Jeff Samuel will das komplette Paket: Melodie und Funk. In seinen Minimalhousetracks klackert sich der Digital-Smog an beides ran, kümmert sich aber einen Lofi-Dreck um Perfektion. Ganz Glamrock-Sozialisation eben.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 65

Auf Labels wie Trapez oder Deep Night Essentials treten nicht gekannte Affektwerte in die reduzierte Housigkeit. Mit seiner amerikanischen Version von Perlon, Cabanne oder Benjamin Wild infizierte Jeff Samuel sofort den Blutkreislauf dieser Labels. Dabei ist die Andersartigkeit seiner Tracks schwer fassbar: Die Stücke klingen irgendwie dreckig, lo-fi, aber das trifft die Sache nicht. Der digitale Raum wirkt nicht rein, er ist kein Nullwert, wirkt eher wie die Oberfläche von Asphalt, die in sich schon rau und gekerbt ist. Sonderbarerweise ist hier die räumliche Nähe zu Chicago doch bemerkbar. Samuel hat den Mut, nicht an den Tracks zu basteln, bis sie perfekt sind: ”Bis vor kurzem nahm ich alles live in einem Take auf. Viele meiner Platten haben Fehler, aber ich dachte, dass die Energie dieser Tracks das überwog, was durch eine wiederholte Aufnahme erreicht werden könnte. Das ist sehr amateurhaft und unprofessionell, aber es macht mehr Spaß, als alles vorauszuprogrammieren.“
Samuels Klackern ist niemals spielerisch, jedes Element zögert, Melodie zu werden. Die kurzen, geräuschhaften Sounds wirken fast spröde, als könnten sie sich nie entscheiden, ob sie Intro bleiben oder tatsächlich den Track anfangen lassen wollen. Dennoch: ”Melodie ist alles. Ich bin mit Glam-Rock aufgewachsen, nicht mit Brian Eno oder Industrial wie viele andere Elektronik-Produzenten. Vielleicht ist das der Unterschied. Ich kann keinem großen Popsong widerstehen, egal vom wem er ist. Die Herausforderung für mich ist, das melodiöse Moment mit wenigen Elementen zu erreichen und immer noch funky zu sein. Es ist wirklich schwer, funky und melodiös zu sein. Wie vielen Bands oder Musikern gelingt beides?“
Minimalismus war für Samuel zugleich Zielsetzung und technische Notwendigkeit, weil vor einigen Jahren die Software-Sampler nur kurze Soundschnipsel speichern konnten. Samuel ist einer der wenigen Produzenten, die nie mit einem Hardware-Setup gearbeitet haben, sondern immer komplett im Computer. Obwohl man das seiner Musik nicht anmerkt, ist er nicht jemand, der primär im elektronischen Kosmos aufgewachsen ist. Eine engagierte Musiksozialisation in College-Kontexten hat einen differenzierten Zugang zu allen erhältlichen Popmusiken geschaffen. Man liest Musikerbiographien oder schaut Dokumentarfilme über Indiebands. 1995 hörte er in Ohio ein Claude Young-Set, danach gab es keine Möglichkeit zur Umkehr mehr. Ein Mitbewohner spielte einen Sommer lang Björks ”Post“, gleichzeitig begann er mit Elektronik arbeitende Bands wie Laika und Tortoise zu schätzen. Als er anfing zu produzieren, war zu Hause Hiphop wichtig, im Nachtleben Cajual und Relief. Das klingt sehr relativistisch, aber in den USA sind die Musikrichtungen immer noch so unterschieden, dass ein solches Switchen tatsächlich noch eine Offenheit bedeuten kann und nicht etwas wie Crossover, Lounge oder Retro nahe legt. Zuletzt befasste er sich mit Kiss: ”Gerade lese ich die Autobiographie von Gene Simmons, ’Kiss and Make-Up’. Kannst du dir vorstellen, dass er Sex mit Diana Ross hatte? Mir gefällt es, dass er alle seine sexuellen Kontakte ’Liasons’ nennt. Es ist wahnsinnig komisch. Ich habe Kiss auf ihrer Farewell Tour 2000 gesehen. Ich schrie wie ein kleiner Junge!“

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Elektronische Lebensaspekte.