Text: gregor wildermann aus De:Bug 15

Britischer Beat-Bauherr Jagganauten im Jegahut Gregor Wildermann gregorw@berlin.snafu.de Es ist mal wieder so weit. Meine Finger wandern in Richtung Nummerntasten, und die so vertraute Kombination aus zwei mal der Null und der doppelten Vier öffnen die Leitungen in Richtung Großbritannien, in diesem Falle Manchester (wobei 01019 vielleicht billiger gewesen wäre). Nach drei EP’s und seinen Debutalbum ãSpectrumÒ ist es längst Zeit geworden, mit dem Sohn einer englischen Mutter und eines indischen Vaters über Musik und Zukunft zu reden. Ähnlich wie Edgar Farinas von Push Button Objects war er letztes Jahr als Opener bei der Autechre-Tour dabei. Eine Japan-Tournee sowie seine zwei neuen BMX-Bikes gehören zu weiteren Wendepunkten im Leben des Jega, der sogar einen Flugschein sein Eigen nennt. Zu seinen Remixekunden gehörten in letzter Zeit nicht nur Michael Fakesch von Musik aus Strom oder Mark Broom sondern sogar Andrew Weatherall. Mit dem angenehm unbefangenen Bauherr vertrackter und doch rollender Beats sprachen wir über alte Videospiele und neue Weltherrschaften…. De:Bug: Wie kam der Kontakt zum Michael Paradinas Planet-µ-Label zustande? DN:Ich habe von 1991 bis 94 studiert und während dieser Zeit auch Micheal kennengelernt, der wie ich Architekturstudi war. Richard D. James war auf der gleichen Universität und so lernte man sich halt kennen. Zu der Zeit gab es auch eine Menge neuer interessanter Labels wie z.B. Rephlex und man hörte sich alte Soul- und Funkplatten direkt neben Detroit und ersten Warp 12″es an. Zumindest war es eine Zeit, die richtigen Leute kennenzulernen. De:Bug: Also zur richtigen Zeit an richtigen Ort! DN: Alles was jetzt passiert und was man jetzt von mir hört, ist das Ergebnis von Dingen, Menschen und Situation aus der Vergangenheit. Sie haben mich beeinflußt, und deshalb stehe ich jetzt hier. De:Bug: Sind Deine bisher veröffentlichten Platten auch weitgehend älteres Material? DN: Die Platten auf Skam sind von ’94 -’95, auf dem Album sind aber neben einigen älteren Stücken weitgehend neuere Tracks. Ich versuche wirklich, meinen Sound mit jedem Release zu verändern oder zu erweitern. Ich gehöre ja mehr zu der Second Generation dieser Art von Musik und habe beobachtet, wie andere Künstler sich entwickelt haben und welche Alben sie herausbrachten. Meiner Meinung nach haben viele den Fehler begangen, sich gleich am Anfang auf einen bestimmten Sound festzulegen und genau das erwartete man später auch von ihnen. Ich möchte mir da einiges offenhalten. Wenn jemandem mein neuerer Sound nicht gefällt, brauch ich so jemanden auch nicht als Publikum. De:Bug: Und in welche Richtung bewegst du Dich im Moment? DN: Ich habe mich auf Rhytmen konzentriert und wie die mit Melodien einhergehen. Auf dem Album sind die Rhythmen oft sehr abstrakt oder ändern sich ständig, die Melodie bleibt. Die Sounds auf dem Album sind allerdings verhältnismäßig konventionell. Da möchte ich noch mehr tun. Autechre haben z.B. wahnsinnig gute Sounds. Ich hoffe mit meinem neuen Mac an diesem Standard arbeiten zu können. Bisher hatte ich reativ billiges Equipment. Jedes Instrument hat seinen Charakter, dem man am Ende nicht entfliehen kann. Der Mac ist da eher wie eine leere Leinwand. Es ist nichts da und gerade weil nichts vorhanden ist, kann man diese Leere ausfüllen. De:Bug: Wie arbeitest du jetzt? DN: