Griffig geschilderte Entfremdungsszenarios
Text: Markus von Schwerin aus De:Bug 126


Wenn man als fünfköpfige Band versucht, im Spannungsfeld Elektronik, Postrock und Singer/Songwriter-Pop eine Schnittmenge zu finden, sollte es nicht an Zeit und Geduld fehlen. Jersey haben sich der Herausforderung gestellt und zeigen mit ihrem zweiten Album ”Itinerary“, dass Demokratie die Mühe wert sein kann.

Bevor es so weit war, musste der ”Itinerary“ von Jersey während der dreijährigen Entstehungszeit manch Änderung durchlaufen, um alle Reisenden glücklich ans Ziel zu bringen. Da sich das, was einst als Zweimann-Ausflug des Contriva-Gitarristen Max Punktezahl mit der programmierenden iso68-Hälfte Florian Zimmer begann, zur Gruppenreise entwickelte, ist das Prozedere komplexer geworden. ”Beim Debüt kamen Marion und ich erst dazu, als es instrumental schon fast fertig war“, erzählt Sänger Noël Rademacher.

”Da entwickelte ich zu den vorgegebenen Strukturen Texte und Gesangsmelodien und die anderen wählten daraus aus.“ Ergänzt um den Jazztrommler Andreas Haberl wollten es Jersey beim Zweitwerk aber auf eine durch und durch demokratische Bandplatte ankommen lassen. Je nach Disposition der Mitglieder bildeten sich neue Arbeitskonstellationen, was mitunter auch zu ernüchternden Ergebnissen führte, wie Florian Zimmer eingesteht: ”Als Max sehr mit Contriva beschäftigt war, nahmen Noël und ich tierisch viel auf, um dann mit betäubten Ohren festzustellen, wie wenig Zufriedenstellendes dabei war.“

Noël fügt hinzu, dass die ursprüngliche Reihenfolge der Arbeitsprozesse die ideale ist: ”Max und Flo sind so gut aufeinander eingespielt, dass bei ihnen ein Grundgerüst an Riffs und rhythmischen Ideen bereits ausreicht, um in kurzer Zeit einen guten Song zu kreieren. Wenn die beiden dann Marion, Andi und mir schon etwas weit Gediehenes weiterreichen, kann das Stück schon nach einer Woche fertig sein.“

So geschehen beim Song ”Touch The Ground“, der 2006 als Single erschien und nun auch auf ”Itinerary“ als quasi Prolog zu hören ist. Darin geht es um eine Fahrt zu einem Bewerbungsgespräch, die den Erzähler mit einigen Unwegsamkeiten konfrontiert – ist er doch mit einem Skateboard inklusive Beifahrer unterwegs. Bis der narrative Teil nach zwei Minuten einsetzt, finden die zig Eindrücke während dieser Stadtverkehr-Ralley mittels Twang-Gitarre, sich langsam herausschälender Kratz-Percussion und schließlich treibender Rhythmusgruppe ihre atmosphärische Antizipation.

Solch cineastische Qualitäten zeichnen auch die übrigen neun Songs aus, die ihre Verwandtschaft zu The Notwist (bei denen Andi und Max ebenfalls spielen) gar nicht erst zu verbergen suchen. Doch während die Weilheimer mit verhuscht vorgebrachten Ratschlägen à la ”Pick Up The Phone“ oft den Eindruck erwecken, als sei der Gesang bei ihnen nur notwendiges Übel, bekommen Jerseys griffig geschilderte Entfremdungsszenarios wie ”Shoeshine“ oder ”Half An Hour“ dank Noëls Charakterstimme noch eine gute Portion Lennon’scher Ennui.

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Elektronische Lebensaspekte.