Ohne den Sänger der Junior Boys würde dem neuen Morgan-Geist-Album viel an Charakter fehlen. Groß mitreden durfte Jeremy Greenspan aber nicht.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 125


De:Bug: War vor ”Most Of All“, die letzte Morgan Geist-Single, auf der du auch schon gesungen hast, klar, dass es der Teaser für sein neues Album und für eine engere Zusammenarbeit zwischen euch werden würde?

Jeremy Greenspan: Ja. Als wir ”Most Of All“ aufgenommen haben, gab es noch mehr Material, an denen wir gearbeitet haben. Morgan hatte da schon fünf oder sechs andere Songs für das Album fertig, auf denen ich singen sollte.

De:Bug: Das heißt, Morgan hat die Tracks geschrieben und produziert und du kamst ins Studio mit den Texten und …

Jeremy Greenspan: Nein, nein, er hat auch die Texte geschrieben. Ich habe gar nichts getan, absolut gar nichts. Es gibt einen Song auf dem Album, ”City Of Smoking Flames“, beim dem ich den Text und die Gesangsmelodie geschrieben habe. Das wars. Morgan hat alles andere gemacht. Ich war nur im Studio um zu singen.

De:Bug: Wie war das für dich, zur Abwechslung mal nicht in den kreativen Prozess eingebunden gewesen zu sein?

Jeremy Greenspan: Es hat Spaß gemacht. Faktisch hat Morgan mich als Studiomusiker angemietet. Ich würde das nicht für viele Leute tun, es ist einfach nicht so interessant für mich. Nicht, dass es nicht interessant gewesen wäre, aber ich sehe mich normalerweise nicht als professionellern Sänger, den man mieten kann, an. Aber da es Morgan war, der gefragt hat, er so ein guter Freund von mir ist und ich ein großer Fan seiner Musik bin, habe ich mit gemacht. Aber ehrlich gesagt habe ich jetzt etwas Angst, dass Leute denken, dass ich so ein seltsamer Studiosänger bin. Ich hatte das schon, dass ich angerufen wurde und Leute mich gefragt haben, ob ich auf ihren Tracks singen könnte. Das ist wirklich nicht mein Ding.

De:Bug: Wie gefällt dir denn das Album?

Ich mag es wirklich sehr gerne. Und ich hab das Gefühl, dass ich das sagen kann, weil ich absolut nichts mit dem Album zu tun habe (lacht). Morgan war sehr, sehr gründlich, während des Produktionsprozesses. Ihn und seine Arbeitsweise zu beobachten, hat mir viel gegeben, weil er so anders arbeitet als ich. Er ist viel präziser und sorgfältiger als ich, was sehr interessant zu sehen war – auch wie er mit Vocals arbeitet. Wir haben fast den genau entgegen gesetzten Ansatz, Vocals aufzunehmen, und mit ihnen zu arbeiten.

De:Bug: Wo ist der Unterschied?

Jeremy Greenspan: Sein Ansatz ist es, von der ersten Sekunde an darauf zu achten, dass jeder Vocal-Take wirklich präzise ist, sicher zu gehen, dass es keine Fehler gibt. Während mein Ansatz eher der ist, den Take zu finden, der am ”menschlichsten“ klingt. Das heißt, dass ich normalerweise eine ganze Menge Takes aufnehme und mir dann den raus suche, der mir am besten gefällt. Ich korrigiere keine Fehler und ich habe auch keine Lust, Vocals groß zu bearbeiten. Auf Morgans Album ist mein Gesang viel präziser, als bei Junior Boys-Songs. Ich klinge wie ein besserer Sänger. Morgan mag die kleine Unperfektheiten nicht, die ich normalerweise drin lasse, wenn ich zum Beispiel mal nicht die Note getroffen habe. Vielleicht ist es auch Faulheit, die mich so arbeiten lässt. Aber es gibt eine Menge Sänger, die ich liebe, die vollkommen unperfekte Stimmen haben. Ich mag das. Morgan dagegen hatte eine ganz genaue Vorstellung, wie die Rhythmen und die Melodie der Vocals funktionieren sollten, und sie sollten perfekt sein.

De:Bug: Dann hat er dich wahrscheinlich viel proben lassen.

Jeremy Greenspan: Jeremy Greenspan: Ja, ich musste eine Menge proben, bevor wir aufgenommen haben. Und dann sagte er, dass ich zum Beispiel bei einzelnen Teilen dieses besser machen und auf jenes achten sollte. Gesang so aufzunehmen ist viel zeitaufwändiger, als bei unseren Junior-Boys-Sessions. Überhaupt war es sehr interessant für mich zu sehen, wie er Songs schreibt. Er schreibt nämlich fast alle seiner Tracks erst Mal am Rechner mit Software-Synthesizern. Wenn du dir seine ersten Demos anhörst, dann klingen sie furchtbar, billig. So arbeitet er, bis er das Gefühl hat, dass der Track fertig ist, und dann nimmt er sie nach und nach noch mal neu mit seinen analogen Synthesizern auf. So klangen die Demos je nach Produktionssstadium immer besser und besser. Was sich auch sehr von meiner eigentlichen Arbeitsweise unterscheidet. Seitdem ich mit ihm zusammen gearbeitet habe, bin ich allerdings auch vermehrt dazu über gegangen, meine Ideen erst mal mit Software-Instrumenten vorzuproduzieren, und sie dann später, wenn ich zufrieden bin, neu aufzunehmen. Analoge Synthesizer klingen einfach viel besser.

De:Bug: Es ist interessant, sich Morgan Geists letztes Soloalbum ”The Driving Memoirs“ noch mal anzuhören, dass ja schon zehn Jahre alt ist und noch sehr diesem spleenigen Detroit-Techno-Sound verbunden war, den Morgan auch am Anfang von Environ ausgezeichnet hat, vor Metro Area …

Jeremy Greenspan: Ich kann nicht wirklich für Morgan sprechen, aber er hat mir gesagt, dass sein neues Album das Anti-Metro-Area-Album sein sollte. Metro Area wurde so sehr mit den live eingespielten Instrumenten identifiziert, mit dem organischen Klang. Mit ”Double Night Time“ wollte er ein Album machen, das durch und durch elektronisch klingen sollte. Popmusik im Geiste von zum Beispiel Yellow Magic Orchestra. Alles klingt brutal synthetisch. Was wiederum sehr meiner eigenen Vorstellung von Popmusik entspricht. Von daher war es nur logisch, dass Morgan mich gefragt hat, auf seinem Album zu singen.

De:Bug: ”Double Night Time“ klingt auch sehr clean.

Jeremy Greenspan: Ich finde eins von Morgans größten Talenten ist die unglaubliche Klarheit seines Sounds. Ein weiterer Unterschied zu mir ist, dass ich sehr viel mit Effekten arbeite, während Morgan gar nicht daran interessiert ist, Effekte zu benutzen. Er ist ein Synthese-Purist. Jeder Sound, jeder Effekt, den du im Sound haben willst, kann in der Synthese selbst kreiert werden. Er ist sehr akribisch, was sein Sounddesign betrifft. Und das Ergebnis davon ist, das er diese wahnsinnig klaren Takes hinbekommt. Ich liebe diesen kristallklaren Sound.

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Elektronische Lebensaspekte.