Als Sequencer benutze ich ein ganz normales käufliches Programm. Zur Soundgestaltung gibt es sehr gute Sharewareprogramme und Tools aus dem Internet. Sean Booth von Autechre hat mir da ein paar sehr nützliche Tips gegeben. Im Moment arbeite ich mit einem Programm namens Granual Synthesis und einem anderen namens Thong, wo man z.B. 30 Sekunden Sound einen halben Tag durchgehend loopen läßt und Thong am Ende einen ganz anderen Sound generiert, der völlig dem Zufall entsprungen ist. De:Bug: Auf deinem Spectrum-Album findet sich netterweise ein Track mit dem Namen ãGermanÒ! DN: Dafür gibt es zwei Gründe: Mein erster Auslandsgig war in München, wo ich mit MUSIK AUS STROM im Ultraschall gespielt habe. Diesen Track hatte ich speziell für mein Liveset geschrieben und kurz nach dem Auftritt habe ich “German” auf das DAT gekritzelt. Gleichzeitig erinnerte mich das Stück auch an Kraftwerk, die ich sehr verehre. Für mich muß jeder Track etwas bedeuten, damit er einen Namen bekommt, ansonsten verwerfe ich das Stück oder den Sound. Ich habe noch einen alten Sinclair ZX Spectrum Computer, der seine Software von einem ganz normalen Kassettentape ließt. Seine Sounds und die eines gleichnamigen Videospiels habe ich dann für “Manic Minor” verwendet. “Musical Chair” heißt so, weil es sehr gut zu dem Spiel paßt. De:Bug: Das heißt bei uns “Reise nach Jerusalem”, obwohl mir noch niemand erklären konnte, was Jerusalem damit zu tun hat! DN: In England nennt man das Spiel “Musical Chair” und seine Kindermelodien und die ständigen Breaks erinnerten mich wieder an diesen Namen. De:Bug: Bist du auf dem Photo des Albums das linke oder rechte Kind? DN: Ich bin auf der linken, meinen Schwester auf der rechten Seite. Ich bin letztes Jahr nach fast fünfzehn Jahren zum ersten Mal wieder in Indien gewesen und habe das Photo bei einem Onkel auf dem Schreibtisch gesehen. Ich kannte das vorher gar nicht. Meine Mutter starb vor vier Jahren und ich dachte mir, es wäre sehr schön, wenn dieses Photo auf meiner Platte wäre. Das Cover habe ich selbst gemalt. Artwork allgemein ist mir unheimlich wichtig. Ich würde es nie in andere Hände legen. De:Bug: In der englischen Presse wird deine Musik in die Schublade Drill & Bass abgelegt. Wie stehst du dazu? DN: Das ist furchtbar! Ich glaube, daß meine Musik eher im Ausland gehört wird und in England eher weniger. Squarepusher oder Aphex Twin würden ihre Musik nie als Drill & Bass bezeichnen, obwohl sie ehrlich gesagt sehr viele Drill & Bass-Platten herausgebracht haben: Aphex ein Album und mindestens drei EP’s; Squarepushers ganze Karriere besteht aus Drill & Bass. Ich finde es ist wirklich einen schlechten Begriff und nur eine der üblichen und sinnlosen Schubladen. Für mich muß meine Musik wie gutes Design funktionieren. Schön sein und Emotionen haben! De:Bug: Am Schluß eine Frage, die uns wieder an deine Anfänge bringt: Wie wäre das Haus gebaut, das Dylan Nathan für Jega baut! DN: Oh, man! Das ist eine schwierige Frage. Ich würde gerne eine alte Ölplattform umbauen und die dann in den Bahamas aufstellen! De:Bug: Und von dort aus neue Platten machen! DN: Jeah, man! Dann gäbe es nur ein Ziel: World-Domination! ZITAT: Als Musikinstrument ist der Mac wie eine leere Leinwand. Es ist nichts da und gerade deshalb kann man diese Leere ausfüllen.

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Elektronische Lebensaspekte.