Jeff Samuel hat Seattle den Rücken gekehrt und in Berlin ein Album releast, das sich Pop so weit zuwendet, wie es für Samuel nur möglich ist. Und was jetzt?
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 108

Minimal

Jeff Samuel
Allein macht mich niemand ein

Es ist immer wieder überraschend, wenn man jemanden trifft, den man vor allem von seinen Schallplatten kennt, der einem sagt: Ich bin zu allererst mal DJ. Und eigentlich sah es für ihn in Seattle rosig aus, wo er seit ein paar Jahren lebte. Denn die gesamte US-Posse wanderte die letzten Jahre nach Europa aus. “Es gibt in den letzten Jahren kaum noch jemand, der hier geblieben ist. John Tejada? Um so besser, weil ich in Seattle als DJ gut überleben konnte.” Jetzt aber wohnt er in Berlin und hat nach sieben Jahren konstanter, aber nicht gerade überproduktiver 12″s auf Labels wie Trapez, Poker Flat, Karloff, Morris Audio, Frankie sein erstes Album veröffentlicht. “Step” heißt es. Und es ist auch ein Schritt für ihn, denn der molekulare minimale Funk, für den er schon immer bekannt war, ist für ihn an dem Endpunkt angekommen, der sich mit seiner Trapez Ltd. EP “Endpoint” schon abzeichnete. “Ich kann nicht musikalischer werden.”

Wann hast du angefangen, dich nur noch auf Musik zu konzentrieren, statt Sounddesign für Microsoft zu machen?

Ich habe versucht, diesen sicheren Karriereweg zu gehen. Jeden Monat meinen Scheck zu bekommen. Aber egal wie sehr ich versucht habe, Musik als Hobby zu betrachten, es gab einfach viel zu viele Möglichkeiten. Ich habe jedes Jahr dagegen gekämpft, seit ich im College war. Als ich meine erste Platte releast habe, war ich ja noch Student. Vor ein paar Jahren war ich dann auf einer Tour in Japan. Und ich arbeitete immer noch teilweise für Microsoft. Ich hatte Sounds, die an dem Tag fertig sein sollten, ich war zu spät mit meinem Guido-Schneider-Remix für Poker Flat und ich musste am gleichen Abend auch noch auflegen und war im Auto unterwegs zum Gig, und da wusste ich, dass ich das alles nicht auf einmal machen konnte. Ich kann mit einer Person umgehen, die mir im Nacken sitzt und sagt: Where is my shit? Aber zwei oder drei?”

Und es ist ja nicht mehr so, dass man sagen könnte, Gamesounds und Musik sind sich besonders ähnlich. Früher vielleicht noch, als es 8Bit war. Aber jetzt sind Spiele ja viel mehr großes Kino.

Wenn man die Musik betrachtet, die in Spielen ist, ja, aber Sounds sind nicht so anders als Techno. Für mich schon, aber wenn ich Bruno Pronsato wäre z.B., der vor allem Soundeffekte macht, würde das passen. Ich war auch eine Zeit lang viel mehr an Sounddesign interessiert. Das war’s auch, was mich ursprünglich an Techno so interessiert hat. Aber vermutlich ist es genau die Arbeit an Games, die meine Musik dahingehend beeinflusst hat, viel musikalischer zu werden. Manchmal hab ich zehn Stunden am Tag nur an Sounds gearbeitet, da konnte ich nicht nach Hause gehen und in meiner Freizeit genau das Gleiche tun.

Deine Musik hat sich ja sehr sehr graduell verändert. Vom eher spielerischen, abstrakteren Sounddesign hin zu den fast episch melodischen Tracks jetzt.

Ja. Das sollte man vielleicht auch als Künstler. Wachsen.

Manche machen es auch völlig anders. Releasen unter anderen Namen völlig andere Genres.

