischeebeladene Kulissen errichtet, die dem zersplitterten und episodenhaften Charakter des Films entsprechen. “Three Ages” konstruiert drei Zeitebenen (tiefste Steinzeit, das alte Rom, das Jahr 1923), die Bewegungsbilder erzeugen und von Mills jeweils eine eigene Kompositionsstruktur erfahren.
In jeder Zeitebene verkörpert Buster Keaton einen Underdog, der in den stürmischen Kontingenzen des Lebens den Slapstick als Möglichkeitsraum begreift, um sein begehrtes Liebesobjekt zu bekommen.

Blicke statt Plot

Mills versetzt Keaton in einen Trance-artigen Zustand, als wäre Keaton der Unkomödiantischste seiner Zeitgefährten und als wären die kleinen unscheinbaren Bewegungen und Blicke Keatons die entscheidenden Impulsgeber für seine melodischen Detroitschleifen. Das Spiel zwischen Kamera und Schauspieler wird charakteristisch für Mills Stummfilmadaption: Indem das mechanische Schauspiel durch Mills eine maschinelle Komparatistik erlangt, wird der Filmplot nicht zum Ausgangspunkt für eine Neuvertonung genommen. Nicht zwischen den Schauspielern, sondern in der Interaktion von Kamera und Schauspieler entfesselte sich der filmische Effekt als physiologische Affektpolitik. Buster Keaton, der wie Chaplin Produzent, Regisseur und Schauspieler war, wird durch den gesellschaftlichen Raum des modernen Industriezeitalters gewirbelt. Durch Mills Soundtrack erlangt eine unsichtbare Martial-Arts-Komponente (etwa wie in Ang Lees “Tiger and Dragon“) eine eigentümliche Sichtbarkeit im historischen Filmrealismus der Komödie. Die Bilder der Vergangenheit werden in DVD-Sound-Remixen geloopt und in unendliche Frames zerlegt. Mills’ zuweilen verspielt-jazziger Soundstrom verändert die Tiefenstruktur des Films, ohne ihn zu entstellen. In der Komödie hat Hollywood der Figur des unherschweifenden Vagabunden des Industriezeitalters, der atemlos von Unfall zu Unfall und damit von Ereignis zu Ereignis wankte, eine sozialkritische Signatur verliehen. Niemals, und darauf insistiert Siegfried Kracauer, wurden die bescheidenen Siege gegen feindliche Naturkräfte, tückische Objekte und rohe Gegner heroisiert, sondern die glückliche Errettung aus höchster Not als das Werk schieren Zufalls betrachtet. Und Mills greift diese tragisch-komödiantische Zufälligkeit auf und webt Keatons Stummfilmklassiker in sein feingliederiges elektronisches Spinnennetz. Ein überraschender Zug, ein neuer “Sense of Humor“, wie Mills in einem Interview auf der DVD sagt, der nur die Frage offen lässt, ob der Konzeptualist Mills nicht eher von Chaplins “Modern Times“ hätte ausgehen müssen, wo das Mensch/Maschine-Verhältnis explizit verhandelt wird? Denn Chaplin steht wie Mills in einer politisch-humanistischen Tradition, während Buster Keaton zwischen Klamauk und Klamotte einer untergegangenen Hollywoodära eingeklemmt zu sein scheint. Alle Zeitebenen des Films werden durch Wolken zusammengehalten, sagt Mills. Der Himmel verändert sich durch die Jahrtausende nie. Ein paar metaphorische Bilder hat Keaton in aller übertriebenen Beschleunigung tatsächlich komponiert. Mills hat sie aus dem Klamauk herausgeschnitten und zeitlos gemacht.

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Elektronische Lebensaspekte.