Das ist nicht mein Ding. Ich habe es einmal versucht, aber das hat nicht funktioniert. Und kam auch unter meinem Namen auf Emoticon raus. “Step” ist vermutlich das
Musikalischste, was ich machen werde. Ich habe niemandem gesagt, dass ich an einem Album arbeite, es ist das erste Mal, dass ich so arbeiten konnte. Ohne Druck. Ohne dass jemand auf die Tracks wartet. Letztes Jahr im Februar hatte ich es fertig und bis vor kurzem nur noch am Sound gefeilt. Damit fertig zu sein und dann umzuziehen, schien mir eine gute Idee. Und es ist ja nicht nur eine Sammlung von Tracks. Es war eine bewusste Entscheidung, das Musikalische und die Melodien so weit zu entwickeln, wie mir möglich ist. Wie ich in diese Richtung weitermachen könnte, weiß ich überhaupt nicht. Die Melodien auf dem Album stehen so weit im Vordergrund. Das ist so gut, wie ich es kann. Hoffentlich verändert es meine Musik nicht zu sehr, wenn ich jetzt in Berlin bin. Viel von dem, was die Leute hier mögen, ist nicht mein Ding. Der trocken minimale Sound hätte eher zu dem gepasst, was ich früher gemacht habe. Und irgendwie passe ich jetzt nicht mehr dahin. Ich weiß auch nicht, wer das Album spielen könnte. Aber ich will eh keine Überpräsenz. Ich mag die Einstellung von Dan Bell. Genau so viel releasen, dass die Leute einen in Erinnerung behalten. Nie zu viel. Nach zehn Jahren DJ-Karriere hat man ja schon das Gefühl, einen kleinen Vorsprung zu haben. Jetzt würde ich nicht gerne anfangen müssen. Vor allem, weil es zur Zeit ja viel mehr Produzenten zu geben scheint als DJs. Vermutlich ist dieser Wandel entstanden, weil es heutzutage einfach billiger ist, Produzent zu sein als DJ. Und das obwohl es jetzt mit digitalen Tracks schon wesentlich billiger geworden ist aufzulegen. Bevor ich umgezogen bin, habe ich monatelang meine gesamte Plattensammlung digitalisiert und dann verkauft.

Du legst mit Serato auf?

Genaugenommen ist das, was ich benutze, weder Serato noch Final Scratch, sondern ein kleines belgisches Programm, das DJ Decks heißt. Man kann jedes Interface damit benutzen, es gibt PlugIns für Serato, Final Scratch und Miss Pinky. Das ist einfach flexibler und ist mir noch nicht einmal abgestürzt. Ich mag Underdogs. Mein Studio ist genauso. Das basiert auch auf einer Person in Belgien. Fruity Loops. Ich mag es, wenn eine Person verantwortlich ist. Deswegen mochte ich auch Techno. Und deswegen werde ich auch nicht mit anderen kollaborieren. Das war auch eine der Befürchtungen, als ich hierhergezogen bin. Ich bin grade mal zwei Wochen hier und schon haben mir diverse Leute angeboten, mit ihnen zu jammen. Wer jammen will, soll eine Jamband aufmachen. Ich weiß nicht mal, wie das funktionieren soll. Ich will auch nicht mit Ableton arbeiten. Eine Millionen Loops auf dem Rechner zu haben, ist einfach Verschwendung. Ich muss mit einzelnen effizienten Sachen arbeiten. Das mag ich aber auch in anderen Zusammenhängen. Filme: Je unabhängiger sie sind, desto einzigartiger ist die Vision. Das mag ich. Als ich angefangen habe, dachte ich auch immer, dass alle Leute alleine arbeiten. Die Detroiter z.B. Ich hab erst später mitbekommen, dass bei den Tracks immer andere Leute dabei waren. Engineers ohne Credits. Es gab einfach kein anderes Genre, in dem es möglich war, ganz alleine zu arbeiten.

Und wohin könntest du dich jetzt weiterentwickeln?

Wenn ich so melodiös bleibe, dann muss ich einfach richtige Popmusik machen und mich von Techno verabschieden.

Dann müsstest du singen.

Ich hab’s versucht, aber ich werde es so lange niemandem vorspielen, bis ich damit zufrieden bin. Sonst müsste ich einen Sänger finden, der genau das macht, was ich will. Selbst in Pop würde ich keine Kollaborationen machen wollen. Vermutlich würde ich es erst mal selbst singen, dann ein Tape schicken und es besser gesungen zurückbekommen. Und das ist normalerweise immer der Grund, warum ich etwas anfange, weil ich einfach glaube, dass ich es kann. Wenn ich genug Sachen höre, die ich nicht mag, ist das auch schon mal ein Grund, etwas zu tun. Vor einer Weile gab es so viele Technoleute, die Vocals benutzt haben, die ich nicht leiden konnte.

Du wärst auch jetzt nicht der Einzige, der Pop macht, häufiger ist aber, eine Band zu gründen.

Es müsste aber völlig elektronischer Pop sein. Das, was dem am nächsten kommt, wäre vielleicht Notwist. Die Popversuche, die aus dem elektronischen Umfeld zur Zeit so gestartet werden, finde ich von der Produktion her furchtbar. Wenn ich die live sehe, ist es grauenvoll. Weder können sie singen noch Songs schreiben und die Lyrics sind das Letzte. Mir gefällt da eher so etwas wie Imogen Heap. Das sind phantastische Produktionen.

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Elektronische Lebensaspekte.